Wenn die Gewalt des Partners den Alltag beherrscht



Am 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. „Die Glocke“ berichtet über eine Betroffene aus Ennigerloh. 

Nach Angaben des Bundeskriminalamts ist die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt im vergangenen Jahr deutlich angestiegen. Am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen soll auch in Ennigerloh ein Zeichen gesetzt werden. Symbolbild: dpa

Ennigerloh (akl) - Der Mann von Anna B. war schon immer eifersüchtig. Zunächst äußerte er das nur in Worten. Doch irgendwann schlug er zu. Er demütigte seine Frau – auch vor den drei Kindern. Mehrfach musste die Polizei kommen – bis sich die Ennigerloherin Hilfe suchte, um der Situation zu entkommen.

Kontrollsucht entwickelt sich zu Gewalt 

Am 25. November ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. „Fälle wie der von Anna B. sind leider alltäglich“, sagt Gabriele van Stephaudt, Leiterin der Frauenberatungsstelle Beckum. Anna B. (37) hat sich vor drei Jahren von ihrem Mann getrennt. Aber noch heute hat die Ennigerloherin Angst, tyrannisiert zu werden. Deshalb möchte sie anonym bleiben. Ihr selbst fällt es noch schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Sie hat aber ihr Einverständnis gegeben, dass van Stephaudt über ihren Fall mit der „Glocke“ spricht. 

Mehr als zehn Jahre war Anna B. verheiratet, als die Kontrollsucht ihres Mannes sich nicht mehr nur verbal äußerte. Er fing an, sie zu schlagen, zu beschimpfen. Die Abstände wurden kürzer, die Gewalt heftiger. Vier Jahre lang lebte sie so. 

Aus Rücksicht auf Kinder oft verziehen

Als weitere Bewohner des Hauses die Polizei riefen, stellten die Beamten Strafanzeige. Nach den Gewalttaten entschuldigte sich ihr Mann bei Anna B. und versprach, es nie wieder zu tun. Bis zur Trennung verzieh sie ihm immer wieder, in der Hoffnung, dass er sich ändert – und aus Rücksicht auf ihre Kinder. „Die Gewalttat des Mannes rückt in den Hintergrund. Auf die Frauen wird Druck ausgeübt, dass sie mit einer Aussage vor Gericht die Familie zerstören“, sagt van Stephaudt. „Dabei ist es die Gewalt des Partners.“

Hintergrund

So wie in vielen Orten auf der Welt wird auch in Ennigerloh ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen gesetzt. Das Ennigerloher Rathaus und die Mühle an der Ennigerstraße werden am Donnerstag, 25. November, in Orange erleuchten. Gleichzeitig wird um 17 Uhr eine Fahne mit Hilfetelefonnummern am Rathaus gehisst. Alle Menschen seien dazu eingeladen, diese Botschaft zu unterstützen und sich solidarisch zu zeigen, heißt es in einer Pressemitteilung der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt, Ingeborg Seliger. Es gelten die aktuellen Coronaregelungen. 

Gewalt an Frauen ist eine der am weitesten verbreiteten Menschenrechtsverletzungen. Die UN-Kampagne „Orange The World“ findet jährlich zwischen dem 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, und dem 10. Dezember, dem Internationalen Menschenrechtstag, statt. 

Die Frauenberatungsstelle Beckum hat Sprechzeiten am Montag und Donnerstag 10 bis 12 Uhr, Dienstag 14 bis 16 Uhr und Mittwoch 14 bis 15 Uhr. Die Beratungen können persönlich oder telefonisch stattfinden: 02521/16887. Die telefonischen Sprechzeiten der Frauenberatungsstelle Warendorf sind montags von 17 bis 19 Uhr sowie dienstags und mittwochs von 10 bis 12 Uhr unter 02581/60975.

Die Polizei sowie das Jugendamt drängten darauf, dass sich die Ennigerloherin Hilfe suche. Schließlich wendete sie sich an die Frauenberatungsstelle. Anna B. arbeitete mit van Stephaudt daran, ihren Mann nicht mehr für sein Verhalten zu entschuldigen. Sie übte sich in Abgrenzung, machte ihm klar, dass es ein „uns“ nicht mehr gibt. Sie beantragte eine Wohnungszuweisung, damit sie zusammen mit ihren Kindern leben kann. Doch auch wenn sie heute psychisch stabiler ist, ist das Thema für sie nicht beendet. 

Kinder immer wieder verunsichert

Der Vater hat weiter das Recht, die Kinder zu sehen. Zunächst wollte Anna B. die Übergaben allein organisieren. Doch ihr Mann verschaffte sich dabei immer wieder Zugang zu der Wohnung – wieder kam es zu Gewalt gegenüber B. Also wurde ein Umgangspfleger eingesetzt, die Übergabe findet nur noch im Freien statt. 

Auch die Kinder werden von ihrem Vater immer wieder verunsichert. Er fragt sie, mit wem ihre Mutter Zeit verbringe, und sagt, sie könnten wieder eine Familie sein, wenn Mama es wollte. Für die von ihm ausgeübte Gewalt übernimmt er keine Verantwortung.

Zahl der Fälle steigt kontinuierlich an

Nach Angaben des Bundeskriminalamts registrierten die Behörden im vergangenen Jahr bundesweit 146 655 Fälle, in denen ein aktueller oder ehemaliger Partner Gewalt ausübte oder dies versuchte – ein Anstieg um 4,9 Prozent. Im Kreis Warendorf wurden im vergangenen Jahr 256 Fälle von häuslicher Gewalt gemeldet. Zu der Frauenberatungsstelle Beckum sind im vergangenen Jahr 466 Klientinnen gekommen. „Die Zahlen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen“, sagt Gabriele van Stephaudt, die seit 27 Jahren bei der Frauenberatungsstelle arbeitet. 

Die Fälle, um die sich Diplom-Sozialarbeiterin und Traumafachberaterin mit ihren Kolleginnen bei der Frauenberatungsstelle Beckum kümmert, enden immer unterschiedlich. „Es gibt Fälle, bei denen Frauen am Ende mit ihren Erlebnissen abschließen können“, sagt sie. Sie schafften es, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. 

Einige Männer sehen Frauen als ihren Besitz an

Die Ennigerloherin Anna B. ist der Gewalt entkommen. Durch den Kontakt zu ihrem Mann der Kinder wegen ist sie aber immer wieder belastenden Situationen ausgesetzt. Sie hat jedoch in den Gesprächen mit van Stephaudt ihr Selbstwertgefühl gestärkt – auch für neue Beziehungen. 

Es gibt aber auch die anderen Fälle. Wenn der Mann immer wieder sagt, dass er aufhört, und die Frau ihm immer wieder eine Chance gibt. „In vielen Fällen geht es dann aber von vorn los“, sagt van Stephaudt. Denn solche Männer sähen ihre Frauen als Besitz an. Auch dass die Männer zum Äußersten gehen, hat van Stephaudt schon erlebt. Die Männer sagen: Wenn sie diese Frau nicht haben könnten, dann niemand. Deshalb töten sie ihre Frau.

Auf Anzeichen von Gewalt achten

Über das Thema häusliche Gewalt hat „Die Glocke“ mit Gabriele van Stephaudt, Leiterin der Frauenberatungsstelle Beckum, gesprochen. 

„Die Glocke“: Es gab die Befürchtung, dass häusliche Gewalt während der Pandemie zunimmt. Ist das Ihrer Einschätzung nach eingetroffen?

van Stephaudt: Nach dem ersten Lockdown haben die Anfragen mit Beziehungsproblemen und Gewaltschutzanfragen zugenommen. Im vergangenen Jahr haben wir 90 Meldungen zu häuslicher Gewalt von der Polizei bekommen. In diesem Jahr haben wir diese Zahl schon Ende Oktober erreicht. Die Polizei meldet auch andere Delikte, wenn Frauen Opfer werden, an uns. Insgesamt haben wir 122 Meldungen bekommen – eine deutliche Steigerung zum vergangenen Jahr.

„Die Glocke“: Was sind Anzeichen, an denen man erkennen kann, dass jemand im eigenen Umfeld betroffen ist?

van Stephaudt: Klassiker ist das blaue Auge, das mit einer Sonnenbrille verdeckt wird sowie lange Ärmel im Sommer, um die blauen Flecken nicht zu zeigen. Oder wenn eine Frau zurückhaltender und schüchterner als zuvor wirkt. Oder der Mann sie in der Öffentlichkeit beschimpft und sich über sie lustig macht. Oder wenn man nur noch Absagen bekommt wie „Das will mein Mann nicht“ oder „Mein Mann möchte keinen Besuch haben“.

„Die Glocke“: Wie geht man am besten damit um, wenn man so eine Vermutung hat?

van Stephaudt: Wenn man sich unsicher ist, sagt man am besten unverfänglich: „Du, ich mache mir Sorgen um dich, du hast dich in letzter Zeit verändert. Das musst du gar nicht mit mir besprechen, aber es gibt eine Frauenberatungsstelle, bei der kannst du dich anonym melden.“ Wenn man Spuren von körperlicher Gewalt sieht, ist es sinnvoll, es zu benennen und zu sagen: „Ich sehe, dass dir etwas passiert ist, es ist nicht deine Schuld und ich begleite dich auch zu einem Gespräch bei einer Frauenberatungsstelle.“

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