„Aufhören, so lange es Freude macht“


Gütersloh (sbr) - Wer das Geschäftslokal mit der Hausnummer fünf an der Gütersloher Schulstraße betritt, legt gleich mit dem Stöbern los. Der knapp 40 Quadratmeter fassende Verkaufsraum ist voll mit Kleidungsstücken jeglicher Art. Auch Accessoires gehören zum Sortiment. Alles zum Schnäppchenpreis.

Folgerichtig trägt das Second-Hand-Geschäft den Namen „Das Schnäppchen“. Noch. Denn Ende September schließt es ein für alle Mal die Pforten. Nach 34 Jahren ist das kleine Geschäft in der Innenstadt zur Institution geworden. „Wir wollten eigentlich leise aufhören“, sagt Gudrun Vogelgesang-Behrens. Doch die „gigantische Spendenflut“ seitens der Bürger habe sie und ihre Mitstreiterinnen veranlasst, sich vernehmbar von den Güterslohern zu verabschieden. „Ohne die vielen Spenden hätten wir keine 34 Jahre geschafft. Dafür gilt allen ein herzliches Dankeschön“, verdeutlicht Vogelgesang-Behrens.

Karitativer Gedanke

„Das Schnäppchen“ hat sich nie als gewöhnlicher Second-Hand-Laden verstanden. Der karitative Gedanke stand immer im Mittelpunkt. „Idee und Zielsetzung waren von Anfang an, aus dem Verkauf gespendeter Kleidung Zuverdienstarbeitsplätze für psychisch kranke Frauen zu schaffen“, erklärt Vogelgesang-Behrens, die für den als Träger auftretenden Förderkreis Wohnen-Arbeit-Freizeit in der Sozialarbeit tätig ist. Durch den Kontakt mit den Bürgern – sei als Spender oder Kunde – bekämen die Frauen wieder gesellschaftliche Anbindung und fühlten sich akzeptiert. In dieser Normalität und Alltäglichkeit des Tuns und Begegnens liege ein großer therapeutischer Wert, betont Vogelgesang-Behrens. 

Nicht nur bei ihr, auch bei den langjährigen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Lilo Henning, Bärbel Schneider und Renate Sandhof kommt ein Hauch von Wehmut auf, während sie die „Schnäppchen“-Zeit Revue passieren lassen. „Wir hatten immer beste Qualität“, sagt Sandhof. „Und die besten Spender“, ergänzt Vogelgesang-Behrens. Die Frauen schwärmen außerdem von der Atmosphäre im Geschäft, das auch Treffpunkt und Kontaktstelle gewesen sei. 

Finaler Sonderverkauf

Warum wollen sie dann schließen? „Wir sind fit und haben Lust, aber irgendwann ist es Zeit. Man soll aufhören, solange es Freude macht“, antwortet Schäfer. Von Anfang August bis Mitte September findet immer montags bis samstags von 10 bis 13 Uhr der finale Sonderverkauf statt. Was übrig bleibt, geht an die Arbeitslosenselbsthilfe Gütersloh.

Therapeutisches Arbeitsangebot

Das „Schnäppchen“ ist ein therapeutisches Arbeitsangebot für Frauen mit psychischen Erkrankungen. Es offeriert Betroffenen die Möglichkeit einer sinnvollen tagesstrukturierenden Beschäftigung. Sie besteht darin, Second-Hand-Mode aufzubereiten und weiterzugeben. Das Geschäft steht unter Trägerschaft des Förderkreises Wohnen-Arbeit-Freizeit in Gütersloh. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, erwachsene psychisch erkrankte Menschen mit einem breiten Spektrum an Angeboten in allen lebenspraktischen Fragen zu unterstützen. Wert wird darauf gelegt, jeden Klienten individuell zu beraten. Seit 1978 fungiert der Förderkreis als Träger gemeindenaher Hilfen für Menschen im Kreis Gütersloh. Das Angebot besteht unter anderem aus ambulant betreutem Wohnen, Tagesstätten für psychisch Erkrankte, Hausgemeinschaften für Pflegebedürftige, Tagespflege und ambulantem Pflegedienst.

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