Zuzügler Brinkhaus bringt Warendorf Aufschwung


Das Brinkhaus-Gelände auf der Emsinsel ist gekauft. Aber warum heißt es überhaupt so? Wer war dieser Herr Brinkhaus?

In nur zwei Monaten Bauzeit war 1879 die Fabrik der Firma Brinkhaus an der Ems errichtet, inklusive dem 100 Fuß hohen Schornstein. Nach ihr ist das Brinkhaus-Gelände benannt.

Warendorf (gl) - Das Brinkhaus-Gelände ist seit Jahren ein Topthema in der Warendorfer Lokalpolitik. Gerade hat die Stadt die Brache für 5,5 Millionen Euro gekauft. Aber wer war Hermann Josef Brinkhaus, der die Firma gründete und nach dem das Gelände benannt ist? Mechtild Wolff vom Heimatverein Warendorf gibt Auskunft. 

Hermann Josef Brinkhaus stammte aus einem alten, sehr geachteten Textilhändlergeschlecht in Horstmar. Seine Vorfahren hatten dort über Jahrhunderte viele öffentliche Ämter bekleidet und waren mehrmals Bürgermeister gewesen. Ihren Wohlstand erwarben sie mit dem Leinwandhandel. Die reichen holländischen Nachbarn waren dankbare Abnehmer des guten westfälischen Leinens, sowohl für den eigenen Bedarf, als auch für den Handel mit den Kolonien. 

Mutter stirbt früh

Hermann Josef Brinkhaus wuchs also mit den Erfolgen, aber auch den Sorgen und Nöten der Textilhändler auf. Ein Einschnitt in seinem Leben war der frühe Tod seiner Mutter. Sie starb bei der Geburt des jüngsten Kindes, Hermann Josef war gerade erst zwei Jahre alt. Seine Geschwister und er wuchsen nun bei der Großmutter in Borghorst auf. Hermann Josef Brinkhaus.

Der 15-jährige Hermann Josef wollte die Textil-Tradition der Familie fortsetzen. Darum ging er nach Barmen und machte dort eine vierjährige Kaufmannslehre. Dort lernte er kaufmännisches Denken und Rechnen und begegnete dem technischen Fortschritt. 1838 kam er zurück nach Borghorst und dachte, die Welt stehe ihm offen. 

Das war aber ganz und gar nicht so. Sogar als Kaufmannssohn musste er erfahren, wie schwer es war, den richtigen Platz für eine gute Weiterbildung zu bekommen. Er war auch bereit, im ersten Jahr ohne Salär, also nur für Kost und Logis, zu arbeiten, aber auch auf dieser Basis fand sich nichts Geeignetes. 

Brinkhaus erlebt Niedergang der Leinenweberei

Darum begann er, im Leinengeschäft seines acht Jahre älteren Bruders in Borghorst zu arbeiten. Dort erlebte er den Niedergang der Leinenweberei: Die Geschäfte gingen schlecht, in Borghorst wie überall im Münsterland. Als aussichtsreich erlebte er die Kattun-Herstellung und den Handel mit Baumwolle. In einem Brief ist zu lesen, dass sie „schon 20 Centr. Twist von Manchester erhalten haben, theils Ketting, theils Einschlag“. Nach dieser Textstelle wurde später die Werkzeitung „Ketting und Einschlag“ der Firma Brinkhaus benannt. 

Im Westmünsterland erlebte Brinkhaus die Umstellung auf den modernen Faserstoff Baumwolle, er lernte die Tätigkeit des Textilverlegers kennen und die neue fabrikmäßige Organisation der Arbeitskräfte. All das wird ihm später sehr nützlich sein.

Hermann Josef folgt Johanna nach Warendorf

In Borghorst begegnete Hermann Josef Brinkhaus der sympathischen und selbstbewussten Johanna Ostermann (1823-1911), die dort ihre Großtante Jeannette besuchte. Sie lebte bei ihren Großeltern, dem Hofrat Dr. Katzenberger und seiner Frau Anna Elisabeth in Warendorf. 

Hermann Josef verliebte sich in Johanna und folgte ihr 1843 nach Warendorf. Schon ein Jahr später erwarb er die Bürgerrechte der Stadt und heiratete Johanna Ostermann am 24. September 1844. Die Hochzeit wurde im hochherrschaftlichen Haus ihrer Großeltern an der Ritterstraße 692, heute Klosterstraße 7, in dem schönen Saal mit den historischen Bildtapeten gefeiert. 

Zunächst als Händler tätig

Durch diese Heirat kam ein innovativ denkender Unternehmer aus dem fortschrittlicheren Westmünsterland nach Warendorf, der durch Tatkraft, Mut und Unternehmergeist wesentlichen Fortschritt in das kleine Landstädtchen brachte. 

In Warendorf betätigte sich Brinkhaus zuerst als Textilverleger und als Manufakturwarenhändler. Er hatte das Eckhaus Emsstraße/Mühlenkolk gekauft, dort verkaufte er Textilien aller Art. 1849 starb Johannas Großmutter Anna Elisabeth Katzenberger. Hermann Josef Brinkhaus kaufte aus der Erbmasse das Haus an der Ritterstraße für 4000 Taler und wohnte dort fortan mit seiner immer größer werdenden Familie. 

Geschichte der Firma beginnt an der Klosterstraße 7

Eine Remise neben seinem Haus nutzte er als Lager für die Leinenballen seines Textilverlages, und bald richtete er hier die erste kleine Faktorei ein, in der Lohnweber für ihn arbeiteten. Im Haus Klosterstraße 7 begann also die Geschichte der Firma Brinkhaus. 

Hermann Josef Brinkhaus sah aber, dass die Zeit des Leinens vorbei war. Die Leinwand hatte Warendorf einst zu einer blühenden Handelsstadt gemacht, die sogar in den Hansebund aufgenommen wurde. Jetzt war sie, wie einer Bittschrift an den König von 1830 zu entnehmen ist, zu einer armseligen Ackerstadt herabgesunken. Brinkhaus sah in der Baumwollweberei das Gebot der Stunde.

Jugendfreund investiert Geld in die Firma

Die Zukunft lag in der mechanischen Weberei – und diese Zukunft wollte er mitgestalten. Dafür brauchte er Geld, mehr Geld, als er selbst besaß. Das fand er bei seinem finanzstarken Jugendfreund, dem Textilkaufmann Eduard Wiemann (1817-1898). 1847 gründete er mit ihm zusammen die Firma „Brinkhaus & Wiemann“. Die mutigen Unternehmer kauften das alte Waisenhaus an der Kirchstraße und begründeten dort eine Faktorei, allerdings immer noch auf der Basis der Leinen-Handweberei. 

Brinkhaus und Wiemann aber wollten mehr – die mechanische Baumwollweberei war ihr Ziel. Weil sie dafür ausgezeichnete Weber brauchten, richteten sie im Haus Kirchstraße 6 eine Webschule ein, in der die Leineweber mit der Baumwollweberei vertraut gemacht wurden. 1861 war es dann endlich so weit, die erste mechanische Weberei startete mit einer 12 PS starken Dampfmaschine. Natürlich waren zuerst hohe Hürden in der Verwaltung, aber auch in der Bevölkerung zu überwinden. 

Warendorf profitiert vom Unternehmen

Aber das Geschäftskonzept funktionierte und Warendorf profitierte ganz entscheidend davon. Die Weber konnten ihren Lebensunterhalt wieder verdienen, endlich waren die Jahre des Niedergangs vorbei. Mit der mechanischen Weberei machte Warendorf seinem Ruf als bedeutende Textilstadt wieder alle Ehre. Diese Entwicklung war Hermann Josef Brinkhaus und Eduard Wiemann zu verdanken. Das Industrie-Zeitalter hatte auch in Warendorf begonnen. 

Die schlechte Verkehrsanbindung stellte allerdings ein Problem dar. Hermann Josef Brinkhaus begann schon früh, sich für einen Eisenbahnanschluss einzusetzen. Es dauerte aber noch bis 1887, also über 25 Jahre, ehe eine Bahnstrecke durch Warendorf verwirklicht wurde. Noch heute ist der alte Bahnhof an der B 64 ein lebendiges Zeugnis. 

1879 neue Firma H. Brinkhaus

Das Unternehmen „Brinkhaus und Wiemann“ wuchs und platzte an der Kirchstraße bald aus allen Nähten. Brinkhaus wollte eine entscheidende Erweiterung, Wiemann aber war zögerlich. So kam es 1879 zur Trennung.

Eduard Wiemann erwarb für 200.000 Mark die Firmengebäude und führte mit seinem neuen Kompagnon Christoph Bispinck die mechanische Weberei unter dem Namen „Wiemann & Bispinck“ weiter. Hermann Josef Brinkhaus gründete 1879 die Firma „H. Brinkhaus“. Der Bau der neuen Weberei auf der anderen Seite der Ems ging in großer Eile vonstatten, denn die Produktion durfte nicht unterbrochen werden. Bei der Trennung war ein Teil der Webstühle und anderer Produktionsmittel an Brinkhaus gefallen. Diese Maschinen wurden behelfsmäßig in der Spinnerei der Firma Gebrüder Rath in Sassenberg aufgestellt. So blieben die Weber der Firma Brinkhaus in Lohn, und die Produktion lief weiter. 

Fabrikgebäude in zwei Monaten errichtet

Am 28. August 1879 legte die Schwiegertochter Hermine Brinkhaus, die junge Frau von Hermann Brinkhaus, den Grundstein für die neue Fabrik an der Ems. Schon am 30. Oktober, nach nur zwei Monaten, hatte die Firma Carlé das neue Fabrikgebäude unter Dach gebracht, sogar der 100 Fuß hohe Schornstein und die Sheddach-Hallen waren fertig. Es ist unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit, Präzision und Schönheit damals gebaut wurde. Im Januar 1880 klapperten dort mehr als 130 Webstühle für über 50 verschiedene Baumwollgewebe. Die Belegschaft war auf mehr als 100 Mitarbeiter angewachsen. 

Mehr und mehr übernahmen nun die beiden Söhne Hermann und Bernhard Brinkhaus die Verantwortung in der Firma. Schon fünf Jahre nach der Eröffnung der neuen Firma verstarb Hermann Josef Brinkhaus am 24. Februar 1885 im Alter von nur 66 Jahren. 

Die Firma Brinkhaus musste von ihrem Firmengründer Abschied nehmen, die Stadt Warendorf verlor einen engagierten Bürger, der sich viele Jahre lang als liberaler Stadtverordneter um die Fortentwicklung der Stadt verdient gemacht hatte. Er hinterließ seine Frau Johanna, geborene Ostermann, und seine Söhne Hermann, Hugo, Paul und Bernhard, sowie seine erst 16 Jahre alte Tochter Sophie. Vier Kinder waren ihm schon im Tod vorausgegangen. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde er auf dem Warendorf Friedhof begraben.

Mehr zur Emsinsel und der Brinkhaus-Brache gibt es in einer Multimedia-Story der „Glocke“.

Mechtild Wolff

Quellen: 

Hermann Josef Brinkhaus und Dr. Paul Casser: Vom Werden und Wachsen der Brinkhaus Inlett-Webereien, Warendorf 1951 

Dr. Paul Leidinger: Hermann Josef Brinkhaus (1819-1885) und die Anfänge der Industrialisierung in Warendorf, 1996 

Ketting und Einschlag, Werkzeitungen der Inlettweberei H. Brinkhaus 1950-63

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