Die Nacht der starken Stimmen



Gütersloh (dop) - Von wegen britisches Understatement und hanseatische Zurückhaltung. Diese „Deern“ rockt. Und zwar so richtig. Runde drei in der „Woche der kleinen Künste“ gehörte am Mittwochabend auf dem Gütersloher Dreiecksplatz ganz dem Gesang. Und das mit sehr unterschiedlichen Stimmen.

Toll nicht nur wegen der adrett getürmten Tolle: Die britische Sängerin Sarajane hat sich bei der „Woche der kleinen Künste“ nachdrücklich empfohlen.

Bühne frei für Sarajane, die „Adele Hamburgs“, die fürs pure Dasein als Ina Müllers Backgroundsängerin viel zu schade ist, und sich daher zusammen mit ihrer jung-dynamischen Band, auf die eigenen, schönen, langen, schlanken Beine stellt. Nicht nur das Krönchen im Logo weist bei der gebürtigen Britin, die die Hamburger School of Music absolvierte, auf ein gesundes Selbstbewusstsein hin. High-Energy-Soul mag sie. Und den liefert sie auch ab. Lautstark, facettenreich und emotional.

Was Sarajane schon 2015 mit ihrem Debüt-Album „Step One“ an verheißungsvoll rockigem Sound, mal ummantelt von schummrigem R ’n’ B oder auch funkigen Grooves, versprach, das hält sie. Fast „Too Beautiful“ – wie einer ihrer ersten, selbst geschriebenen Songs heißt. Die sympathische Sängerin singt Geschichten aus ihrem Leben. Über Freundschaften, Liebe, Familie. „Flying“ oder „November“ heißen sie. Soul mit ordentlich Wumms – und mit Herz.  Diese „Wow!“-Frau hat keine Angst, Emotionen zu zeigen und sie mit starker Stimme in den Nachthimmel zu schicken.

 Dass das vom Publikum mit viel Applaus goutiert wird, sogar erste Tänzer vor die Bühne lockt, macht der gut gelaunten Sängerin offensichtlich Spaß. Die von ihr erhofften „tumultartigen Szenen“ beim discolastigen „Friday Night“ bleiben allerdings aus. Da hat Sarajane das ostwestfälische Publikum doch etwas überschätzt. Aber das Ticket zum Wiederkommen dürfte sie trotzdem in der Tasche haben.

Eine Stimme gut und schön. Fünf Stimmen – noch viel besser. „The Real Group“ aus Schweden bieten das absolute Kontrast-Programm. Das renommierte, weltweit tourende A-cappella-Quintett, das sich nach der gleichnamigen Jazz-Standard-Sammlung benannt hat, erweist sich als eine ebenso faszinierende wie virtuose Formation an Kehlkopfakrobaten, wie man sie selten zu hören bekommt. Damit haben die Veranstalter einen weiteren „Leckerbissen“ in ihrer musikalischen Trüffelsuche entdeckt – und souverän serviert.

 Dass A-cappella eine wahrlich hohe Kunst ist, kann sich doch kein Sänger hinter einem auftrumpfenden Instrument verstecken oder sich von ihm über schwierige Passagen hinwegtragen lassen, das beweist diese Gruppe mit einer Exaktheit, die staunen lässt. Applaus für den lässig-leicht swingenden „Prime Time Jazz“, für schwedische Walzerseligkeit oder ein lettisches Volkslied, bei dem man förmlich sehen kann, wie die Sonne aufgeht und die weißen Nebel ziehen. Einfach wunderbar.

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