Morgens ist der Wald wie eine Kathedrale



Sassenberg (dor) - Langsam fährt der Geländewagen den Waldweg entlang. Am Steuer Martin Sievers. Der Sassenberger ist Jäger aus Passion. Der Kies unter den Rädern knirscht, auch das Motorengeräusch ist trotz Schrittgeschwindigkeit deutlich zu hören. Das stört das Rehkitz, das in 20 Metern Entfernung steht, offenbar so gar nicht.

Auf seinem Hochsitz verbringt Martin Sievers, Geschäftsführer der Kreisjägerschaft Warendorf, seine liebsten Stunden der Woche.

 Neugierig blickt sich das Tier um und verharrt in dieser Position. Selbst das Herunterlassen des Fensters, das Klicken der Kamera oder das Blitzlicht machen ihm nichts aus. „Das Kitz ist genauso fasziniert von dem Geschehen wie wir“, sagt Martin Sievers.

Seit sieben Jahren hat der Geschäftsführer der Kreisjägerschaft Warendorf in dem Oelder Naturschutzgebiet eine Jagdpacht. Mindestens dreimal in der Woche macht er sich dorthin auf den Weg zu seinem Hochsitz. Mit dabei sein Gewehr und sein Pirschstock, den er schon manches Mal für mehr Stabilität beim Anlegen genutzt hat.

Ebenfalls in Sievers Hand befindet sich etwas, das man bei einem Erwachsenen nicht unbedingt vermutet: Ein Döschen Seifenblasen. Dieses schraubt Sievers nun auf und bläst einige bunte Seifenblasen in die Luft. So prüft er, aus welcher Richtung der Wind kommt. Denn davon hängt der Erfolg der Pirsch und der Jagd entscheidend ab. „Wenn die Tiere den Geruch des Menschen in die Nase bekommen, suchen sie sofort das Weite“, weiß Martin Sievers.

Aber auch die Farbe der Kleidung ist wichtig. Das Rehwild hat eine Rot- und Grünschwäche, diese Farben können sie schlecht erkennen. Aus diesem Grund tragen Jäger grün, beziehungsweise, bei Treibjagden, rot. Die Farbe blau hingegen sehen die Tiere gut.

Seit er 17 Jahr alt ist, geht Martin Sievers zur Jagd, hat das Hobby von seinem Vater in die Wiege gelegt bekommen. Er ist aber, wie er sagt, mit noch mehr Leidenschaft dabei als sein Erzeuger es jemals war. Selbst wenn Martin Sievers auf seinem Hochsitz nichts vor die Büchse läuft, so wie an diesem Montagabend, ist der Abendansitz für ihn gewinnbringend. Denn hier findet er Entspannung pur. Auf dem Hochsitz lässt der Waidmann die Welt draußen, kann er abschalten. „Es fällt alles von einem ab“, sagt Sievers, der auch sehr gerne in den frühesten Morgenstunden ins Geisterholz herausfährt.

 „Morgens, wenn der Tag anbricht, ist das hier wie in einer Kathedrale“, berichtet er mit leuchtenden Augen.

Wenn die ersten Sonnenstrahlen die Bäume des Waldes durchbrechen, die Vögel hintereinander mit ihrem Konzert beginnen, ist das für Martin Sievers ein erhabener Moment.

 Jetzt aber ist es Abend, die Dämmerung naht. Die Minuten vergehen, aber kein jagdbares Tier will sich zeigen. Während das ruhige Sitzen auf dem harten Holz für ungeduldige Seelen eine echte Herausforderung darstellt, genießt Sievers jeden Moment. Für ihn lebt die Szenerie. Seine Sinne sind angesichts der jahrzehntelangen Erfahrungen geschärft. Er hört die Äste knacken, sieht hier und dort ein Eichhörnchen die Bäume hochklettern.

Der Hochsitz ist bei näherer Betrachtung vergleichsweise niedrig. Er ist nicht viel mehr als zwei Meter hoch. „Höher darf der gar nicht sein, weil man sonst in den Blättern säße, dann könnte man gar nicht so weit in den Wald hinein schauen wie nötig“, erklärt Sievers, für den Jagen mehr ist als Tiere zu erlegen. „Jagen bedeutet nicht nur zu schießen, sondern heißt immer auch, das Revier zu betreuen.“

Die Jäger nähmen den Zuwachs raus aus der Population. Das sei deshalb nötig, weil der Wald nur eine bestimmte Menge Waldtiere vertrage. „Zu viele Rehe beispielsweise würden dem Wald durch Verbeißen der Knospen großen Schaden zufügen,“ berichtet Sievers, der die Waldtiere nicht nur lebend liebt, sondern sie auch gerne verspeist. „Es gibt nichts leckeres und gesünderes als Wildbret“, so Sievers.

 Der Waldmann hat trotz seiner 53 Lenze immer noch einen scharfen Blick. Auf der Rückfahrt durchs Revier bleibt er immer wieder stehen, zeigt auf dunkle Flecken in mehr als 100 Metern Entfernung, die er als Wild erkannt haben will.

Ein prüfender Blick durch das Fernglas gibt ihm recht. Ein Jägerblick will eben, wie das Jagen auch, gelernt sein. Und beim nächsten Mal ist ihm das Jagdglück vielleicht holder.

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