Jungen und Mädchen „tauschen“ Berufe



Sassenberg (dor) - Ein Mädchen, das Rasenmäher zusammenbaut  und Jungen, die im Kindergarten beim Mittagessen helfen. Verkehrte Welt? Nein, sondern Realität. Sowohl die Hauptschule als auch die Realschule Sassenberg nahmen gestern am bundesweiten „Girls’ und Boys’ day“ teil.

Die kleinen Rabauken in der Tagesstätte „Wolke 7“ hält Nicholas Retzlaff beim Mittagessen bei Laune. Dem jungen Mann macht die ungewohnte Tätigkeit durchaus Spaß, er vermisst aber männliche Kollegen.

Vor genau elf Jahren fand der erste Mädchenzukunftstag bundesweit statt. Ziel dieses Berufsorientierungstages ist es, jungen Frauen typisch männliche Berufe näherzubringen.

Denn obwohl die junge Frauengeneration in Deutschland über eine gute Schulbildung verfügt, entscheiden sich die Mädchen in ihrer Ausbildungs- und Studienwahl noch immer überproportional häufig für so genannte weibliche Berufe. Betrieben hingegen fehlt es in technischen und techniknahen Bereichen immer mehr an qualifiziertem Nachwuchs. Und genau hier setzt der „Girls´ day“ an. Petra Kahle, Klassenlehrerin der 7b, schätzt an dem Berufsorientierungstag, dass die Schüler und Schülerinnen prinzipiell einen ersten Einblick in die Arbeitswelt erhalten. Wenn diese Orientierung dann noch in einem geschlechtsuntypischen Beruf stattfindet, um so besser. Bei Karina Landgraf aus der 7b scheint die Zielsetzung voll aufzugehen.

Bisher hat sie für sich gedacht, dass Zahnarzthelferin ein Beruf für sie sein könnte. Jetzt, nachdem sie beim Raiffeisenmarkt erfolgreich einen Rasenmäher zusammen- und einen Kaninchenstall aufgebaut hat, kann sie sich durchaus auch einen handwerklich-technischen Beruf vorstellen. „Technik macht Spaß“, sagt sie und strahlt angesichts dieser neu gewonnen Erkenntnis regelrecht.

 Ihre Klassenkameradin Darani Thavarasa schnupperte derweil bei Alfons Kammann in den Kfz-Bereich hinein. Sie half dort beispielsweise tatkräftig beim Reifenwechsel mit. Ihre Begeisterung hält sich jedoch etwas in Grenzen. „Vielleicht“ antwortet die junge Sassenbergerin unbestimmt auf die Frage, ob ein Praktikum oder sogar ein Job als Mechatronikerin für sie infrage kommen könnte.

Um den Jungen die gleichen Möglichkeiten wie den Mädchen zu bieten, wurde der „Girls´day“ erstmals in diesem Jahr auch zu einem „Boys´ day“ ausgeweitet. Dementsprechend hat auch die Realschule ihr Angebot für die Schülerinnen und Schüler vorbereitet. Während die Mädchen der achten Klassen männerspezifische Berufe kennenlernen, holen sich die Jungen in der Praxis einen Einblick in typischen Frauenberufen.

 Dass das sehr aufschlussreich und zielfördernd sein kann, beweist etwa Artur Baitinger. Der Achtklässler der Realschule sitzt in der Kindertagesstätte „Wolke 7“ inmitten einer großen Kinderschar und fühlt sich sichtlich wohl. „Ich hätte nie gedacht, wie viel Spaß die Arbeit mit Kindern machen kann“, sagt Artur.

Er könnte es sich sogar vorstellen, beruflich in diese Richtung zu gehen. Da er aber auch gerne kocht, werden wohl künftige Praktika über seinen Berufsweg entscheiden. Ein paar Räume weiter hilft Nicholas Retzlaff den Kleinsten beim Mittagsmahl. Auch er ist hoch zufrieden. Seine Begeisterung würde für ein Praktikum im Kindergarten ausreichen, für den Beruf des Erziehers aber nicht. Das ist ihm nicht geheuer. Schließlich kommen männliche Erzieher so gut wie gar nicht vor.

 Was aber ist eigentlich typisch Mann, was macht ihn aus? Dieser Fragestellung ging der Stadtjugendpfleger Dirk Ackermann mit den Siebtklässlern in der Realschule nach. „Jungen sind trotz aller Kraft und Anstrengungen nicht das ‘starke Geschlecht’, für das sie immer gehalten werden. Auch sie dürfen Ängste haben und Gefühle zeigen, so der Jugendpfleger, der mit den Jungen unter anderem das faire Kämpfen und Einhalten von Spielregeln übte.

 Überdies wagte er mit den Schülern einen Blick in die Zukunft. „Wie könnte Dein Leben in zehn Jahren aussehen?“ war nur eine Fragestellung, die Ackermann mit den Jungen erörterte. Des weiteren wurden Konflikte und Lösungsmöglichkeiten besprochen und anhand von Rollenspielen verinnerlicht.

Genau so konzentriert, wie die Jungen hier bei der Sache waren, erhielten die Siebtklässlerinnen im Technikraum der Schule eine erste Einführung in die Welt der Technik.

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