Anonyme Spurensicherung vorgestellt



Kreis Gütersloh (mn) - Wer Opfer von sexualisierter Gewalt geworden ist, aber – aus welchen Gründen auch immer – keine Anzeige erstatten will, kann auch im Kreis Gütersloh künftig die Spuren der Straftat vorsorglich gerichtsfest und anonym dokumentieren und sichern lassen.

Startschuss für anonyme Spurensicherung im Kreis: (v. l.) Kriminalhauptkommissarin Ursula Rutschkowski, Kreisdirektorin Susanne Koch, Dr. Johannes Middelanis (St.-Elisabeth-Hospital), Dr. Christiane Kelm-Dirkmorfeld und Ellen Wendt (Kreis Gütersloh), Dr. Heidi Pfeiffer (Institut für Rechtsmedizin der Uni Münster) und Diplompsychologin Simone Bindig.

Mit Rückgriff auf diese Beweismittel kann so bis zehn Jahre nach dem Übergriff noch Anzeige erstattet werden. Dieses in anderen Regionen bereits praktizierte Verfahren ist gestern bei einer Fachtagung im Kreishaus Gütersloh Ärzten, Pflegekräften, Psychotherapeuten und Mitarbeitern in psychosozialen Einrichtungen vorgestellt worden. Zugleich wurde eine breit angelegte Öffentlichkeitskampagne mit Flugblättern und Plakaten gestartet. Kreisdirektorin Susanne Koch: „Das Projekt ist uns sehr wichtig, weil wir eine Lücke im Opferschutz schließen.“ Sexualisierte Gewalt erfahren in erster Linie Frauen. Die allerdings zeigen eine Vergewaltigung oftmals nicht an. Kriminalhauptkommissarin Ursula Rutschkowski berichtet von 23 aktenkundig gewordenen Fällen im vergangenen Jahr. Demgegenüber verweist Gitte Weier von der Frauenberatungsstelle Gütersloh auf 30 betroffene Frauen, zu denen man 2016 Kontakt gehabt habe, ohne dass eine davon den Straftäter angezeigt habe.

Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt ist hoch

„Es gibt eine hohe Dunkelziffer“, sagt Ellen Wendt, die Gleichstellungsbeauftragte des Kreises. Sie und die übrigen Mitstreiter in dem Projekt sind daher froh über die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung. Zwar sind noch nicht alle Rahmenbedingungen festgezurrt, aber die Eckpfeiler stehen. Schließlich hat nicht nur die alte Landesregierung dem Thema hohe Bedeutung beigemessen – das Netzwerk im Kreis hat 6000 Euro Fördermittel erhalten –, sondern auch im neuen Koalitionsvertrag ist es verankert. Wie welche Unterstützung geleistet wird, um Spuren einer sexualisierten Gewalttat anonym zu sichern und aufzubewahren, ist im Detail noch offen.

Städtisches Klinikum und St.-Elisabeth-Hospital sind Kooperationspartner

Wichtige Kooperationspartner im Kreis sind das Städtische Klinikum und das St.-Elisabeth-Hospital in Gütersloh. Deren gynäkologische Ambulanz können Gewaltopfer aufsuchen. Die unter Schweigepflicht stehenden Mediziner greifen auf ein von der Polizei bereitgestelltes Spurensicherungsset zurück. Proben werden genommen und Fotos gemacht. „Wichtig ist, dass auch nicht behandlungsbedürftige Verletzungen dokumentiert werden“, sagt Dr. Heidi Pfeiffer, die Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin in Münster. Dorthin werden die Spuren geschickt, wo sie zehn Jahre lang bis zur automatischen Vernichtung aufbewahrt werden. In dieser Zeit kann bei einer nachträglichen Anzeige über einen nur dem Opfer bekannten Code auf die Beweismittel zurückgegriffen werden.

Zwar gibt es noch keine Regelung, wer die Kosten einer solchen Spurensicherung trägt, aus den Fördermitteln steht aber zunächst ein Betrag bereit. Oft, so berichtet Ellen Wendt, trügen die Kliniken die Kosten. „Auch wenn wir das im Kreis noch nicht geregelt haben, werden wir angesichts unserer Kooperation niemanden wegschicken“, sagt Dr. Johannes Middelanis, Chefarzt der Frauen-Klinik des Elisabeth-Hospitals.

„Opfer schweigen oft aus Schamgefühl“

„Die Hälfte der Frauen, die Opfer einer Vergewaltigung geworden sind, reden darüber nicht“, sagt Diplompsychologin Simone Bindig. „Die Betroffenen schweigen beispielsweise aus Schamgefühl, wollen das Geschehene einfach vergessen oder eben auch den vielfach aus dem Umfeld kommenden Peiniger nicht bloßstellen“, erklärte die psychologische Psychotherapeutin von der LWL-Klinik in Lippstadt und Referentin der Tagung gestern Nachmittag im Kreishaus Gütersloh. Wenn sexualisierte Gewalt in Beratungen zur Sprache komme, stelle sich nahezu immer heraus, dass keine Anzeige erstattet worden sei, erklärt die Fachfrau. Über das traumatische Erlebnis hinaus hätten die Opfer zudem oft mit Folgestörungen wie Depressionen oder Essstörungen zu kämpfen. Zudem hätten viele vergewaltigte Frauen oftmals auch schon in jungen Jahren sexualisierte Gewalt erfahren. Bindig: „Viele Frauen haben Schuldgefühle und es dauert oft Jahre, bis diese weg sind.“ Eine spätere Anzeige habe aber ohne eine anonyme Spurensicherung kaum Aussicht auf Erfolg, so die Psychologin.

Broschüren und Plakate klären auf

Mit der Informationskampagne will das Kooperationsnetzwerk vor allem Personen aus dem Umfeld der Opfer erreichen. Sie sollen Betroffene im Fall des Falls auf die Möglichkeit der anonymen Spurensicherung aufmerksam machen. „Dieses Angebot muss in jeden Kopf hinein, und zwar möglichst früh“, sagt Gitte Weier von der Frauenberatungsstelle Gütersloh. Die Aufklärungsbroschüren liegen unter anderem in Arztpraxen und Familienzentren aus. Zudem gibt es Plakate, die mitnehmbare Visitenkarten mit den Adressen der beiden beteiligten Kliniken griffbereit vorhalten. Die Plakate sind beispielsweise für Toiletten in Gastronomiebetrieben gedacht.

Hintergrund

Initiiert hat das Projekt der Runde Tisch gegen häusliche Gewalt im Kreis Gütersloh. Mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen kam es zur Bildung einer regionalen Kooperation zur anonymen Spurensicherung. Daran beteiligt sind das Klinikum und das St.-Elisabeth-Hospital Gütersloh, der Kreis Gütersloh, das LWL-Klinikum Gütersloh, die Kreispolizeibehörde, das Institut für Rechtsmedizin der Universität Münster, eine Fachanwältin aus dem Bereich Opferschutz, die Frauenberatungsstelle Gütersloh, das Frauenhaus Gütersloh sowie der Weiße Ring.

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