Arbeiten mit Hochdruck an Hilfe für die Opfer


Düsseldorf/Münster (be) - Dr. Fritz Jaeckel koordiniert in NRW den Wiederaufbau in den Flutgebieten. Der 58-Jährige gilt als ausgewiesener Praktiker: Er war bereits in den Jahren 2002 und 2013 nach den Fluten in Sachsen in der Leitstelle für den Wiederaufbau der Sächsischen Staatskanzlei eingesetzt.

Viele Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz, so wie hier in Erftstadt-Blessem. Vor vier Wochen haben Wassermassen Leid und Zerstörung gebracht. Jetzt steht der Wiederaufbau an. Dr. Fritz Jaeckel, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen in Münster soll die Aufgabe koordinieren.

 „Die Glocke“: Die Zerstörungen in den von der Flut getroffenen Regionen sind gewaltig. Gleichzeitig drängt die Zeit. Womit fangen Sie an? 

<mediaobject class="imageleft" id="X0.34740066569007655" idref="X0.42137854722395063" type="image" uid="fea304d9-0f89-497c-a18b-f54deda8de3f" url="http://ecms.die-glocke.de/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/fea304d9-0f89-497c-a18b-f54deda8de3f/jaeckel_fritz_ihk_nw_medien.JPEG" uuid="fea304d9-0f89-497c-a18b-f54deda8de3f" x0="0" x1="100" y0="0" y1="100"><element name="Unterschrift">Dr. Fritz Jaeckel<element name="Quelle"/></mediaobject>Dr. Jaeckel: Zunächst einmal hat mich das Ereignis tief betroffen gemacht. Auch die Zahl der Todesopfer. Tote gab es zwar auch bei den Überschwemmungen in Sachsen – aber nicht in dieser Größenordnung. Das zeigt das Ausmaß dieser Katastrophe. Entscheidend ist nun, dass den betroffenen Menschen möglichst rasch geholfen wird. 

„Die Glocke“: Wie wollen Sie das erreichen? 

Dr. Jaeckel: Eine entscheidende Hürde ist in dieser Woche genommen worden: Bundesregierung und Länder stellen Aufbauhilfen in Höhe von 30 Milliarden Euro zur Verfügung. Die Bereitstellung dieser Mittel ist gerade nach einer ersten Beruhigung der Corona-Krise ein Kraftakt. Es zeigt aber auch die hochgradige Solidarität mit den Flutopfern. Die Landesregierung arbeitet zudem seit der Katastrophe an den Wiederaufbauvorschriften. Das muss jetzt zusammengeführt werden. 

„Die Glocke“: Wie setzen Sie die Hilfen konkret um? 

Dr. Jaeckel: NRW braucht möglichst schnell einen rechtlichen Rahmen für die Auszahlung der Hilfen. Gleichzeitig ist wichtig, dass die Fragen der Bürger möglichst zügig und rechtssicher beantwortet werden können. An dem Aufbau dieser Strukturen arbeiten wir jetzt mit Hochdruck. Dabei geht es auch um ganz praktische Probleme. In den betroffenen Gebieten gibt es kein Internet mehr. Wir arbeiten deswegen ganz dezentral, vor Ort. 

Aktives und tragfähiges Netzwerk

„Die Glocke“: Wer hilft Ihnen dabei? 

Dr. Jaeckel: Mein ganzes Netzwerk aus den vergangenen Flutkatastrophen ist aktiv und tragfähig: Das sind etwa Kontakte in die Versicherungswirtschaft, in die Bundeswehr, die Landkreisverwaltungen und Abteilungsleiter in den Ministerien. Auch die sächsischen Kollegen, mit denen ich vor Jahren zusammengearbeitet habe, sagen mir heute: Wenn Du Hilfe brauchst, stehen wir Dir zur Seite. Das ist eine fantastische Erfahrung. 

„Die Glocke“: Wo arbeiten Sie derzeit? 

Dr. Jaeckel: Sie erreichen mich gerade im Bauministerium in Düsseldorf: Das Ministerium hat einen zentralen Hochwasserstab, der einen eigenen Raum bezieht. Dort werden die Leute zusammengezogen, die wir für die schnelle Hilfe benötigen. Das Büro der Ministerin Ina Scharrenbach ist nur wenige Meter weiter. Wir vernetzen uns gerade hervorragend. Entscheidend ist nun, dass der Karren gemeinsam in in eine Richtung gezogen wird.

Respekt vor der Berufung

„Die Glocke“: Müssen Sie angesichts des Ausmaßes der Katastrophe neue, ungewohnte Wege gehen? 

Dr. Jaeckel: Das ergibt sich schon aus der räumlichen Nähe und dem Miteinander hier in der Krisenbewältigung. So ist direkt neben meinem Büro der Vertreter des Landeskommandos der Bundeswehr angesiedelt. Wir tauschen uns laufend über die Arbeit aus. Derzeit sind 50 Bundeswehrsoldaten in den Überflutungsgebieten in NRW eingesetzt. Es sollen bald 280 Soldaten sein, die mit anpacken. 

„Die Glocke“: Muss beim Wiederaufbau neu gedacht werden? Sind andere Abstände zu Flüssen oder Bächen notwendig? 

Dr. Jaeckel: Das müssen die Bürgermeister und Landräte vor Ort entscheiden. Es wird immer noch in Überschwemmungsgebieten gebaut. Wäre ich Bürgermeister, würde ich darüber ernsthaft mit meinen Bürgern reden. 

Die Glocke“: Wäre es angesichts des Klimawandels sinnvoll, dauerhaft einen Hochwasserbeauftragen zu bestellen? 

Dr. Jaeckel: Das wird sicher diskutiert werden. Meiner Ansicht nach ist das auch eine europäische Frage.

„Die Glocke“: Haben Sie sich über die Berufung zum Krisenmanager gefreut? 

Dr. Jaeckel: Es ist in Verwaltungen ja bekannt, dass ich die Wiederaufbaustäbe nach den Hochwasserfluten 2002 und 2013 geleitet habe. Insofern wurde ich in den Tagen vor der Berufung schon von dem einen oder anderen angerufen. Als dann aber der entscheidende Anruf aus Düsseldorf kam, habe ich angesichts der Bedeutung der Aufgabe eine Nacht lang schlecht geschlafen.

Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.