Afghane lebt sich in Warendorf ein


Warendorf (rs) - Im Film „Noch ein Jahr – Leben in Warendorf“ stellen Beate Trautner und Petra Schürmann das Leben von Geflüchteten in Warendorf vor. Einer davon ist Natiabullah Tashi. „Die Glocke“ traf sich mit ihm, um noch mehr über ihn und sein Leben in Warendorf zu erfahren.

Natiabullah Tashi gehört zu den vier Geflüchteten, die in dem Filmprojekt „Noch ein Jahr – Leben in Warendorf“ vorgestellt wurden. „Die Glocke“ lud ihn zu einem Gespräch in der Redaktion ein, bei dem er über sein Heimatland Afghanistan, seine Flucht und ein „Ankommen“ in Warendorf sprach.

Die beiden Filmemacherinnen aus Warendorf wollten zeigen, wie die Menschen, die neu in das Land gekommen sind, ihr Leben gestalten. Dass es sich nicht ausschließlich um Sozialhilfebezieher handelt, sondern um zielorientierte junge Menschen, die viel auf sich genommen haben. Das beweist das Schicksal des Afghanen Natiabullah Tashi, genannt Tashi, der 2016 nach Deutschland gekommen ist und im Film-Projekt der zwei Warendorferinnen vorgestellt wird. 

Mutter trifft Entscheidung für Flucht

Im Gespräch der „Glocke“ mit Tashi ging es aber auch um die derzeitige Situation in seinem Heimatland. „Meine Mutter hat die Entscheidung getroffen, dass ich Afghanistan verlassen soll“, erklärt Tashi. 15 Jahre alt war er zu diesem Zeitpunkt. „Ganz in der Nähe meines damaligen Wohnorts waren die Taliban aktiv, ich hatte dort keine Zukunft“. Der aktuelle Rückzug der Nato-Truppen sei ein Signal an die Taliban, das entstehende Vakuum für die Ausweitung ihrer Macht zu nutzen, schätzt Tashi die aktuelle Lage ein. „Die Taliban beherrschen mittlerweile 80 Prozent des afghanischen Gebiets“, sagt er. „Unsere Armee kommt dagegen nicht an, seit 20 Jahren kämpfen wir gegen die Taliban, und es wird nur immer schlimmer.“ 

Wer sind „wir“, wer sich „die“? Wenn ein Afghane in Deutschland, dem Land, das ihm Zuflucht geboten hat, über seine Heimat und seine Landsleute redet, sei es mitunter nicht leicht, deutlich zu machen, dass Afghanistan nicht gleich Terrorismus ist. „Wir sind nicht alle Terroristen, wir bekämpfen Terroristen, wir wollen einfach leben, so wie hier.“ Seine Mutter und seine Schwester seien noch immer dort, während sich sein 15-jähriger Bruder in der Türkei aufhält. Tashi hofft, dass er ihn irgendwann nach Deutschland nachholen kann.

Gefährliche Fahrt übers Mittelmeer

Im „Glocke“-Gespräch wird deutlich, dass Natiabullah Tashi aufgewühlt ist, wenn er über seine Erfahrungen in Afghanistan und auf der Flucht spricht. Und dennoch bleibt der heute 22-Jährige gefasst. „Ich muss ja, was bleibt mir sonst anderes übrig?“, sagt er. Am gefährlichsten sei die Fahrt über das Mittelmeer von der Türkei nach Griechenland gewesen. „Da sterben richtig viele“, schildert er, und es wird deutlich, dass er weiß, wovon er da spricht. Viele, die die Flucht antreten, seien zu Fuß unterwegs und verdursten einfach oder wachen nach völliger Entkräftung nicht mehr auf, erklärt Tashi.

„Ich wusste erst gar nicht, dass ich nach Deutschland kommen würde. Zunächst bin ich in der Türkei gelandet.“ Dort sei er auf Personen gestoßen, die ihn weiter nach Europa bringen konnten. Seine Mutter habe aus Afghanistan Geld für die Weiterfahrt überwiesen. Auch die Schweiz sei ein möglicher Zielort gewesen. „Die Leute in der Türkei sagten ,Germany‘. Ich habe mich dann angeschlossen. Es war Schicksal, dass es so kam“, glaubt er. 

Über Praktikum in Pflege-Ausbildung

In Deutschland angekommen, landete Tashi in München, von wo aus es über Stationen in Ahlen und Beckum schließlich nach Warendorf ging. Nach einem mehrmonatigen Praktikum im Malteser Marienheim in Warendorf trat er eine Ausbildung zum Altenpfleger im Altenheim Dechaneihof St. Marien in Freckenhorst an. Die Abschlussprüfungen sind in Kürze zu absolvieren. Auch seine Prüfung für den Pkw-Führerschein hat Tashi inzwischen bestanden – „in Theorie und Praxis“, wie er nicht ohne Stolz betont. 

Vor drei Jahren hat er eine eigene Wohnung bezogen und verdient sein eigenes Geld. Sozialleistungen vom Staat habe er nie bezogen. „Meine Hände funktionieren. Also kann ich arbeiten“, sagt er. Wie es langfristig weitergeht, weiß er jedoch nicht. „Natürlich möchte ich in Deutschland bleiben und hoffe, dass alles so gut wie bisher läuft. Ich habe aber lediglich eine Aufenthaltserlaubnis und mache mir Sorgen, dass mir doch irgendwann in Deutschland die Abschiebung droht.“

Sorge über Eskalation in der Heimat

Und verreisen darf er damit auch nicht, obwohl er es innerhalb Europas gern tun würde – so wie andere Menschen um ihn herum. Die eskalierende Situation in seinem Heimatland infolge des Truppenabzugs der Amerikaner und ihrer Verbündeten trägt nicht dazu bei, ihm diese Sorge zu nehmen.

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