3D-Druck-Haus in Beckum bezugsfertig


[Aktualisiert] Beckum (cd/gl) - Das erste Wohnhaus Deutschlands, das mittels eines 3D-Betondruckers erstellt wurde, steht in Beckum und ist nun bezugsfertig. 

Bezugsfertig ist das erste Haus in Deutschland, das aus dem 3D-Drucker stammt. Es steht in Beckum. Fotos: Dresmann

Am Montag hat Ina Scharrenbach (CDU), Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, das Gebäude offiziell eröffnet. Der Bau stieß seit Baubeginn Anfang September vergangenen Jahres weit über die Grenzen Deutschlands hinaus auf großes Interesse bei Vertretern von Medien, Bauwirtschaft und Planern.

Herstellungsprozess auf dem Markt etablieren

Das Haus mit seinen 160 Quadratmetern Wohnfläche ist etwas ganz Besonderes. Auch wenn es etwa in Bayern oder den USA mittlerweile weitere Häuser aus dem 3D-Drucker gibt, das Pilotprojekt in Beckum wird das erste Haus dieser Art bleiben. Und darauf sind alle Beteiligten sichtlich stolz.

„Wir haben hier sehr viel gelernt“, weiß Dr. Fabian Meyer-Brötz vom Schalungshersteller Peri und betont, dass man die Erkenntnisse vom Beckumer Projekt nun bei allen weiteren Vorhaben dieser Art nutze. Beckums Bürgermeister Michael Gerdhenrich richtete in seinen Grußworten den Blick auf die „eindrucksvolle Kooperation“ zwischen dem Beckumer Projektteam und den beteiligten Konzernen.

Endlich „gedruckte Realität“

„Es ist etwas Einmaliges hier am Ort entstanden“, ist sich Gerdhenrich sicher. Architekt Waldemar Korte erfreute sich an der „gemeinsamen Pionierarbeit“ und der nun „gedruckten Realität“, die er anschließend den zahlreichen Medienvertretern ausführlich erklärte.

Bis Dezember 2022 wird das Objekt zum Musterhaus. Für die anschließende Wohnnutzung ist es bereits verkauft – an eine Beckumerin. Ob das Gebäude bald in der Nachbarschaft weiterer Häuser dieser Art steht? „Das Bestreben hierzu ist sehr groß“, sagt Waldemar Korte.

Hintergrund: Wie funktioniert 3D-Druck beim Bauen? Meistens wird 3D-druckfähiger Mörtel oder Beton auf Zementbasis „gedruckt“. Dieses bedeutet, dass der Baustoff durch eine Düse in Schichten aufgetragen wird. Die Schichtdicken liegen im Zentimeter-Bereich. Der 3D-Drucker ist flexibel und schnell einsetzbar, so dass sich die erforderlichen Ressourcen verringern. Denn es müssen nicht mehr viele verschiedene Baustoffe auf der Baustelle zu einem Wandelement zusammengebaut werden. Dieses ergibt eine Zeitersparnis und eine Verschlankung der Bauabläufe. Um die finanziellen und zeitlichen Vorteile zu evaluieren, sind Pilotprojekte notwendig. Da beim 3D-Druck auf Digitalisierung gesetzt wird, können bis zu drei Mitarbeiter den Herstellungsprozess abwickeln. Das ist vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Bauwirtschaft ein entscheidender Vorteil. Da im Schichtbetrieb gearbeitet werden kann, wird die Bauzeit deutlich gesenkt. Zudem können mit dem Druckverfahren aufwändige Arbeiten – etwa Rundungen im Gebäude – unkompliziert erledigt werden. (Gl)

Stehen bald mehr dieser Häuser in Beckum?

Auch der Bürgermeister könnte sich das gut vorstellen. Möglicherweise bietet die Freifläche direkt hinter dem Haus den nötigen Platz dafür. Wer einen Blick ins Innere des Gebäudes wagt, der stellt fest, dass es hochwertig und entsprechend der gedruckten Bauweise eingerichtet wurde. Manche Einrichtungsgegenstände wurden gleich komplett oder teilweise mitgedruckt.

So etwa die Umrandung der Badewanne, Teile der Küche und des dortigen Tisches. Und natürlich der Hingucker im Wohnzimmer, der Kamin mit integriertem Brennholzlager. Offizieller Startschuss für das Pilotprojekt war im September 2020.

Viele Experimente

Bis zum letzten Tag wurde viel experimentiert. Das zeigt auch der Fakt, dass der Druck des Erdgeschosses rund vier Wochen, des ersten Geschosses aber nur acht Tage gedauert hat. Das hat auch die Baukosten in die Höhe getrieben. Aber würde man das Haus mit heutigem Wissenstand und gleicher Ausstattung erneut bauen, wäre es für 450 000 Euro zu haben, sagt Architekt Korte.

Zusammenarbeit mit der TU München

Mit dem 3D-Druck ist ein komplett neues Bauverfahren umgesetzt worden, das es bisher in der Baupraxis in dieser Form nicht gab. Im Rahmen von Einzelfallentscheidungen der obersten Bauaufsicht im Ministerium mussten insbesondere Kennwerte für die Berechnung der Standsicherheit bestimmt werden. Dazu fanden in der TU München zahlreiche Materialprüfungen statt.

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