Aktivkohle vertilgt  Arzneimittel-Reste



Gütersloh (rast) - Zufrieden blickt Hubert Burbaum, technischer Geschäftsführer im Isselhorster Klärwerk des Abwasserverbands Obere Lutter, auf seine zwei für Aktivkohle umgebauten Becken. Sie gehören zur zweiten Stufe des 2011 gestarteten und vom Land Nordrhein-Westfalen geförderten Anlagenversuchs zur Filterung von Mikroverunreinigungen.

Ist überzeugt, dass die Filterung des Abwassers mit Aktivkohle sinnvoll ist: Hubert Burbaum, technischer Geschäftsführer des Isselhorster Klärwerks, an den Becken mit dem Granulat. 

Er wird am 14. November von Landesumweltminister Johannes Remmel gestartet. Die Kläranlage in Isselhorst ist die einzige in Nordrhein-Westfalen, die die Wasserreinigung mit Aktivkohlegranulat in dieser Größe betreibt. In Schwerte und Düren gebe es noch weitere Anlagen, die die sogenannte vierte Reinigungsstufe einsetzten, allerdings in geringerem Umfang. „Endlich wird ein Thema einmal angegangen, bevor es unter den Nägeln brennt“, sagt Hubert Burbaum. Hintergrund sind die sich im Abwasser befindenden Rückstände von Arzneimitteln. Deutschlandweit sind das pro Jahr 38 000 Tonnen Human- und 2500 Tonnen Tierpharmaka. Darunter 350 Tonnen Ibuprofen oder 90 Tonnen Diclofenac, die in unterschiedlichen Schmerzmitteln vorkommen. Bei den Mengen müsste der Verbraucher allerdings 1000 Liter Wasser trinken, um die Wirkung einer Tablette zu erzielen. „Es weiß aber niemand, was dieser Medikamenten-Cocktail für eine Wirkung hat“, erläutert der Klärwerk-Chef.

Rückstände von Schmerzmitteln

Erste Versuche hätten gezeigt, dass sich Aktivkohle gut eigne, um die Medikamentenreste herauszufiltern. Geschiehe das nicht und das geklärte Wasser werde wieder in den natürlichen Kreislauf geleitet, so reicherten sich die Medikamentenreste im Uferfiltrat an. Allein durch den Rhein schwimmen jährlich zwölf Tonnen pharmazeutische Rückstände. In diesem Fall muss die Aktivkohlefilterung auf der Trinkwasser-Gewinnungsseite eingesetzt werden. Teurer wird der Einsatz der neuen Technik auf jeden Fall. Von fünf Cent pro Kubikmeter Wasser spricht Burbaum. Die Vorteile der Filterung liegen seiner Ansicht nach auf der Hand. Die Medikamente gelangten so erst gar nicht in den Nahrungskreislauf. Der zweite Vorteil der Aktivkohlefilterung sei die bessere Einhaltung des Überwachungswerts für den chemischen Sauerstoffbedarf (CSB) des Wassers. Bei Nichteinhaltung müsse im Fall einer Kontrolle eine Strafe gezahlt werden. „Die Abwasserbehandlung der Firma Zimmermann hat sich zwar verbessert, aber hin und wieder kommt es immer noch zu Einleitungen, die wir mit unseren normalen Filtern nicht beherrschen“, erklärt Burbaum.

Versuch bis Ende 2013

Nachdem sich in der ersten Stufe die Wirksamkeit der Technik bestätigt hatte, soll jetzt getestet werden, wie sich die Filter im größeren Verbund verhalten und was regenerierte Aktivkohle im Vergleich zu frischer Aktivkohle leistet. Der Versuch läuft bis Ende kommenden Jahres. Die Kosten belaufen sich auf rund eine Million Euro, von denen das Land zirka 770 000 Euro trägt.

Reinigung in drei Becken

„Momentan ist die Anreicherung mit den Medikamentenresten noch kein Problem“, sagt Hubert Burbaum, aber das könne sich schnell ändern. In der Schweiz kommt die Filterung zur Beseitigung von Mikroverunreinigungen bereits großflächig zum Einsatz. In Isselhorst wird mit Aktivkohlegranulat gefiltert. Dessen Leistungsfähigkeit erschöpft sich nach einer gewissen Zeit, hat aber den Vorteil, dass es regeneriert werden kann. Die Kosten für neues Granulat belaufen sich auf 1800 Euro pro Tonne. Regeneriertes Granulat kostet 1200 Euro pro Tonne, erklärt Burbaum. Die Befüllung eines Beckens kostet 60 000 Euro. Begonnen hat die Isselhorster Anlage den Versuch in einem Becken, jetzt sind zwei weitere hinzugekommen. Insgesamt wird das Wasser in Isselhorst in zehn Behältern gereinigt.

Sieben Millionen Kubikmeter Abwasser

Das Landesamt für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz prüft die Wasserwerte in der Kläranlage 24-mal im Jahr. Die Prüfer hätten einen Schlüssel und entnähmen unangekündigt Proben, sagt Burbaum. Die Strafe für die Überschreitung des chemischen Sauerstoffbedarfs liege bei 80 000 Euro. Bei Regen fließen bis zu 3600 Kubikmeter Wasser pro Stunde in das Klärwerk. Der Trockenzufluss, also das reine Abwasser aus Toiletten, Duschen und Waschbecken, liegt bei 1000 Kubikmeter pro Stunde, die bereits jetzt komplett über die Aktivkohle gefiltert werden können. Im Jahr fallen zirka sieben Millionen Kubikmeter Abwasser an. Der Trockenzufluss pro Jahr beträgt gut sechs Millionen Kubikmeter. 14 Prozent der Abwässer stammen aus Gütersloh, 86 Prozent aus Bielefeld.

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