Ein Vormittag am Amtsgericht


Gütersloh (lw) - Der Mittwoch ist am Amtsgericht Gütersloh der Hauptverhandlungstag. Während im Gerichtssaal das Urteil gesprochen wird, warten die Beteiligten den nächsten Termins schon auf dem Flur. „Die Glocke“ war einen Vormittag dabei.

Es wird still im Saal 105 des Amtsgerichts Gütersloh. Nur ein Schluchzen ist zu hören. „Brauchen Sie einen Moment?“, fragt Richterin Silke Bergstermann die Angeklagte. Die nickt und sammelt sich. „Es tut mir wirklich leid“, sagt die junge Frau schließlich, ehe das Strafmaß verkündet wird: acht Monate auf Bewährung. 

Es ist ein Mittwoch – Hauptverhandlungstag am Gütersloher Amtsgericht. Bei den Terminen in den Sitzungssälen geht es quasi Schlag auf Schlag. Und nicht nur bei der Verurteilung der jungen Frau muss das Taschentuch gezückt werden. 

Es geht um Bekanntschaft, Enttäuschung und Einsamkeit

Schon beim ersten Termin fließen bei einer Beteiligten die Tränen. Es geht um eine Bekanntschaft, Enttäuschung und auch Einsamkeit. Angeklagt ist ein Mann, der einer Frau Schmuck gestohlen haben soll. Er bestreitet das, sagt, die Geschädigte habe ihm die Manschettenknöpfe und einen Silberring geschenkt. Einen Korkenzieher – ein Exemplar, das aussieht wie ein Schlüssel und vom Vater der Frau handgefertigt wurde – habe er ausgeliehen, damit ihn ein Freund von ihm reparieren könne. 

„Das hört sich alles nach einem Märchen an“, sagt Silke Bergstermann. Da kann ihr auch der Angeklagte nicht widersprechen. 

Im „Journal“ kennengelernt

Warum die Frau dem Mann, den sie eines Abends im Herbst vergangenen Jahres in der Gaststätte „Journal“ in Gütersloh kennengelernt habe, den Schmuck überhaupt gezeigt habe, wollen der Staatsanwalt, die Richterin und der Verteidiger des Angeklagten von der Frau wissen. „Das wüsste ich auch gern“, sagt die Zeugin und zugleich Geschädigte. Sie zuckt mit den Schultern. Um ihm zu imponieren? „Das kann schon sein. Ich war einsam und habe ihm vertraut“, sagt sie. 

Nachdem sie ihm bei einem Besuch den Schmuck gezeigt habe, habe sie ein schlechtes Gefühl gehabt. Sie habe nochmal nachgeschaut und dabei entdeckt, dass Schmuck fehle. Daraufhin habe sie die Polizei eingeschaltet, die dann beim Angeklagten drei der vermissten Wertgegenstände gefunden habe. 

„Keine Kommentare von hinten“

Was mit dem restlichen Schmuck passiert ist, lässt sich während der Verhandlung nicht aufklären. Der Angeklagte bestreitet den Diebstahl. Staatsanwaltschaft und Verteidigung sehen keine ausreichenden Beweise. Die Geschädigte, die zwischenzeitlich im Zuschauerbereich Platz genommen hat, zeigt sich lautstark entsetzt. „Keine Kommentare von hinten bitte“, sagt die Richterin. Die Zeugin verstummt. 

Bei der Urteilsverkündung dann die Überraschung. „Ich teile die Zweifel nicht“, sagt die Richterin zum Angeklagten. „Es spricht viel dafür, dass die drei Sachen, die bei Ihnen gefunden wurden, die Sachen sind, die Sie nicht versetzen konnten.“ Sie sei sicher, dass er die Gegenstände gegen den Willen der Frau genommen habe. 40 Tagessätze á 50 Euro lautet das Strafmaß. 

Die Geschädigte fängt vor Erleichterung an zu schluchzen. Als die Beteiligten den Saal verlassen, warten auf dem Flur schon die Personen für die nächste Verhandlung.

An einer Verurteilung führt kein Weg vorbei

Eine Frau nimmt neben ihrem Anwalt Platz. Sie soll erneut ohne gültige Fahrerlaubnis im Auto unterwegs gewesen sein. Nachdem der Staatsanwalt den Tatvorwurf vorgelesen hat, wendet sich der Verteidiger an die Richterin. Ob man nicht von einer Verurteilung absehen könne, will er wissen. Denn die Angeklagte bemühe sich derzeit um die deutsche Staatsbürgerschaft, damit sie mehr Sicherheit beim Besuchsrecht für ihre drei Kinder habe. Da sei eine erneute Verurteilung eine Katastrophe. 

Silke Bergstermann blättert durchs Vorstrafenregister. „Da kann ich wirklich nichts machen. An einer Verurteilung führt kein Weg vorbei“, sagt sie schließlich. Die Angeklagte kann die Tränen nicht zurückhalten. Der Anwalt bespricht sich nochmal mit seiner Mandantin vor der Tür, eher er verkündet, man müsse nochmal einen Termin ansetzen und den Polizisten als Zeugen laden, der die jüngste Kontrolle gemacht hat. Die Richterin willigt ein. Anwalt und Mandantin packen ihre Sachen zusammen, während Silke Bergstermann die Beteiligten der nächsten Verhandlung aufruft.

Von einer vorherigen Verurteilung nichts gewusst

Schließlich steckt die junge Frau, die später zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt wird, den Kopf durch die Tür und schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Ob ihre Tochter auch in den Gerichtssaal dürfe, will sie wissen und deutet auf den Säugling im Wagen. „Ja, selbstverständlich“, sagt die Richterin. Die Mutter der Angeklagten ist ebenfalls zu dem Gerichtstermin erschienen und nimmt ihre Enkelin mit in den Zuschauerbereich. 

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Dass sie erst kürzlich in Bielefeld verurteilt worden ist, ist der Angeklagten dabei neu. „Wie kann das sein?“, fragt sie entsetzt. „Das kommt davon, wenn man die Post nicht öffnet“, sagt die Richterin. Wegen erwerbsmäßigen Computerbetrugs wird die Frau, die in Tränen ausbricht, zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt. 

Dolmetscherin spricht nicht die richtige Sprache

Und dann soll vor Gericht noch ein Familienstreit geklärt werden – wobei es allerdings beim Versuch bleibt. Auf der Anklagebank sitzt ein junger Mann, der mit seinem Bruder zwei Männern Pfefferspray ins Gesicht gesprüht haben soll. 

Das eine Opfer ist ein Cousin. Und auch bei dem zweiten Opfer handelt es sich um einen Verwandten, der allerdings erst kürzlich nach Deutschland gekommen ist und die Sprache nicht spricht. Er ist als Zeuge vorgeladen. Zu diesem Zweck extra eine Dolmetscherin engagiert worden – allerdings für die falsche Sprache, wie sich zu Beginn herausstellt. 

Nun ja, erst einmal anfangen. Vielleicht muss der Zeuge auch gar nicht aussagen. Ansonsten muss ein neuer Termin her. Aber es kommt anders. Der Angeklagte gibt an, dass es einen Familienstreit gebe. Deswegen seien er und sein Bruder mit den beiden Opfern aneinander geraten. Man habe schon versucht, das Ganze familienintern zu lösen, aber ohne Erfolg. 

Bei Familienstreit sind auch die Juristen machtlos

Sein Cousin – das Opfer der Pfefferspray-Attacke – verweigert die Aussage, um sich selbst nicht zu belasten. Sein Vater ruft etwas in den Saal. „Sie sind hier Zuhörer“, sagt die Richterin zu ihm. Letztendlich wird das Verfahren eingestellt, da sich der Angeklagte bereit erklärt, 200 Euro an die Landeskasse zu zahlen. 

Der Zeuge will gerade gehen, als ihn der Verteidiger des Angeklagten aufhält. Ob sich die beiden Männer nicht einfach die Hand reichen könnten, will er wissen. Denn es laufen wegen ähnlichen Dingen noch andere Prozesse. Der Mann guckt seinen Vater an. Der schüttelt den Kopf. „Dafür ist zu viel passiert“, sagt der. Es gibt also auch Streitigkeiten, die das Gericht nicht klären kann.

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