Abschreiber vernachlässigen Gehirn



Sassenberg (dor) - Es ist nur 1200 Gramm schwer, und doch ist das Gehirn die komplizierteste und komplexeste Struktur im Universum. Wie es funktioniert, beantwortete der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Heinz Schirp, der auf Einladung der VHS Warendorf ins Rathaus gekommen war.

Der Titel seines informativen und launigen Vortrags lautete: „Wie lernt das Gehirn? Lernen und Lehren aus neurodidaktischer Sicht“.

Der Hippocampus ist der Teil, des Gehirns, der dafür sorgt, dass wir auf etwas aufmerksam werden. Er arbeitet wie ein Neuigkeitsdetektor, wertet blitzschnell aus, hat aber wenig Speicherkapazität. Die Gehirnrinde bietet mit 100 Milliarden Nervenzellen Bausteine, mit denen wir Aufgenommenes verarbeiten können.

 Der präfrontale Cortex, sagte Dr. Schirp, sei dafür da, Pläne zu machen, zu entscheiden, zu recherchieren, das, was man gelernt hat, auch zu nutzen. Der Nucleus accumbens ist der Motor, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, und das lymbische System versetzt alles, was wir wahrnehmen mit Emotionen. All diese Bereiche hängen zusammen, seien miteinander vernetzt, arbeiten ununterbrochen zusammen, erläuterte Prof. Dr. Heinz Schirp.

Wie der emeritierte Erziehungswissenschaftler, der sich seit mehr als 25 Jahren intensiv mit Schul- und Lernforschung auseinandersetzt, betonte, sei das Gehirn nicht etwa ein Computer, der über die Eingabe- oder Entertaste alles speichert, was eingegeben werde. Das Gehirn sondiert vielmehr, als selbst organisierendes System wählt es aus, was behalten wird. Und das wird nur das sein, was für das Gehirn Sinn ergibt und für den jeweiligen Menschen bedeutungsvoll ist.

Für Lehrer müsse es daher gelten, Lerninhalte mit Sinn zu füllen. Nur mit Auswendiglernen oder Abschreiben funktioniere das Lernen nicht. „Wir sind Augentiere“, sagte Schirp und fügte an, „dass wir viel mehr beeinflusst werden durch das, was wir sehen, als durch das, was wir hören.“ Deshalb sei der Einsatz aussagekräftiger Bilder ein probates Mittel, um Sachverhalte zu verdeutlichen.

„Gutes Lernen hat immer etwas mit guter Unterhaltung zu tun“, so der Neurowissenschaftler, der sich aus seinem Wissen heraus zu Ganztagsschulen bekannte. Mit dem Doppelstundenmodell und der offenen Lernsituation hätten Kinder an Ganztagsschulen viel mehr Zeit und Gelegenheit, eigene Lernstrategien zu entwickeln und ihre Neugier zu entfalten. Das Schlimmste am Lernen sei es, so der Professor, keine Neugier zu haben.

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