60-Stunden-Woche keine Seltenheit



Rheda-Wiedenbrück (ssn) - Die Wohn-, Lebens- und Arbeitsbedingungen von in Rheda-Wiedenbrück tätigen Werkvertragsarbeitern sind mehrheitlich prekär. Das geht aus einem Vorabbericht hervor, den das Institut Imap den Mitgliedern des Ausschusses für Soziales, Migration und Sport präsentiert hat.

Demnach gab die Hälfte der befragten Bulgaren, Polen und Rumänen an, 50 Stunden und mehr pro Woche zu arbeiten. 23 Prozent kreuzten gar an, 60 Stunden und länger ihrem Beruf zu opfern. Bedacht werden müsse dabei allerdings, dass die Frage nach der Arbeitszeit auch eine etwaige Anfahrt mit einschließe, räumte Imap-Seniormanager Johannes Groß gegenüber dem Gremium ein. Immerhin: Nur 41 Prozent der Befragten wohnt nach eigenen Angaben in der Doppelstadt. Die Mehrheit pendelt. Eine Tatsache, die laut Groß auf eine mangelnde Verfügbarkeit von bezahlbarem Wohnraum in Rheda-Wiedenbrück zurückzuführen ist. „Trotz eines Arbeitsplatzes in der Stadt müssen die Betroffenen also in andere Kommunen ausweichen.“

Gros der Werkvertragsarbeiter seit weniger als drei Jahren in der Region

Dabei lebt das Gros der teilnehmenden Werkvertragsarbeiter (72 Prozent) erst seit weniger als drei Jahren in der Region. Die Hälfte gab jedoch an, längerfristig – im Rahmen der Imap-Umfrage heißt das sechs Jahre und mehr – bleiben zu wollen. In etwa ebenso viele sind aktuell in Wohngemeinschaften untergebracht – in Zimmern mit zwei, vier oder noch mehr Betten. „Viele scheinen sich damit zu arrangieren, da es die günstigste Variante des Wohnens ist und da es aufgrund der hohen Mietpreise sowie der Barrieren beim freien Wohnungsmarktzugang keine Hoffnung auf eigene vier Wände gibt“, heißt es dazu in der Erstauswertung. Demnach sind 69 Prozent der Befragten mit ihrer Wohnsituation dennoch „eher zufrieden“ bis „sehr zufrieden“.

Nachdenklich stimmt auch die Tatsache, dass 72 Prozent der Umfrageteilnehmer als Hilfsarbeiter beschäftigt sind, obgleich 50 Prozent eine Ausbildung und 17 Prozent sogar einen Universitätsabschluss – zumeist aus ihrem Heimatland – haben. 62 Prozent sind befristet tätig. Die überwiegende Mehrheit (94 Prozent) arbeitet Vollzeit, in der Regel im Schichtbetrieb. Mit 64 Prozent verdienen knapp zwei Drittel der Befragten ihren Lebensunterhalt in Werkvertrags- und Leiharbeitsfirmen. Arbeiten, Einkaufen, Essen und Schlafen: Diese Aktivitäten bestimmen mehrheitlich das Leben der Befragten. Durch die Belastung im Beruf und den großen Zeitaufwand fehlten häufig Raum und Kraft für die Freizeitgestaltung, fasst das Institut Imap in seinem Bericht zusammen. Auf der Strecke blieben dabei auch Möglichkeiten zur Integration, darunter das Erlernen der deutschen Sprache.

745 Fragebögen ausgewertet und 19 Interviews geführt

Für die Befragung wurde ein sechsseitiger, standardisierter Fragebogen entworfen und in die Sprachen Bulgarisch, Polnisch und Rumänisch übersetzt. 1200 Exemplare wurden gedruckt und an die Tönnies-Holding-GmbH, die Willkommensagentur Rheda-Wiedenbrück, die städtische Wohnraumkontrolle, die St.-Clemens-Gemeinde Rheda, das Deutsch-Rumänische Büro und das Deutsche Rote Kreuz Kreis Gütersloh verteilt. Ein Großteil der Bögen wurde vor Ort bei der Tönnies-Holding-GmbH (52 Prozent) und dem Deutsch-Rumänischen Büro (23) ausgefüllt und dort anonymisiert in bereitgestellten Boxen gesammelt. An dritter Stelle kommt die Wohnraumkontrolle (12,5), gefolgt von der Willkommensagentur (5), dem DRK und der St.-Clemens-Gemeinde (je 4 Prozent). Der Rücklauf liegt bei 745 Fragebögen.

Darüber hinaus führte das Imap-Institut 19 einstündige Interviews in den Wohnungen der Werkvertragsarbeiter durch. Mehrheitlich beteiligten sich Rumänen an der Befragung (77 Prozent), gefolgt von Polen (16,5) und Bulgaren (4,5). Auf weitere Nationalitäten entfallen 2 Prozent. Das Gros ist männlich (62 Prozent) und zwischen 19 und 50 Jahre alt (95). Die Erhebung wurde zwischen dem 21. November und 16. Dezember durchgeführt.

Den Bericht des Imap-Instituts hatte die Verwaltung erst am Tag der Ausschusssitzung den Mitgliedern des Gremiums nachgereicht. An dieser Informationspraxis übte Francesco Trifoglio am Montag harsche Kritik. „Hätten wir die Unterlagen frühzeitig erhalten, hätten wir uns eingehend mit den Zahlen beschäftigen und heute tiefergehend darüber diskutieren können. Das geht gar nicht“, fand der Sozialdemokrat deutliche Worte.

Der Vorgang sei ungünstig gelaufen, räumte der Erste Beigeordnete Dr. Georg Robra ein, stellte aber auch klar, dass die Verwaltung den Bericht selbst erst am Montagmorgen erhalten und dann umgehend an die Fraktionen weitergeleitet habe. Ziel sei es nun, bis zur nächsten Sitzung des Sozialausschusses die einzelnen Themenfelder vertieft aufzuarbeiten.

Mängel beanstandete Trifoglio auch bei der Art der Auswertung und Präsentation der Daten. Immer, wenn weiche Fakten abgefragt worden seien, sei das Ergebnis positiv. Bei harten Fakten – darunter die Arbeitszeit – ergebe sich dagegen ein ganz anderes Bild. „Das passt vorne und hinten nicht“, erklärte das Mitglied der SPD-Fraktion.

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