Barren: Beerbaum wehrt sich gegen Vorwürfe


Springreiter Ludger Beerbaum wehrt sich gegen Vorwürfe, Pferde beim Training gebarrt zu haben. Ein TV-Beitrag will das bewiesen haben.

Ludger Beerbaum (Archivbild) will gegen den Vorwurf der angeblichen Tierquälerei vorgehen. Der Weltklasse-Springreiter kündigte rechtliche Schritte gegen den TV-Sender RTL an. Der Sender hatte ihm in einem Beitrag vorgeworfen Pferde zu barren. Foto: dpa

Warendorf/Riesenbeck (dpa) - Über 30 Jahre nach der Barr-Affäre sieht sich der deutsche Weltklasse-Springreiter Ludger Beerbaum mit Vorwürfen wegen mutmaßlich unerlaubter Trainingsmethoden konfrontiert. Er weist das vehement zurück.

Heimliche Aufnahmen

Der TV-Sender RTL zeigte am Dienstagabend in der Sendung „RTL Extra“ heimlich aufgenommene Videos, in denen Springpferde auf dem Hof Beerbaum in Riesenbeck (Kreis Steinfurt) angeblich gebarrt werden. Dabei wurde den Tieren beim Sprung über ein Hindernis eine Vierkantstange gegen die Vorderbeine geschlagen.

Das bringt auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) aus Warendorf in Zugzwang. Sie verurteilte die gezeigten Trainingsmethoden. „Bereits jetzt, unabhängig von dem gezeigten Beitrag, können wir klar sagen, dass der Gebrauch von Vierkantstangen sowie genopptem oder gestacheltem Stangenmaterial inakzeptabel ist und nicht im Einklang steht mit den Grundsätzen des fairen Pferdesports“, sagte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach in einer noch in der Nacht zum Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme des Verbandes.

Beerbaum: „Erlaubtes Touchieren, kein Barren“

„Der Beitrag von RTL extra ist in vielen Punkten nachweislich falsch, verleumderisch und ehrverletzend. Natürlich werden wir juristische Schritte dagegen einleiten. Es ist nicht hinzunehmen, dass heimlich auf meinem privaten Grund und Boden gefilmt wurde“, hält Ludger Beerbaum dagegen. „Die im Beitrag gezeigten Szenen auf dem Reitplatz haben mit Barren nichts zu tun. Es handelt sich dabei um erlaubtes Touchieren, das von einem erfahrenen, routinierten Pferdefachmann durchgeführt wurde. Der im Video zu sehende Gegenstand erfüllte die Vorgaben der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für ein zulässiges Touchieren: nicht länger als drei Meter, maximal zwei Kilogramm schwer.“

Vorwürfe schon länger bekannt

Der FN sind die Vorwürfe schon seit Juli 2020 bekannt. Als Reaktion darauf richtete der Verband nach eigenen Angaben im Januar 2021 eine Kommission mit Fachleuten aus unterschiedlichen Bereichen des Pferdesports ein. Diese „soll strittige Trainingsmethoden überprüfen und, wo nötig, Vorschläge für Regelwerksänderungen machen“. Das Ziel, bis Ende 2021 Ergebnisse vorzulegen, wurde wegen "der Komplexität des Themas Touchierens" nicht eingehalten.

Im Mai 2021 hatte die Vereinigung mit Sitz in Warendorf bei der Polizei NRW eine Anzeige gegen Unbekannt wegen der möglichen Verletzung des Tierschutzgesetzes erstattet. Die Staatsanwaltschaft Münster teilte im vergangenen November der FN mit, dass die Ermittlungen eingestellt worden seien.

FN fordert Videos zur Einsicht ein

Die Vereinigung kündigte nun nach der Sendung an, die Staatsanwaltschaft über den RTL-Beitrag zu informieren, „damit diese den Sachverhalt auf Grundlage des Tierschutzgesetzes bewerten kann“. „Wie wir schon 2020 und 2021 gegenüber RTL zum Ausdruck gebracht, nehmen wir die Vorwürfe sehr ernst. Genau deshalb werden wir das am späten Dienstagabend ausgestrahlte Filmmaterial sorgfältig analysieren und anschließend entsprechende Schlüsse zum weiteren Vorgehen ziehen“, sagte Lauterbach. Soenke Lauterbach, Generalsekretär Deutsche Reiterliche Vereinigung.

Um eine „seriöse Beurteilung des Sachverhaltes“ vornehmen zu können, bedürfe es des gesamten Video- und Beweismaterials, sagte er. „Wir fordern RTL deshalb erneut auf, uns dieses vollständig zur Verfügung zu stellen.“

Pferde zu höheren Sprüngen bringen

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung mit dem Barren beschäftigen muss. Anfang der 1990er-Jahre erschütterte die Affäre um den dreimaligen Europameister Paul Schockemöhle den Pferdesport und brachte vor allem das Springreiten unter Rechtfertigungszwang.

Durch das Barren sollen Pferde dazu gebracht werden, ihre Beine stärker anzuziehen und damit höher zu springen. Diese Methode ist verboten, da sie den Tieren Schmerzen verursacht. Erlaubt ist hingegen die Praxis des sogenannten Touchierens. „Beim Touchieren handelt es sich um ein fachgerechtes Sensibilisieren des Pferdes durch gezieltes Berühren der Pferdebeine im Sprungablauf“, heißt es in den Richtlinien der FN. 

„Führe einen offenen Stall“

Beerbaum erklärt zu den Vorwürfen gegen ihn selbst und sein Team: „Das Wohl der Pferde steht bei mir und bei meinem Team an oberster Stelle. Nur ein Pferd, das artgerecht behandelt wird, professionell versorgt und gefüttert ist, trainiert und gemanagt wird, kann sportliche Leistungen erbringen. Die Pferde sind unser Kapital, um das wir uns tagein, tagaus kümmern.

Ich führe meinen Stall als einen offenen Stall, bei dem täglich Besuchergruppen zu Gast sind, Kunden ihr Futter für deren Pferde abholen, auch „Praktikantinnen“ willkommen sind. Hier wird auf offen einsehbaren Plätzen geritten und das tägliche Training absolviert. Es wird nichts Verstecktes, Unerlaubtes gemacht. Die Tatsache, dass die angeblich zwei Jahre andauernde „Recherche“ lediglich vier Szenen aufzeigen konnte, die das Touchieren eines Pferdes zeigen, verdeutlicht, dass diese erlaubte Trainingsmethode bei uns nur sehr selten angewendet wird und nicht Bestandteil der täglichen Arbeit ist. 

Noppenstangen eingelagert, aber nicht benutzt

Die in der Scheune von der angeblichen Praktikantin vorgefundenen „Mehrkantstangen“ sind Holzstangen, die ausschließlich für den Bau und die Reparatur unserer Weidezäune benutzt werden. Gut im Film sichtbar sind die an den Stangen befestigten Isolatoren für die Zaunbänder. Sobald behauptet wird, dass diese zum Barren von Pferden eingesetzt werden, ist dies unzutreffend. Gleiches gilt auch für die sich auf dem Dachboden befindlichen Stangen mit den „Noppen“. Dazu kann ich nur sagen, dass diese Elemente dort seit Jahren liegen. Diese stammen aus einem gekauften Bestand von Hindernissen und wurden aussortiert, damit sie nicht benutzt werden. Sie werden auch nicht beim Training mit Pferden eingesetzt. Wie jetzt eines dieser Teile, blank geputzt und sauber, zwischen die gebräuchlichen Hindernisstangen kommt, kann ich nur mutmaßen. Für mich ist es naheliegend, dass explizit für den Beitrag eine dieser Stangen dorthin gelegt wurde. Hierzu werden wir weitere Nachforschungen anstellen. 

Des weiteren halte ich fest: Die Aberkennung meiner Olympia-Goldmedaille 2004 basierte nicht auf Doping, sondern auf zum damaligen Zeitpunkt verbotener Medikation. Das als „Styroporplatte“ bezeichnete Teil auf dem Trainingsplatz ist ein ganz normaler Fangständer, der im täglichen Einsatz ist. Auch dies ist ein Indiz dafür, dass der Beitrag die hinreichende Sachkunde vermissen lässt.“

Internationaler Verband: Gezeigte Trainingsmethode nicht akzeptabel

Der internationale Reitsportverband FEI äußert sich zu den Filmaufnahmen von RTL wie folgt: „Der FEI sind die Vorwürfe in der Doku-Ausstrahlung von RTL in Deutschland vom 11. Januar 2022 bekannt und sie stellt diesbezüglich Nachforschungen an. Wir stehen bereits mit der Deutschen FN in Kontakt und werden uns weiterhin eng mit ihr abstimmen, um geeignete Maßnahmen zu prüfen. Das Wohl des Pferdes steht bei allem, wofür die FEI steht, im Mittelpunkt und wir verurteilen alle Trainingsmethoden und Praktiken, die dem Wohlergehen des Pferdes zuwiderlaufen, aufs Schärfste. 

Die FEI hat strenge Regeln zum Schutz des Pferdewohls, die es ermöglichen, sowohl bei FEI-Veranstaltungen als auch anderswo Maßnahmen zu ergreifen. Die FEI verurteilt jegliche Form von Pferdemissbrauch absolut und die Trainingsmethoden, die in den Videoaufnahmen von RTL gezeigt werden, sind aus Sicht des Pferdeschutzes und gegen die FEI-Bestimmungen völlig inakzeptabel. 

Artikel 243.1 der FEI-Springregeln besagt: Alle Formen grausamer, unmenschlicher oder missbräuchlicher Behandlung von Pferden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf verschiedene Formen des Barrens, sind strengstens verboten. Artikel 243.2.1 enthält weiterhin eine nicht erschöpfende Beschreibung dessen, was die FEI als „Barren“ betrachtet. Die FEI wird ein Update bereitstellen, sobald weitere Informationen vorliegen.“

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