Kleinkrieg im Dealer-Milieu schwappt nach Telgte über


Die Prozessbeobachter im Landgericht Münster fühlen sich zeitweise wie im Film. Wie in einem Actionkrimi, der unter anderem in Telgte spielt.

Telgte / Münster (mm) - Ein Kleinkrieg im münsterländischen Drogendealer-Milieu ist vor einem Jahr nach Telgte übergeschwappt. Drei der Beteiligten müssen sich seit Montag vor der 9. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster unter anderem wegen schweren Raubes verantworten. 

Hauptangeklagter ist ein 30 Jahre alter Italiener, der in Deutschland aufwuchs und in Münster lebte. Mit ihm stehen zwei 29 und 31 Jahre alte Münsteraner vor Gericht, die wegen Beihilfe angeklagt sind.

Am Abend des 29. August 2020 brachen die drei von Münster nach Telgte auf. Als Vierter war noch der 19-Jährige Bruder des Hauptangeklagten dabei, den die Staatsanwaltschaft gesondert verfolgt. Ziel der Pkw-Fahrt war eine Adresse im Telgter Gewerbegebiet Orkotten, wo man zwei Kilo Marihuana vermutete, was der 29-jährige Angeklagte nachmittags teilweise gecheckt hatte. Um ihrem Opfer in Telgte die Drogen abnehmen zu können, hatten sich die beiden italienisch-stämmigen Brüder mit Hammer, Messer und Baseballschläger bewaffnet. Der 31-Jährige fuhr den Wagen, einen BMW.

Am Ziel brachte der Hauptangeklagte das Rauschgift an sich. Doch dann ging sein Opfer zum Gegenangriff über, wobei ihm ein Nachbar half. Die beiden Telgter traktierten den 30-Jährigen und seinen jungen Bruder mit Schlägen und Tritten gegen den Kopf, wobei sie den 19-Jährigen sehr schwer verletzten. Für diesen Gewaltexzess wurden die beiden Telgter bereits zu Haftstrafen von mehr als vier Jahren verurteilt. Als der BMW-Fahrer merkte, dass die Sache völlig aus dem Ruder lief, ergriff er zusammen mit dem 29-Jährigen und dem geraubten Marihuana die Flucht. In wilder Fahrt ging es zunächst nach Wolbeck, wo der 29-Jährige ausstieg. Dann entdeckte die Polizei den zur Fahndung ausgeschriebenen BMW am Albersloher Weg. Der Fahrer, der keinen Führerschein besaß, floh kreuz und quer durch Münsters Innenstadt, wobei er mehrere rote Ampeln ignorierte und Fußgänger gefährdete. Am Servatiiplatz ließ er den Wagen stehen, floh zu Fuß weiter und wurde später geschnappt. Im Wagen fand die Polizei neben Cannabis auch Kokain, Ephedrin-Tabletten und Dealer-Utensilien.

Zum Prozessauftakt sprach der Vorsitzende Richter nur mit dem Hauptangeklagten über dessen Lebenslauf und weitere Anklagen. Das Geschehen in Telgte und die anschließende Verfolgungsjagd sollen am Mittwoch, 1. September, behandelt werden.

Anklageschriften wie Drehbuch für Actionkrimi

Neben dem Raub in Telgte trug die Staatsanwältin noch weitere Vorwürfe gegen den 30-jährigen Hauptangeklagten vor. Beide Anklageschriften zusammen klangen wie das Drehbuch zu einem übertriebenen Actionkrimi. Zutaten waren wüste Schlägereien, eingeschlagene Schädel, die Verfolgungsjagd vor einem Jahr. Da schwirrten deutsche, arabisch, afrikanisch, süd- und osteuropäisch klingende Namen von Drogendealern aus verschiedenen Verfahren durch den Saal. Es ging um schwunghaften Handel mit Cannabis, Kokain, Amphetaminen. Quelle war meist ein Großhändler in den Niederlanden. Und dann gab es auch noch hohe fünfstellige Gewinne in Online-Casinos. Dort hatte vor allem der 30-Jährige Glück. Einmal landeten 84 000, einmal 70 000 und einmal 10 000 Euro auf seinem Konto. Davon lieh er 8000 Euro einem „alten Bekannten aus schlechten Zeiten“. Der beglich die Schulden nicht bar, sondern mit Cannabis, was wiederum der junge Bruder des 30-Jährigen veräußerte. Einmal auch soll der Bruder einem anderen Dealer einen Batzen Marihuana entwendet haben, worauf ihm der Bestohlene eine Pistole in den Mund steckte und den Stoff zurückforderte.

Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.