Bundesfernstraße verlagert nur Probleme



Beelen (ae) - Die Freie Wählergemeinschaft (FWG) Beelen bekennt Farbe: Die Fraktion spricht sich gegen das Straßenbauprojekt aus, das im Bundesverkehrswegeplan als Bundesfernstraße (B64n) ausgewiesen wird und durch den Norden der Gemeinde führen soll.

Das Verkehrsaufkommen in Beelen ändert sich täglich mehrfach. Die unterschiedlichen Belastungen haben zahlreiche Ursachen.

Die Partei strebt dagegen eine „ortsverträgliche Optimierung der innerörtlichen Verkehrssituation an, die Mensch und Natur schont“.

In einem Schreiben an Bürgermeisterin Elisabeth Kammann beantragt die FWG, am 11. Mai in diesem Sinn einen Ratsbeschluss herbeizuführen. Dass sich die FWG mit diesem Denkansatz nicht nur Freunde in Beelen macht, ist Fraktionschef Matthias Nüßing klar. Andererseits: „Wir müssen handeln. Eine Bundesfernstraße führt in Beelen zwangsläufig zu einer Mehrbelastung der Ortsrandlagen.“ Das sei nach jetzigem Wissensstand unverantwortlich. Da setze man auf die Entwicklung intelligenter Lösungen, die den Status quo verbessern.

Die Kommunalpolitiker sehen sich ihrem Gewissen verpflichtet und wollen durch ihr Votum jetzt ein Zeichen setzen. „Wenn ein Planfeststellungsverfahren erst läuft, ist der Zug für uns abgefahren“, ist Nüßing überzeugt. Die Fraktion hat sich bewusst Monate für ihre Meinungsbildung Zeit gelassen und jetzt in Klausur die Argumente Pro und Contra zusammengetragen. „Gründe, die für eine Bundesfernstraße sprechen, fallen mir kaum ein“, sagt er.

Nüßing warnt davor, in der Diskussion die Begriffe Umgehungsstraße und Bundesfernstraße zu verwechseln. Mit der durchgehend dreispurigen Fernstraße – im Wechsel besitzt eine der beiden Verkehrsrichtungen eine Überholspur – wollen die Planer die Oberzentren Bielefeld und Münster verbinden. Eine solche Straße muss Verkehr aufnehmen und fließen lassen. Dadurch, heißt es in der Antragsbegründung der FWG, werde die Belastung für Beelen auch wachsen.

Die FWG hat ihre Argumente gebündelt und streift damit sämtliche Belange der Kommune. „Eine Bundesfernstraße erhält eine Dimension, die man auf Zeichnungen nur erahnen kann“, warnt Nüßing. Sollte die B64n gebaut werden, rollt der Verkehr auf einer Trasse nördlich um Beelen. Er tangiere Wohngebiete und fließe in Sichtweite des Sportzentrums. Dass der Gesetzgeber nicht generell Lärmschutzmaßnahmen dort vorsehe, habe jüngst eine Infoveranstaltung in Warendorf gezeigt, auf der Experten unter anderem von Straßen.NRW Konzeptionen für die Kreisstadt vorgestellt haben. „An Straßenführungen in sieben Meter Höhe muss man sich erst einmal gewöhnen“, sagt Nüßing und prognostiziert erhöhte Schadstoff- und Lärmemissionen für Beelen. „Wollen wir das wirklich?“

Mensch und Natur stehen im Mittelpunkt

Experten haben für den 4,5 Kilometer langen Teilabschnitt um Beelen einen Flächenverbrauch von 45 Hektar errechnet. „In einer ländlich geprägten Gemeinde, die von Landwirtschaft lebt, ist das schwer zu vermitteln“, sagt Matthias Nüßing. Damit die Bauern ihre Flächen nördlich und südlich dieser Fernstraße bearbeiten könnten, würden Brücken gebaut. „Es muss ein Ausgleichs- und Parallelwegenetz geschaffen werden, dessen Folgekosten die Gemeinde zu tragen hat.“ Dieser Flächenfraß habe negative ökologische Auswirkungen, argumentiert die FWG. Befürchtungen, eine Bundesfernstraße wirke sich auch umsatzhemmend auf den Einzelhandel aus, teilt sie. Die Fernstraße nehme als künstliche Grenze der Kommune darüber hinaus die Möglichkeit, sich nach Norden zu entwickeln.

Die FWG erinnert in ihrem Schreiben an die Bürgermeisterin an einen Beschluss, den Beelens Gemeinderat 1996 gefasst hat. Darin heißt es: „Die Umgehungsstraße soll auf jetzigem Geländeniveau mit niveaugleicher Anbindung der kreuzenden überörtlichen Straßen errichtet werden, um einen geringeren Landschaftseingriff und -verbrauch im Vergleich zu einer kreuzungsfreien Kraftfahrstrecke mit Überführung der kreuzenden Straße zu erreichen.“ Diese Umgehung ist zwar nie realisiert worden, den Denkansatz aber macht sich die FWG zu eigen und hofft auf Unterstützung der übrigen Parteien. Und sie hat weiter recherchiert: Vor 21 Jahren wurde prognostiziert, der – je nach Straßenabschnitt ermittelte – damals aktuelle Durchgangsverkehr würde in Beelen von 14 000 bis 19 000 Fahrzeugen täglich bis zum Jahr 2010 auf 16 800 bis 22 800 steigen. Die Verkehrszählung aus 2015 zeigt dem gegenüber einen völlig anderen Trend: Das Aufkommen betrug vor zwei Jahren 8700 bis 9100 Kraftfahrzeuge täglich. „Der Verkehr ist also rückläufig“, konstatiert Nüßing.

Die FWG will durch den angeregten Ratsbeschluss erreichen, dessen rechtliche und planerische Folgen den Antragstellern unklar sind, dass nach Optimierungsmöglichkeiten geforscht wird. Die Partei möchte nicht den Eindruck erwecken, sie sei mit dem Ist-Zustand im Innerortsbereich glücklich. Dennoch: „Wir wollen eine Lösung des Problems, die Mensch und Natur in Einklang bringt“, sagt Matthias Nüßing stellvertretend für seine Parteifreunde. Eine kostenintensive und ökologisch wenig sinnvolle Problemverlagerung zulasten der Randbereiche, wie eine mögliche Bundesfernstraße sie mit sich bringen würde, sei mit der FWG nicht zu machen

Texte und Fotos von die-glocke.de sind urheberrechtlich geschützt. Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.