Manchmal am Limit


Vertreterinnen des Deutsch-Ausländischen Freundeskreises und der Initiative „Helfende Hände mit Herz“ haben im Sozialausschuss von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen berichtet. Derzeit müssen die Helfer viele zusätzliche Aufgaben übernehmen, weil die Stadt Drensteinfurt schlicht überlastet ist.

In der umgebauten Gymnastikhalle in Walstedde sind aktuell 20 Personen untergebracht. Waltraud Angenendt (DAF) appellierte an die Politik, mehr Sozialarbeiterstellen zu bewilligen. Jeschke

216 ukrainische Flüchtlinge leben derzeit in Drensteinfurt. 76 weitere könnten noch kommen, denn die Stadt muss bis zu 292 verpflichtend aufnehmen. Außerdem gibt es immer noch die Menschen, die aus Afghanistan, Syrien oder Irak geflohen sind. „Wir haben manchmal das Gefühl, dass die gar nicht mehr wahrgenommen werden.“ Waltraud Angenendt war es am Dienstagabend ein Anliegen, den Mitgliedern des Sozialausschusses insbesondere diese Botschaft mit auf den Weg zu geben. Und auch eine Art „Wunschzettel“ hatte sie mitgebracht.

Sowohl die Vorsitzende des Deutsch-Ausländischen Freundeskreises (DAF) als auch die Initiatorinnen der Flüchtlingshilfe „Helfende Hände mit Herz“, Ute Eichmann und Julia Rogmann, waren eingeladen worden, um von ihrer Arbeit zu berichten. Und schnell wurde klar: Ohne diese ehrenamtliche Unterstützung – auch durch die Nachbarschaftshilfe Rinkerode sowie die Walstedder Caritas – wäre die Stadt in der aktuellen Situation schon längst an ihre Grenzen gekommen. „Wir können das hier nur gemeinsam schaffen“, betonte Bürgermeister Carsten Grawunder, den die konkrete Sorge umtreibt, irgendwann „am Rande der Leistungsfähigkeit“ zu sein.

Laut geltendem Stellenplan darf die Stadt 2,5 Sozialarbeiter unbefristet beschäftigen. Vier Kräfte teilen sich diese 97,5 Wochenstunden. Da dies bei weitem nicht ausreicht, um der aktuellen Situation Herr zu werden, wurden zusätzlich befristete Kräfte eingestellt. Aber die Fluktuation ist hoch. Und: „Befristet hoch qualifizierte Beschäftigte zu finden, ist nahezu ausgeschlossen“, betonte der Bürgermeister. Man sei in einer „stark ausgeprägten Dilemma-Situation“. Für die anstehenden Haushaltsberatungen wolle man entsprechende Vorschläge für den Stellenplan machen. „Wir müssen da perspektivisch nachlegen, um den Ehrenamtlichen mehr den Rücken frei zu halten.“ Er bat die Politik dringend darum, „uns nicht im Regen stehenzulassen“.

Von Überforderung, mangelnder Erreichbarkeit sowie dem Wunsch nach mehr Kommunikation und Transparenz sprach Waltraud Angenendt und bezog sich dabei sowohl auf die Stadt als auch auf den Kreis. Denn der DAF sei bei seiner Arbeit auf den ständigen Austausch mit den Ämtern angewiesen. „Ich will den Sozialarbeitern keinen Vorwurf machen. Es war einfach so viel zu tun, weil so viele Leute gekommen sind, das war nicht mehr zu bewältigen.“ In der Konsequenz seien die Helfer allerdings mit Dingen beschäftigt, „die nicht unbedingt Ehrenamtliche machen sollten“. Man sei da selbst manchmal am Limit. „Wir würden auch lieber mehr schöne Dinge machen, Ausflüge und eine Weihnachtsfeier zum Beispiel.“ Dafür brauche es aber genug hauptamtliches Personal.

Während die Ukrainer einen bevorzugten Status genießen, problemlos einreisen, eine Wohnung mieten, einen Sprachkursus besuchen und auch arbeiten dürfen, sei die Situation der Menschen aus nichteuropäischen Ländern eine ganz andere. „Die brauchen viel mehr Zuwendung und Beratung“, erklärte Angenendt, die seit Jahrzehnten in der Flüchtlingshilfe aktiv ist. Sie berichtete von schwer traumatisierten Menschen, die in Ungarn, Rumänien oder Bulgarien Folter und Hunger erlebt und große Angst hätten, wieder dorthin geschickt zu werden – weil es das Dublin-Verfahren so vorsehe. Das konnte Ute Eichmann, die hauptamtlich ebenfalls als Sozialarbeiterin tätig ist, nur bestätigen: „Es gibt Menschen, die wollen lieber vom Dach springen, als dorthin zurückzukehren.“ Man müsse alle im Blick behalten. „Die Ukrainer werden bevorzugt behandelt, da fühlen sich viele andere in den Hintergrund gedrängt“, unterstrich auch Eichmann.

Problematisch sei zudem die Wohnungssituation. Denn während Eigentümer der Stadt aktuell wieder verstärkt Wohnraum für ukrainische Familien anbieten, sei es ungleich schwieriger, eine Bleibe für junge afghanische Männer zu finden, so Waltraud Angenendt. Sie appellierte, in den Neubaugebieten mehr im Bereich des sozialen Wohnungsbaus zu unternehmen.

Der Bürgermeister und auch alle Fraktionen dankten ausdrücklich den vielen Ehrenamtlichen und Menschen, die spenden oder Wohnraum bereitstellen. Dies sei auch weiterhin nötig, denn über die Lage, Geflüchtete in Turnhallen unterbringen zu müssen, sei er wenig glücklich, so Grawunder. Die Stadt ziehe stattdessen auch in Betracht, Wohncontainer zu errichten. „Wir müssen uns vorbereiten und weitere Kapazitäten schaffen.“ Denn auch die Zahl der Obdachlosen steige. „Und wenn die Menschen vor der Tür stehen, müssen wir sie unterbringen – wie auch immer.“

von Von Nicole Evering

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