Initiativkreis Wirtschaft hat die Bildung im Fokus 


Seit zehn Jahren besteht der Initiativkreis Wirtschaft Oelde offiziell. Doch die Initiatoren hatten die Oelder Bildungskette schon davor in den Blick genommen 

Ein gutes Miteinander des Initiativkreises Wirtschaft Oelde und der Stadtverwaltung ist seit den Anfängen des Vereins ein zentrales Anliegen. Das Foto zeigt (v. l.) den aktuellen IWO-Vorsitzenden Jörg Pott, Bürgermeisterin Karin Rodeheger und Dr. Reinhold Festge, Mitbegründer und langjähriges Vorstandsmitglied. Foto: Hübl

Oelde (hh/rh) - Wenn gleich drei Bürgermeister die Versammlung eines Vereins besuchen, dann zeigt das eine besondere Wertschätzung. Beim Treffen des Initiativkreises Oelder Wirtschaft (IWO), das im zehnten Jahr des Bestehens stattfand, war die Bedeutung des Vereins für die Stadt zentrales Thema. Die ehemaligen Amtsinhaber Helmut Predeick und Karl-Friedrich Knop sowie Oeldes amtierende Bürgermeisterin Karin Rodeheger unterstrichen mit ihrer Anwesenheit die Bedeutung des Initiativkreises, der seit zehn Jahren aktiv ist. „Ich freue mich, mal wieder eine Präsenzveranstaltung durchzuführen“, sagte der Vorsitzende Jörg Pott am Donnerstagabend zur Begrüßung auf dem Malzboden seiner Brauerei. Die Corona-Pandemie habe auch dem IWO und seinen Aktivitäten zugesetzt. „2020 war ein Jahr der Absagen“, bedauerte Pott. „Wir haben immer wieder darauf gewartet, dass sich die Situation verbessert. Aber das war nicht der Fall, sodass wir Veranstaltungen wie das Straßentheaterfest oder die Berufsfelderkundungen absagen mussten.“

Weniger Kurse durchgeführt

Immerhin sei es jedoch möglich gewesen, die Robotik-Kurse für Schüler durchzuführen, erklärte Mitarbeiterin Barbara Köß. „Wenn auch mit weniger Teilnehmern pro Kursus.“ Insgesamt seien 39 Kurse im vergangenen Geschäftsjahr durchgeführt worden. Angesichts der Herausforderungen durch die Pandemie eine Zahl, mit der der IWO zufrieden sein kann, betonte Barbara Köß.

Der Initiativkreis der Oelder Wirtschaft besteht seit zehn Jahren. Grund genug, dass das ehemalige Vorstandsmitglied Dr. Reinhold Festge einen Blick auf die Geschichte des gemeinnützigen Vereins warf. Zusammen mit Dieter Borchert, dem Betriebsleiter Miele Lette, habe er die Gründung angeregt, um junge Menschen für die heimische Wirtschaft zu interessieren. Dabei sei es stets darum gegangen, die Neugier und den Forschergeist der Jungen und Mädchen zu wecken und zu fördern.

Mit der Messe „Mach mit“ einen Namen gemacht

So hat der IWO das Forschen in Oelder Kitas gefördert und war bei der Einführung des Technikunterrichts am Thomas-Morus-Gymnasium maßgeblich beteiligt. Mit seinen Veranstaltungen wie zum Beispiel der Ausbildungsmesse „Mach mit“ hat sich der Initiativkreis über die Stadtgrenzen hinweg einen Namen gemacht.

Im Zeitraum von 2011 bis 2020 habe der IWO 288 000 Euro an Mitgliedsbeiträgen und 700 000 Euro an Fördermitteln und Spenden generiert, stellte Pott zum Abschluss der Mitgliederversammlung fest. Trotz der Corona-Pandemie befinde sich der IWO auf Kurs, betonte Schatzmeister Ludger Reckmann. „Auch wenn 2020 das schwierigste Jahr seit dem Bestehen war“, sagte er. Die Mitglieder zeigten sich mit der geleisteten Arbeit zufrieden und entlasteten einstimmig den Vorstand.

Dr. Festge im Interview: „Wir benötigen Gewerbe- und Wohnbauflächen“

Dr. Reinhold Festge gehörte zu den Initiatoren bei der Gründung des Initiativkreises Wirtschaft Oelde. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Vereinigung blickt der Gesellschafter des Oelder Unternehmens Haver & Boecker im „Glocke“-Interview auf die Anfänge und seitdem verfolgte Ziele. 

„Die Glocke“: 10 Jahre IWO: Warum ist der Verein aus Ihrer Sicht für Oelde wichtig?

Dr. Festge: Wir haben dadurch in Oelde eine enge Beziehung zur Stadtverwaltung aufbauen können. So kann die Industrie beispielsweise vorbereitend mit ihren Investitionen auf die Stadt zugehen und umgekehrt auch die Stadt auf die Industrie, sodass wir uns aufeinander einstellen können. Das hat uns allen in den vergangenen Jahren gutgetan.

„Die Glocke“: Gehen wir an den Anfang: Können Sie einen konkreten Auslöser der Gründung benennen?

Dr. Festge: Konkret ausgelöst hat dies Rudolf Miele, der sich nach der Übernahme des Cordes-Werks in Lette auch als Oelder Unternehmer fühlte. Zwei Dinge gefielen ihm nicht: Dass es in der Stadt regelmäßig Gewerbesteuererhöhungen gab und dass in der Zeit viele Jugendliche ohne Ausbildungsvertrag waren. Er hat seinen damaligen Geschäftsführer in Lette informiert und mich angerufen, diesen darin zu unterstützen, ein gutes Verhältnis zur Stadtverwaltung aufzubauen und die Jugendlichen zu versorgen. So haben wir angefangen, Unternehmer einzuladen, um sie ins Gespräch zu bringen – auch mit der Stadt. Die Verwaltungsspitze war zu den Treffen ebenso eingeladen wie beispielsweise Vertreter von Arbeitsamt und Berufsschule.

„Die Glocke“: Es ging also darum, zu zeigen, dass die Wirtschaft jungen Menschen vor Ort Chancen bietet?

Dr. Festge: Wir wollten die Möglichkeiten zur Ausbildung und unsere Kapazitäten aufzeigen: zukunftsorientierte Berufe bei zuverlässigen Unternehmen.

„Die Glocke“: Wie ist dies in der aktuellen Pandemiesituation?

Dr. Festge: Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Industrie in Oelde weniger ausbildet. Sofern es eine Zurückhaltung im Handwerk und in freien Berufen gibt, halte ich das aber nicht für ein Grundsatzproblem, das über die Pandemiesituation hinausreicht.

„Die Glocke“: Wie einmalig ist es, dass ein Zusammenschluss von Unternehmen wie der IWO den Bildungsbereich so in den Blick nimmt und unterstützt?

Dr. Festge: Einmalig ist es vermutlich nicht, aber doch sicher eher selten. Der Ansatz von Rudolf Miele bezog sich damals auf Lehrstellen und Steuern, im Iwo wurde dieser verbreitert. Dazu gehört der Aufbau der Bildungskette, der vom Kindergarten über die Schule bis zum Studium durchgehenden Bildungsbegleitung in Oelde. Damit sind wir nicht die Einzigen, aber vorbildlich.

„Die Glocke“: Erfordert die Pandemie mit ihren Einschränkungen für das Bildungssystem nun besondere Maßnahmen – etwa seitens des IWO?

Dr. Festge: Der IWO wird in Zukunft voraussichtlich mehr aktiv werden, um etwa Nachteile des Homeschoolings auszugleichen.

„Die Glocke“: Bei der Reihe „Unternehmen im Dialog“ ist der IWO Kooperationspartner der Stadt. Wie würden Sie das Miteinander der Oelder Unternehmen untereinander und den Austausch mit der Verwaltung bewerten?

Dr. Festge: In Schulnoten würde ich in beiden Bereichen eine Eins vergeben. Das Verhältnis der Unternehmen untereinander ist hervorragend und ihr Verhältnis zu Stadt ebenso – wir arbeiten gut zusammen, informieren uns gut.

„Die Glocke“: Damit sind wir thematisch beim Wirtschaftsstandort Oelde. Welche Standortfaktoren sind aus Ihrer Sicht ideal, wo gibt es Nachbesserungsbedarf?

Dr. Festge: Ideal ist die schulische Infrastruktur, aber auch darüber hinaus ist Oelde als kleine Stadt gut aufgestellt. Aufpassen müssen wir im Bausektor, dass wir den Wohnungsbau nach vorn bringen, um Mitarbeitern, die in Oelde nicht nur arbeiten, sondern auch leben wollen, diese Option bieten zu können. Da sollte man am Ball bleiben und auch versuchen, neue Unternehmen anzusiedeln. Wir benötigen also Gewerbe- und Wohnbauflächen.

„Die Glocke“: Zu den Standortfaktoren gehört die Steuerbelastung: Wurde der Arbeitskreis der Unternehmer, aus dem der IWO hervorging, zurecht als „Gewerbesteuererhöhungsverhinderungsverein“ bezeichnet?

Dr. Festge: Der Ausdruck stammt vom damaligen Bürgermeister Helmut Predeick, aber das ist auch so: Wir wollen keine hohen Steuern, und wir benötigen auf dem Land diesen Standortvorteil. Attraktiv für Betriebe und Mitarbeiter zu sein, geht mit den höchsten Steuersätzen nicht. Wir zahlen unsere Steuern fair, aber wir müssen mit unseren Produkten auch weltweit konkurrenzfähig sein – nicht nur mit Nachbarstädten. Die Forderung des IWO nach einer sachlichen begründbaren Steuerlast bleibt erhalten und wird immer wieder auf die Tagesordnung kommen.

„Die Glocke“: Ein Blick in die Zukunft: Wo sollte aus Ihrer Sicht der Schwerpunkt der Arbeit des Initiativkreises gelegt werden?

Dr. Festge: Ich möchte unseren Nachfolgern nicht sagen, was sie machen sollen. Mit unserer Politik der vergangenen Jahre sind wir meines Erachtens gut gefahren – und Oelde auch. Wichtig ist, das Wohl und Wehe der Stadt und ihrer Bürger im Auge zu behalten, dann ist das schon richtig.

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