Tierärzte warnen vor Antibiotikaverbot


Tierärzte befürchten massive Probleme bei der Behandlung von Haus- und Nutztieren, wenn eine geplante neue Tierarzneimittelverordnung vom EU-Parlament beschlossen würde. Wichtige Antibiotika stünden dann nicht mehr zur Verfügung.

Mit einer Unterschriftenkampagne wendet sich der Bundesverband Praktizierender Tierärzte gegen ein von der EU geplantes Antibiotikaverbot in der Tiermedizin. Schlimmstenfalls könne das zur Folge haben, dass auch Haustiere nicht mehr angemessen behandelt werden könnten.

Münster/Büren (rad) - Die Besitzer von Hunden, Katzen, Kaninchen und anderen Kleintieren dürfte eine solche Mitteilung schier verzweifeln lassen: Die Behandlung einer schweren Infektion wie Blasen- oder Lungenentzündung bei ihrem Liebling durch den Tierarzt schlägt trotz bewährter Antibiotika nicht an. Der Zustand des Tieres verschlechtert sich immer weiter. 

Konnte der Veterinär bisher in solchen Fällen nach einem durchgeführten Resistenztest zu einem sogenannten Reserveantibiotikum greifen und dadurch das Haustier retten, bleibt ihm dies unter Umständen bald verwehrt. Mit der Folge, dass das Tier verendet oder eingeschläfert werden muss. 

„Dieser Kelch möge an uns vorbeigehen“

„Dieses Drama möchte ich nicht miterleben“, sagt Dr. Edmund Bölling, Vorsitzender des Landesverbands Westfalen Lippe des Bundesverbandes Praktizierender Tierärzte (bpt). Der Tierarzt, der über viele Jahre hinweg in Münster-Nienberge als Veterinär praktizierte, hofft, dass „dieser Kelch an uns vorbeigeht“. 

Mit dem „Kelch“ meint Bölling das von der Europäischen Union geplante weitreichende Antibiotikaverbot, das im September in Brüssel beschlossen werden soll. Es sieht vor, dass bestimmte antimikrobielle Mittel, sogenannte Reserveantibiotika, nur noch für die Behandlung bestimmter Infektionen bei Menschen eingesetzt werden dürfen. 

Einsatz von Reserveantibiotika nur unter Bedingungen

„Einige dieser Mittel stehen uns aber sowieso schon nicht zur Verfügung, weil sie der Humanmedizin vorbehalten sind“, erklärt Bölling im Gespräch mit dieser Zeitung. Würde ein Tierarzt sie zur Behandlung von Haustieren einsetzen, mache er sich strafbar, betont der Veterinär. 

Und er weist darauf hin, dass die in der Tiermedizin zugelassenen Reserveantibiotika, um die es jetzt gehe, sowieso nur eingesetzt werden dürften, wenn einfache Mittel nicht anschlügen und zudem ein Antibiogramm (Resistenztest) vorausgegangen sei. Dieser Einsatz werde von den Veterinärämtern anhand von Labornachweisen kontrolliert. 

Unterschriftenaktion bis 8. September

„Wir wehren uns mit Vehemenz gegen die geplante EU-Regelung“, sagt der Münsteraner Mediziner und vertritt damit die Linie des Bundesverbandes. Dieser hat eine Kampagne gestartet, um bei Tierhaltern aller Tierarten bis zum 8. September Unterschriften gegen das vom EU-Parlament geplante Antibiotikaverbot zu sammeln. Im Vorfeld der finalen Abstimmung in Brüssel Mitte September sollen die Unterschriften an die deutschen Abgeordneten im EU-Parlament übergeben werden.

Damit wolle der Verband ein starkes politisches Zeichen setzen und deutlich machen, dass er das geplante Anwendungsverbot bestimmter Antibiotika bei Tieren für tierschutzwidrig hält, weil viele Krankheiten dann nicht mehr oder nicht mehr adäquat behandelt werden könnten.

Breite Unterstützung für Kampagne und Petition

Tierhalter müssten erfahren, was in Brüssel weitgehend im Verborgenen vor sich gehe und welche Konsequenzen die zu befürchtende Entscheidung für ihre Tiere haben werde, sagt auch Dr. Christoph Sudendey, Tierarzt in einer Tierärztlichen Gemeinschaftspraxis in Büren (Kreis Paderborn) und Beisitzer im bpt-Landesvorstand. 

Wichtig sei klarzustellen, dass nicht nur Haustiere von einem Anwendungsverbot betroffen wären. „Es geht um alle Tiere und betrifft damit die Halter von Haustieren ebenso wie die von Nutztieren“, sagt der Veterinär. Da er viel im Nutztierbereich tätig ist, hat er Kontakt zum Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) aufgenommen, damit dieser in seinen wöchentlichen Rundbriefen die Mitglieder auf die Problematik hinweist.

Social-Media-Nutzer im Blick

Parallel zur Unterschriftenkampagne des Bundesverbandes Praktizierender Ärzte hat ein Privatmann eine Online-Petition gestartet, die inhaltlich auf die bpt-Kampagne Bezug nimmt, aber nicht vom Verband initiiert ist. Diese Petition zielt primär auf Social-Media-Nutzer und soll auch die Tierhalter mitnehmen, die bis zum 8. September nicht in die Tierarztpraxen kommen und sich deshalb nicht direkt an der Unterschriftenkampagne beteiligen können. 169.458 Menschen haben die Petition mittlerweile unterzeichnet (Stand: Freitag, 22:08 Uhr). 

Breite Unterstützung finden die bpt-Kampagne und die Online-Petition durch die Bundestierärztekammer. Sie hat ein Informationsschreiben verfasst, das an Tierhalter adressiert ist und über die Tierarztpraxen und Tierärztlichen Kliniken verbreitet werden soll. Deutlich weist die Kammer auf die Folgen einer Gesetzesänderung hin. Nicht nur Hunde, Katze, Kaninchen und andere Haustiere könnten dann bei einer schweren bakteriellen Infektion nicht mehr behandelt werden. Das gelte auch für wertvolle und seltene Zucht- und Zootiere. 

Auch der Mensch ist gefährdet

Und selbst der Mensch werde durch die Verbote gefährdet, warnt die Bundestierärztekammer: Blieben Zoonosen, also Erkrankungen, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden können, beim Tier unbehandelt, steige die Gefahr, dass Menschen ebenfalls daran erkrankten.

Hintergrund

Im Jahr 2019 wurde die EU-Tierarzneimittelverordnung 2019/6 verabschiedet. In einem Nachfolgerechtsakt müssen EU-Kommission, Mitgliedsstaaten und EU-Parlament bis zum Inkrafttreten im Januar 2022 festlegen, welche Antibiotika künftig dem Menschen vorbehalten und damit für die Tiermedizin verboten werden sollen. 

Im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit des EU-Parlaments (ENVI) wurde Mitte Juli über einen von der Kommission vorgelegten Entwurf für die Verordnung über „Kriterien für die Einstufung antimikrobieller Mittel, die für die Behandlung bestimmter Infektionen beim Menschen vorbehalten sind“ abgestimmt. Der ENVI hat den auf wissenschaftlicher Expertise basierenden Kommissionsvorschlag abgelehnt, obwohl er mit der Europäischen Arzneimittelbehörde (Ema), anderen internationalen Institutionen und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) abgestimmt war. 

Sollte der im ENVI beschlossene Entschließungsantrag im EU-Parlament eine Mehrheit finden, wäre ein komplettes Anwendungsverbot von Fluorchinolonen, Cephalosporinen der 3.und 4. Generation, Polymyxinen und Makroliden in der Tiermedizin kaum mehr abzuwenden, erklärt der bpt. Vom Anwendungsverbot wären entgegen den Aussagen im Entschließungsantrag nicht nur landwirtschaftliche Nutztiere, sondern alle Tierarten betroffen – mit dramatischen Auswirkungen für die Therapie von Tieren.

Nach Auffassung der EU-Kommission wären auch keine Ausnahmen für Einzeltiere bei schwerwiegenden Infektionen möglich, da die Verordnung eine Reservierung von Wirkstoffen für die Humanmedizin vorsieht. Dies soll über ein Ruhen oder Einziehen der Arzneimittelzulassung erfolgen.

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