Abstimmung „mit der Faust in der Tasche“



Oelde (rh) - Die Entscheidung für den Umbau des Marktplatzes ist gefallen. Das Votum im Oelder Rat war einstimmig, doch kritische Stimmen – in der Bevölkerung wie in der Politik – verstummen nicht.  Mit Günter Lütsch hat sich kürzlich der ehemalige Stadtbaurat in einem Leserbrief geäußert.

Unter dem roten Pflaster, das seit 1985 den Marktplatz und die anliegenden Straßen bedeckt, mussten nicht nur Versorgungsleitungen und Kanäle untergebracht werden. Auch die Durchführung des Rathausbachs unter dem Platz wurde damals neu gebaut.

Kritik übt er an der Gestaltung ebenso wie an der technischen Begründung. Er ist nicht allein. Über Gestaltungs- und damit Geschmacksfragen kann man trefflich streiten, und das passiert in der Bevölkerung auch – nicht erst seit der Vorstellung erster Pläne. Doch Lütsch, der Anfang der 1980er-Jahre in Oelde Stadtbaurat war, also zu der Zeit, als Innenstadt und Marktplatz ihre jetzige Form erhielten, ist nicht der Einzige, der die Begründung für den tiefgreifenden, damit teuren Eingriff ins Platzfundament aus technischer Sicht infrage stellt. Die SPD hat die Verwaltung zu einer Stellungnahme in der Ratssitzung am Montag aufgefordert. In ihrer Anfrage bittet die SPD um Klarstellung zu den von Lütsch getätigten Äußerungen. Auch Recherchen von Fraktionsmitgliedern hätten ergeben, dass die Angaben der Verwaltung zur Untergrundbeschaffenheit und Pflasterverlegung „nicht eindeutig sein könnten“, wie die Fraktion vorsichtig formuliert. Die hohen Investitionskosten resultierten aus der laut Verwaltung technisch notwendigen Sanierung des gesamten Untergrunds. Für die SPD steht fest: Sollte diese nicht notwendig sein, sei der bisherigen Beschlussfassung die Grundlage entzogen. Die SPD würde in dem Fall eine erneute Überplanung der Gesamtmaßnahme fordern.

Sachverständiger stellt Gutachten vor

In der Ratssitzung am Montag will die Verwaltung auf die Anfrage reagieren. Die Stadt Oelde teilte jetzt mit, dass ein zwischenzeitlich von ihr beauftragter Gutachter die gemachten Angaben „uneingeschränkt bestätige“. Er werde seine Untersuchungsergebnisse in der öffentlichen Ratssitzung vorstellen. In der entscheidenden Sondersitzung Ende November zum Marktplatzumbau hatten Ratsmitglieder fraktionsübergreifend Kritik an der erst kurzfristig genannten Kostensteigerung geäußert. Abgestimmt wurde dennoch, denn drei Tage später lief die Frist zur Beantragung der fest für die Maßnahme eingeplanten Fördermittel in Höhe von 50 Prozent ab. „Alle haben brav die Hand gehoben“, sagte ein Ratsmitglied jetzt gegenüber unserer Zeitung. Doch es sei eine Abstimmung „mit der Faust in der Tasche“ gewesen.

Stadtzentrum erhielt 1985 ein neues Gesicht

Die Neugestaltung des Marktplatzes trifft das Herz der Oelder Innenstadt. Das war 1985, als Platz und anliegende Straßen in ihrer jetzigen Form entstanden, nicht anders. Der spätere Stadtbaurat Norbert Hochstetter hat die Maßnahme als Leiter des Fachdienstes Tiefbau damals federführend begleitet. Im Interview blickt der 76-jährige Oelder auf den Bau zurück sowie auf mögliche Auswirkungen auf aktuelle Vorhaben.

„Die Glocke“: Welche Voraussetzungen mussten 1985 vor Umsetzung dieser Umbaumaßnahme erfüllt sein?

Hochstetter: Wesentliche Voraussetzung war der Bau der Konrad-Adenauer-Allee. Sie ermöglichte, dass die Lange Straße zunächst als verkehrsberuhigter Bereich umgestaltet und einige Jahre später zur reinen Fußgängerzone gemacht werden konnte. Weil eine probeweise Sperrung der Langen Straße auf größte Unzufriedenheit der Geschäftsleute gestoßen war, wurde zuerst eine verkehrsberuhigte Zone geschaffen. Ziel war, die Mischfunktion zu ermöglichen, also die parallele Nutzung für Fußgänger, Radfahrer und den motorisierten Verkehr – auch Zulieferer.

„Die Glocke“: Ist das heute noch im Straßenbild der Fußgängerzone zu erkennen?

Hochstetter: Die vielen Einbauten sind damals auch geschaffen worden, um den Verkehrsfluss zu verlangsamen. Dazu gehören beispielsweise die zentralen Hochbeete, durch die die Fahrzeuge geführt wurden.

„Die Glocke“: Es war eine umfangreiche Baumaßnahme im Herzen der Stadt. Wie lange haben die Arbeiten gedauert? Hochstetter: Wir haben im März 1985 angefangen und waren so zeitig fertig, dass im Advent der Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz stattfinden konnte. Wir waren recht schnell, aber das hatten wir den Anliegern vorab auch versprochen.

„Die Glocke“: Hatten Sie besondere Herausforderungen zu meistern?

Hochstetter: An der Langen Straße wurden drei Kanäle zu einem Kanal zusammengeführt. Außerdem musste dieser Strang im weiteren Verlauf im Bereich des Marktplatzes unter dem Rathausbach hindurchgeführt werden. Letztlich wurde das Kanalsystem im gesamten Baufeld erneuert und mit Erfolg auch der Versuch unternommen, alle Versorgungsträger an einen Tisch zu bekommen. „Legt rein, was auch für die Zukunft nötig ist, später wird ein Aufbruch nur schwer genehmigt werden“, lautete die Ansage. Das wurde meines Wissens bis jetzt durchgehalten.

„Die Glocke“: Hat der Untergrund des Platzes besondere Anforderungen gestellt?

Hochstetter: Der Untergrund ist recht sandig, aber die Tragfähigkeit wurde auf die damaligen Anforderungen hin untersucht. Auf dem recht verdichteten Untergrund ist eine Frostschutzschicht eingebracht. Sie verhindert das Aufsteigen von Wasser und so letztlich Frostschäden. Wir haben Untergrund und Aufbau damals entsprechend der Verkehrsklasse der Straße gestaltet.

„Die Glocke“: Kritik gibt es jetzt an der Begründung für die laut Verwaltung tiefgreifender notwendige Maßnahme. Können Sie diese teilen?

Hochstetter: Die technische Notwendigkeit sehe ich tatsächlich nicht. Damals wurde nach den gültigen Kriterien sorgfältig gearbeitet und auch Straßenbauklinker der höchsten Qualität gewählt. Nach der mehr als 30-jährigen Nutzung – auch mit motorisiertem Verkehr – ist die Fläche in Ordnung. Es müsste meines Erachtens möglich sein, den vorhandenen Unterbau zu nutzen.

„Die Glocke“: In die Diskussion sind zuletzt auch die konzentrischen Kreise eingebracht worden sowie ihr Einfluss auf die Stabilität. Wie sehen Sie das?

Hochstetter: Die Kreise waren und sind ein reines Gestaltungsmittel und haben keinerlei statische Funktion. Wir haben versucht, einen Mittelpunkt des Platzes zu definieren mit den Achsen der auf den Platz zulaufenden Straßen. Schon damals haben wir das Pflaster auf die Kirche ausgerichtet, wie etwa der Trichter vor dem Hauptportal zeigt. Auch eine Sichtachse zum Alten Pastorat war uns wichtig.

„Die Glocke“: Trifft Ihre Kritik auch die geplante Gestaltung des neuen Marktplatzes?

Hochstetter: Keine Gestaltung ist für die Ewigkeit. Neue Zeiten bringen und erfordern neue Ansätze. Ein Platz wird nach meiner Auffassung nicht nur durch ein neues Pflaster belebt, letztlich müssen ihn die Bürger durch vielfältige Nutzung beleben. Nur neuer Stein unter den Füßen bringt gar nichts. Allerdings sehe ich – anders als bei der bisherigen Ausführung – in der derzeitigen Gestaltungsplanung kein Alleinstellungsmerkmal für unsere Stadt. Darüber hinaus verstehe ich noch nicht, wie der Anschluss der neuen Gestaltung an die bestehende etwa im Verlauf der Langen Straße geschehen soll.

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