„Big Brother Award“ in Bielefeld vergeben



Bielefeld (bor) - „Wer sich Alexa kauft, stellt sich freiwillig einen Spion ins Wohnzimmer“, sagt der Künstler Padeluun, Vorsitzender des Bielefelder Vereins Digitalcourage, über den vom US-Konzern Amazon vertriebenen Sprach-Assistenten.  Er bekam am Freitagabend den „Big Brother Award“ verliehen. 

Haben den Negativ-Preis „Big Brother Award“ am Freitagabend in Bielefeld vergeben:  (v. l.) Rena Tangens und Padeluun vom Verein Digitalcourage.

Der Negativ-Preis, bundesweit als „Oscar für Überwachung“ bekannt, wird jährlich vom Digitalcourage e. V. an Datensünder vergeben. „Erschreckend ist, dass nicht nur Unternehmen, sondern auch Politik und Verwaltung unverantwortlich mit den Daten der Bürger umgehen und diese missbrauchen“, sagt Rena Tangens, ebenfalls Digitalcourage-Vorsitzende. Die sechs Preisträger:

Kategorie Verbraucherschutz: Der Sprach-Assistent Alexa wird von Amazon als Multifunktionswerkzeug angepriesen, das Musik abspielen, Online-Einkäufe tätigen und den Fernseher bedienen kann. „Tatsächlich handelt es sich um eine Lauschangriffdose, die ihre Nutzer abhört“, sagt Padeluun. Sämtliche Schnipsel, die Alexa mithört, werden von Amazon auf externen Speichern in der Cloud gesammelt. Und nicht nur dort: „Wer Alexa im Haushalt einrichtet, kann alle Sprachfetzen, die das Gerät jemals aufgeschnappt hat, später wieder abspielen. So kann die Ehefrau alles überwachen, was ihr Mann zu Alexa gesagt hat“, schildert Padeluun.

Kategorie PR &Marketing: Das „Smart City“-Konzept, das Technologiefirmen wie Siemens und IBM bewerben, verspricht Städten nachhaltigen Klimaschutz, effiziente Verkehrsleitsysteme und einen sicheren öffentlichen Raum. Dabei können neuartige Straßenlaternen mit integrierter Kamera Fußgänger erkennen, Kfz-Kennzeichen lesen und über Mikrofon Gespräche abhören. „Mit dieser Technik können wir keinen Schritt mehr unbeobachtet gehen“, mahnt Tangens. „Während die ‚Smart City‘ in Deutschland noch als sicher und innovativ beworben wird, sprechen Firmen in China und der Türkei offen aus, worum es geht: Lückenlose Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung“, mahnt Tangens. Auch hierzulande gebe es gefährliche Entwicklungen: Tangens nennt den Test am Berliner Bahnhof Südkreuz, wo Ex-Innenminister Thomas de Maizière (CDU) eine intelligente Videoüberwachung eingeführt hat. „Der neue Innenminister Seehofer (CSU) hat bestätigt, dass er die Gesichtserkennung bundesweit an möglichst vielen Orten einführen will.“ Mehr noch: Im Koalitionsvertrag sei eine Weiterentwicklung der intelligenten Videoüberwachung vorgemerkt.

Kategorie Arbeitswelt: Die Firma Soma Analytics aus München verkauft ihre Gesundheits-Apps „Kelaa“ und „Kelaa Dashboard“ an Personalabteilungen von Firmen. Anhand verschiedener Parameter (wie Aufgeregtheit der Stimme, Bewegungen im Schlaf) misst die App den Gesundheitszustand des Beschäftigten und liefert dem Arbeitgeber somit Informationen über das seelische Wohlbefinden des Angestellten. „Das ist ein Tabubruch“, sagt Laudator Prof. Dr. Peter Wedde von der Universität Frankfurt in Bielefeld. „Die Beschäftigten haben permanent das Gefühl, dass ihr Arbeitgeber sie beobachte – sogar im Schlaf. Fraglich sei zudem, ob die Daten ausgewertet würden, um etwa Entlassungen zu befördern.

Kategorie Technik: Im Betriebssystem Windows 10 von Microsoft ist es selbst fachkundigen PC-Nutzern nicht möglich, die vollständige Übertragung sensibler Daten an Microsoft zu unterbinden, bemängelt Frank Rosengart vom Chaos Computer Club. „Was geht es Microsoft an, ob Sie Ihren Computer als Schreibmaschine, als Spielzeug oder als Fernseher benutzen? Und was macht die Firma mit diesen Informationen? Wir wissen es nicht“, sagt der Laudator.

Kategorie Politik: Die regierende CDU/Grüne-Koalition in Hessen greift mit ihrem geplanten Verfassungsschutzgesetz tief in die Grundrechte ein, kritisiert Dr. Rolf Gössner, Internationale Liga für Menschenrechte. Der Entwurf sehe vor, dass „Staatstrojaner“ private Computer heimlich ausforschen können. Zudem sollen kriminelle V-Leite erstmals gesetzlich von Strafverfolgung freigestellt werden. „Ein schwerer Angriff auf Demokratie, Rechtsstaat und Bürgerrechte“, sagt Gössner.

Kategorie Verwaltung: In einigen Flüchtlingsunterkünften setzen Behörden die Software „Cevisio Quartiersmanagement der Firma Cevisio“ aus Torgau (Sachsen) ein. „Damit werden Asylsuchende umfassend kontrolliert“, sagt Dr. Thilo Weichert, Deutsche Vereinigung für Datenschutz. Erfasst und gespeichert würden Bewegungen der Menschen auf dem Gelände, Essensausgaben, Religionszugehörigkeiten und vieles mehr.

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