Was hat die Kirche aus der Pandemie gelernt?



„Die Glocke“ hat im Rahmen der Serie „Was können wir aus der Pandemie mitnehmen?“ mit Johannes Lohre, Pastoralreferent der Gemeinde St. Marien und Johannes Sassenberg, diskutiert.

lassen sich nicht verbinden? Doch, sagt Pastoralreferent Johannes Lohre, der sich dafür stark macht, dass die Pfarrei mutiger wird und neue Wege geht - auch in die sozialen Netzwerke.

Sassenberg / Füchtorf (bemi) - Welche Relevanz haben Gottesdienste? Wie erreichen Seelsorger und Priester Gläubige? Und wie kann die Kirche endlich wieder nahbarer werden für Menschen, die sich aufgrund von Missbrauchsskandalen und Ungleichberechtigung von der Kirche abgewendet haben? „Die Glocke“ hat diese Fragen mit Johannes Lohre, Pastoralreferent der Gemeinde St. Marien und Johannes, diskutiert. 

„Die Glocke“: Herr Lohre, in welcher Erinnerung ist Ihnen der 23. Dezember 2020 geblieben? 

Lohre: Sicherlich in keiner guten. An dem Tag hatten wir uns entschieden, die Gottesdienste an Heiligabend abzusagen, weil die Inzidenzzahlen so hoch waren. Ich habe eine innere Anspannung gespürt. Und ich war den Tränen nahe, als wir den Menschen, die die Heilige Messe besuchen wollten, absagen mussten. 

„Die Glocke“: Viele Nachbargemeinden hatten schon vorher die Messen abgesagt. Sie erst einen Tag vorher. Warum haben Sie sich so spät entschlossen? 

Lohre: Wir haben die Situation sehr kontrovers im Seelsorgeteam und Pfarreirat diskutiert. Es war eine 50:50-Entscheidung. Wir wollten auf der einen Seite Vernunft walten lassen. Auf der anderen Seite wollten wir die Menschen aber nicht im Stich lassen. Die Frage ist: Wie relevant sind Gottesdienste? Viele Gläubige brauchen sie, gerade Richtung Weihnachten. Diese Punkte haben wir hin- und herdiskutiert. Ich bin mir sicher, dass unser Hygienekonzept sowohl in Sassenberg, als auch in Füchtorf gegriffen hätte. Am Ende aber bereuen wir diesen Entschluss nicht. Wobei ich auch sagen muss: Vielleicht haben wir uns von den anderen Pfarreien auch mitreißen lassen. 

„Die Glocke“: Losgelöst von Weihnachten: Für den Großteil der Gesellschaft waren selbst Treffen mit einer Hand voll Personen untersagt. Friseure beispielsweise mussten gar schließen. Die Kirchen hingegen blieben auf – auch wenn phasenweise keine Gottesdienste stattfanden. Hatte die Kirche eine Sonderstellung? 

Lohre: Ich konnte die Diskussion immer verstehen, wenn Restaurants und Friseure geschlossen hatten. Aber wenn es um die Seelen der Menschen geht, dazu stehe ich, dann war es richtig, die Kirchen offen zu lassen. Das sage ich aus der Sicht der Seelsorge, die den Menschen auch in schwierigen Situationen Halt geben möchte und kann.

„Die Glocke“: Gottesdienste sind ein zentraler Punkt in der Kirche. Wie erreichen Sie Menschen, wenn das gemeinsame Gebet ausfällt? 

Lohre: Ich habe mir diese Frage sehr früh gestellt. Mein Fokus lag erst auf denen, die immer in die Kirche kommen. So habe ich zu Anfang der Pandemie beispielsweise „Mutmachbriefe“ in der Kirche ausgelegt, die die Gläubigen mitnehmen konnten. Das waren Texte, Impulse, Lieder und ein Zeichen: Wir haben euch nicht vergessen. 

„Die Glocke“: Dadurch ist der Kreis derjenigen, die Sie mit solchen Aktionen erreichen, aber sehr begrenzt. 

Lohre: Für uns war die Pandemie auch neu. Es gab die, das kann ich ruhig so ehrlich sagen, die in Schockstarre verfallen sind. Für Priester sind Gottesdienste ein wichtiges und tägliches Ritual, und die mussten ausfallen. Andere wiederum gerieten in Aktionismus. Mir war klar, dass wir aktiv werden und alles in Bewegung setzen mussten, um die Menschen zu erreichen. Dazu zählen auch die digitalen Medien. 

„Die Glocke“: Wie lässt sich das mit Kirche vereinbaren? 

Lohre: Es geht mehr um eine Ergänzung zu dem Angebot, das wir schon haben. Ich stelle mir die Frage: Wo ist meine Zielgruppe unterwegs? Zum Beispiel Jugendliche in die Kirche zu holen, können wir uns abschminken. Wir müssen offen dafür sein, in die sozialen Netzwerke zu gehen, dorthin, wo sich Jugendliche aufhalten. Wir wollen für sie ansprechbar sein. Denn auch sie haben Fragen, über die sie diskutieren möchten.

„Die Glocke“: Wie ist Ihnen das während der Corona gelungen?

Lohre: Der digitale Adventskalender wurde sehr gut angenommen. Das war auch für mich eine neue Erfahrung, die mich bewegt hat. Wir haben unheimlich viele Rückmeldungen bekommen, die mich zum Nachdenken angeregt haben. Menschen berichteten über Eheprobleme, hatten Angst vor Weihnachten allein zu Hause und haben über Hoffnungslosigkeit geschrieben. Das war Seelsorge pur. Dabei hat sicherlich die Anonymität geholfen. 

„Die Glocke“: Inwiefern?

Lohre: Anscheinend haben Menschen weniger Scheu, über ihre Gedanken zu sprechen, wenn sie anonym bleiben können. Das ist uns auch bei der Firmvorbereitung aufgefallen. In einer Online-Sitzung haben wir die Frage gestellt: „Welche Frage würdest du Gott stellen, wenn du die Chance hättest?“ Bei einem Präsentseminar hätte ich kaum eine Antwort bekommen. So aber waren es bei 50 Jugendlichen rund 150 Fragen, die sich vor allem um das eigene Leben drehten. Das war der Wahnsinn und hat gezeigt, dass die Sozialen Medien uns in dieser Hinsicht unterstützen und Diskussionen anregen können.

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