Warendorfer Seiltänzer prangt auf Oxford-Handbuch



Der Seiltänzer über der Emsstraße wird häufig fotografiert. Inspirierend finden das Motiv aber auch Wissenschaftler. 

Ein Seiltänzer über der Emsstraße, einer auf dem Buchcover in Winfried Totzeks Hand: Die Herausgeber wählten das Motiv für das Oxford-Handbuch für Recht und Anthropologie.

Warendorf (fen) - Der eine Mensch hält sich – verzweifelt? – mit den Händen am Seil fest, der andere hält sich mit Balancierstab auf dem Seil und geht auf den ersten zu: Dieses Motiv fällt seit 20 Jahren demjenigen ins Auge, der auf dem Weg vom Marktplatz Richtung Emsstraße genauer hinschaut. Und künftig wird es auch in vielen Studierstuben und Büchereien zu sehen sein, denn der „Seiltänzer“ von Winfried Totzek ist das Titelmotiv des Oxford-Handbuchs für Recht und Anthropologie. 

„Der Seiltänzer ist für mich die Metapher des Lebens“, sagt der Künstler selbst über sein Werk. Das Seil steht für das Leben, das oft genug ein Balanceakt ist. Die eine Figur kann sich nur noch schwer halten, die andere bewegt sich auf sie zu. „Und die Frage ist: Wird sie der anderen helfen?“, sagt Totzek über sein Kunstwerk. 

Balanceakt auf dem Seil

Gut möglich, dass die Herausgeber des mehrere 100 Seiten starken Handbuchs sich ebenfalls von dem Balanceakt angesprochen fühlten und diesen auf das Zusammenleben der Menschen und die Justiz bezogen. 

Warum und wie genau sein Seiltänzer nach England gekommen ist, weiß Totzek nicht. Aber grob: „Ein Tourist hat mich einmal angesprochen, ob er das Motiv verwenden dürfe“, berichtet er. Zuerst sei es dann einmal im Zusammenhang mit einem Kongress genutzt worden, nun kam die Bitte aus Oxford, der Totzek gern entsprach. 

Interesse an Justiz - nicht nur mit Paragrafenreiterlicher Vereinigung

Auch deswegen, weil er sich schon lange für die Justiz interessiert. Davon zeugen nicht nur seine Darstellungen der Justitia in Warendorf. Und auch nicht nur seine Idee einer Paragrafenreiterlichen Vereinigung, die derzeit auf Eis liegt. Sondern der Orthopäde hat in seinem bewegten Leben auch einen juristischen Sieg errungen, der nicht nur ihm zugutekam: Er erwirkte, dass Orthopäden sich auch zu Psychotherapeuten ausbilden lassen durften. Was er selbst selbstredend dann auch tat. 

Nur folgerichtig, denn im Mittelpunkt seiner Kunst und seines Interesses steht immer der Mensch, wie Totzek selbst sagt. „Es geht um den Menschen und seine Bedürfnisse – etwa das Bedürfnis nach Gerechtigkeit, womit wir wieder bei der Justiz wären.“ 

Einmal nicht der Werbeträger Pferd

Das Handbuch versammelt Essays rund um die Zusammenhänge von Recht und Anthropologie – wie Menschen ihre Gesellschaft organisieren und wie sich das in Gesetzen niederschlägt.

Totzek freut auch, dass Warendorf durch das englischsprachige Handbuch in aller Welt bekannt wird. Und das in diesem Falle nicht mit dem bekannten vierbeinigen Werbeträger. Warendorf sollte nicht vergessen, dass es auch mit der Ems über ein Pfund verfügt, mit dem sich wuchern lässt, sagt Totzek. 

Gibt es jenseits der Ems Menschen?

Und berichtet von einem weiteren aktuellen Projekt in seinem Leben: Er ist Teil des Buchs „Het Lied van de Eems“ der niederländischen Künstlerin und Journalistin Aafke Stenhuis. Sie lernte er zufällig kennen, als sie entlang der Ems unterwegs war, um nachzusehen, „ob es jenseits der Ems auch Menschen gibt“, wie Totzek erfahren hat. 

Menschen, wohlgemerkt – denn die Vorbehalte gegenüber den Deutschen seien unter Niederländern nach wie vor vorhanden, hat der 81-Jährige in Gesprächen erfahren. Die Ems werde dabei als Grenzfluss wahrgenommen. „In dem Buch wird Warendorf mal nicht als Pferdestadt genannt, sondern als Stadt des Spaßes und der Kunst“, freut sich Totzek. 

Balanceakt endet, wenn man zum Osttor rausgezogen wird

Und er sinniert: Warum heißt es in Warendorf nicht „über die Ems gehen“, wenn jemand stirbt? Seine Vermutung: Die Ems mäandert in Warendorf, ist aktiv – das passt nicht zu ewigen Ruhe. Und weil Totzek immer an Menschen interessiert ist, hat er von älteren Warendorfern erfahren, was man hier sagt: „Zum Osttor rausgezogen werden“. 

Was geschieht, wenn der Balanceakt auf dem Seil sein Ende gefunden hat.

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