Basismedizin für die Ärmsten der Armen



Beckum/Dhaka (gl). Der kleine Patient wird Dr. Hermann Bönisch in Erinnerung bleiben: Eine schwere Verbrennung am Fuß bereitet dem Jungen seit Wochen quälende Schmerzen. Eine Klinik-Behandlung wird dem Sechsjährigen, der in einem Armenviertel in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch lebt, verweigert.

Die Verständigung in der Sprechstunde erfolgt in der Ambulanz in Dhaka (Bangladesch) mit Unterstützung einer Dolmetscherin, die aus der Landessprache Bangla ins Englische übersetzt. Bei Kindern kommt der Beckumer Mediziner Dr. Hermann Bönisch auch mit Gestik und Mimik weiter.

 Dafür hat seine Familie kein Geld. Die Organisation German Doctors, für die der Beckumer Internist sechs Wochen ehrenamtlich tätig ist, ermöglicht eine kostenlose Versorgung. Bezahlt wird Bönisch nach erfolgreicher Behandlung mit einem Kinderlachen. „Der Einsatz war für mich in vielerlei Hinsicht eine tiefgreifende Erfahrung“, erklärt der 65-Jährige. Schon jetzt steht fest: Er wird sich wieder in den Dienst der German Doctors stellen. Ende dieses Jahres ist Kenias Hauptstadt Nairobi sein Ziel.

Ehrenamtlich im Auslandseinsatz

Die Kontraste könnten kaum größer sein: Bis Dezember 2017 war Dr. Hermann Bönisch Chefarzt der Inneren Abteilung des Beckumer Elisabeth-Krankenhauses. Hochleistungsmedizin, eine trotz aller Systemschwächen sehr gute medizinische Versorgung – das prägte über Jahrzehnte seinen anspruchsvollen Berufsalltag. Am 29. Dezember startet Bönisch als Ehrenamtler ins sechswöchige <mediaobject class="imageleft" id="X0.5256610202501664" idref="X0.5113466659090553" type="image" uid="4d20ff53-5ea5-4d29-b9a4-430a10c7d378" url="http://ecms.die-glocke.de/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/4d20ff53-5ea5-4d29-b9a4-430a10c7d378/dsc01249.JPG" uuid="4d20ff53-5ea5-4d29-b9a4-430a10c7d378"> <element name="Unterschrift">Babywaage in einer Ambulanz der „German Doctors“. Die medizinische Ausstattung ist überschaubar. <element name="Quelle"/> </mediaobject>Abenteuer Bangladesch: Arbeit in den Slums der Hauptstadt Dhaka, Basismedizin für die Ärmsten der Armen. Die Hilfsorganisation betreibt dort sieben Ambulanzen zur kostenlosen Behandlung von Bedürftigen. Die Ausstattung ist überschaubar: Neben den fünf Sinnen steht nicht viel mehr als ein Stethoskop, ein Thermometer und eine Waage zur Verfügung. Das Prachtstück der Ausstattung ist ein mobiles Ultraschallgerät. Zur Behandlung steht ein Spektrum von gerade mal 30 Medikamenten zur Verfügung. „Da findet Medizin auf einer ganz anderen Ebene statt“, erklärt Bönisch. Je beschränkter die Möglichkeiten sind, desto größer sind die Herausforderungen des behandelnden Arztes. Als German Doctor ist Bönisch nicht nur als Experte für Innere Medizin gefragt. In den Ambulanzen behandelt er täglich bis zu 80 Patienten. Haut-Erkrankungen, Lungenentzündung, Diabetes, Bluthochdruck, „Frauen“-Krankheiten, die Folgen von Unterernährung, Tuberkulose und vieles mehr sind mit einfachsten Hilfsmitteln zu diagnostizieren und zu behandeln. Ein 250 Seiten starkes Handbuch der „Armutsmedizin“ ist in Dhaka ständiger Begleiter des Beckumers. Und wenn das nicht weiterhilft, nutzt er eine einfache Form der Telemedizin: ein Handyfoto von einer massiven Hautveränderungen erreicht den befreundeten Facharzt am Bodensee per E-Mail – als Antwort kommt die Diagnose des erfahrenen Kollegen samt Therapieempfehlung.

Frust und Freude

Dhaka/Beckum/Oelde (ame). Was motiviert zu solchen Einsätzen? „Ein bisschen Abenteuerlust ist sicher dabei, in den meisten Fällen bilden aber vor allem ein tiefer Humanismus und/oder religiöse Komponenten die Basis für das Engagement“, erklärt der Oelder Kinderarzt Dr. Hans-Peter Franken, der seit 30 <mediaobject class="imageleft" id="X0.37706536458832756" idref="X0.4902948096206488" type="image" uid="2d0a3ba2-722f-4199-8c30-185ab6c8cd7b" url="http://ecms.die-glocke.de/alfresco/d/d/workspace/SpacesStore/2d0a3ba2-722f-4199-8c30-185ab6c8cd7b/dsc01799.JPG" uuid="2d0a3ba2-722f-4199-8c30-185ab6c8cd7b"> <element name="Unterschrift">Besuch in einem Kinderheim in Dhaka, das von den Missionarinnen der Nächstenliebe geführt wird. Ihnen gehörte auch die heilig gesprochene Mutter Theresa an. <element name="Quelle"/> </mediaobject>Jahren für die German Doctors im Einsatz ist, zuletzt und ab Sommer wieder in den Slums von Kalkutta (Indien). Dort sind die Bedingungen ähnlich hart wie in Dhaka. Die Armenviertel solcher Metropolen sind geprägt von Menschenmassen, Lärm, Enge und Chaos auf den engen Straßen. „Wer sich für so einen Einsatz interessiert, muss wissen, worauf er sich einlässt. Auch in Hinblick auf fremde Kulturen, in denen Menschenrechte von Frauen und Kindern oft mit Füßen getreten werden“, betont der Beckumer Arzt Hermann Bönisch. Das sichere Gefühl, den Bedürftigen konkret geholfen zu haben, wie es sich etwa in einem Kinderlachen widerspiegelt, sei die wichtigste Motivation und der eigentliche Lohn für das Engagement. „Aber jeder, der von so einem Einsatz zurückkehrt, ist ein Stück weit auch frustriert. Weil er weiß, dass der Einsatz weniger ist als ein Tropfen auf dem heißen Stein und die Verhältnisse sich nicht grundlegend ändern“, berichtet Bönisch. Man können aus dieser Erfahrung aber auch Kraft schöpfen und eine Haltung entwickeln nach dem Motto „jetzt erst recht“.

Verknüpfung mit Bildungsprojekt

 Das Projekt der German Doctors in Dhaka ist eng verbunden mit der Initiative von Aminal Hoq. Vor Jahren hat dieser in einem Armenviertel eine Schule für 20 Kinder gegründet. Daraus hat sich eine örtliche Hilfsorganisation entwickelt, die mittlerweile 2500 Mädchen und Jungen eine schulische und einfache berufliche Ausbildungen ermöglicht – und damit eine Lebensperspektive eröffnet. Bei Hans-Peter Franken und Hermann Bönisch stärkt so ein Beispiel die Zuversicht. Sie sind sicher: „Bildung ist der Schlüssel zu Frieden und Gerechtigkeit“.

Stichwort: German Doctors

Der Verein German Doctors entsendet unentgeltlich arbeitende Ärzte zu Hilfseinsätzen in derzeit sieben Projekte in fünf Ländern: Kalkutta (Indien), Mindoro und Luzon (Philippinen), Dhaka und Chittagong (Bangladesch), Nairobi (Kenia) und Serabu (Sierra Leone). Dabei folgt die Nichtregierungsorganisation dem Leitbild, dass jedem Menschen ein Recht auf medizinische Versorgung zusteht – unabhängig von seiner Herkunft, Religion, Staatsangehörigkeit, politischen Überzeugung oder sonstigen Unterscheidungsmerkmalen. Seit 1983 haben die German Doctors rund 7000 Einsätze mit mehr als 3000 Ärzten durchgeführt. Die Organisation ist vor 35 Jahren unter dem Namen „Ärzte für die Dritte Welt“ gegründet und 2013 in German Doctors umbenannt worden. Mit der Namensänderung war eine strategische Kursanpassung verbunden, die auf einen verstärkten Auf- und Ausbau sich selbst tragender Strukturen abzielt.

Finanzierung durch Spenden

Bonn/Paderborn (gl). Jährlich arbeiten etwa 210 Ärzte für die Dauer von sechs Wochen in den Projekten des Vereins German Doctors mit Sitz in Bonn. Die Kurzzeiteinsätze sind für die Ehrenamtler noch recht gut mit ihrem Job zuhause und der Familie zu vereinbaren. Die Ärzte bekommen keinerlei Entschädigung für ihre Tätigkeit vor Ort. Sie arbeiten ehrenamtlich und beteiligen sich sogar mindestens in Höhe von 50 Prozent des Flugpreises an Verwaltungskosten. Dazu kommen noch die Kosten für vorbereitende Seminare. Im Gegensatz etwa zu Organisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ sind Projektregionen von German Doctors zwar Armutsgebiete, aber keine akuten Konfliktgebiete. Wegen zunehmender Terrorgefahr musste ein Projekt auf den Philippinen geschlossen worden. Mit Hochdruck wird an der Eröffnung neuer Projektorte gearbeitet. Ärztliche Helfer dafür stehen ausreichend zur Verfügung. Der Verein finanziert sich vor allem über Geld- und Sachspenden, Bundesmittel, Förderkreiseinnahmen, sowie aus Spenden von Sonderaktionen. Dazu zählt unter anderem auch der Osterlauf in Paderborn.

www.german-doctors.de/osterlauf-2018

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