Eine Baumscheibe mit Geschichte 



Rheda-Wiedenbrück (dop) - Es ist nicht spektakulär, sondern eher unscheinbar. Es ist kein großes Gemälde auf Leinwand, sondern gedeckte Malerei auf einer kleinen, glatten Baumscheibe. Aber es ist ein Bild mit Geschichte, die sich am Montag, 23. Juli, zum 96. Mal jährt.

Eine bemalte Baumscheibe mit Geschichte.

„So lange ich mich zurück erinnern kann, hat dieses Bild schon zum Hausinventar gehört“, sagt Gertrud Krane, Schwiegertochter von Heinrich Krane (1886 bis 1963), Maler der Wiedenbrücker Schule. „Ihm war dieses Grabszenarium zeitlebens sehr wichtig. Das hat man immer spüren und sehen können.“ Aus gutem Grund. Denn das Bild stammt von Kranes Freund, dem Kunstmaler Johann Bernhard Plöger.

1916: Der 29-jährige Plöger hat sich zwei Jahre zuvor freiwillig als Soldat gemeldet. Mit seiner Einheit sitzt er in Frankreich im Argonner Wald, der das wellige Becken der Champagne von Lothringen trennt, fest. Er blickt dort auf einen kleinen Tannenhain am Bach, auf zerschossene Birken und mehrere Grabhügel auf einer grünen Wiese. Plöger hat seine Ölfarben dabei und malt auf den Schrägschnitt eines Birkenstamms, was er sieht. Im Vordergrund legt er mit dem Pinsel ein einzelnes Grab unter einer mächtigen Eiche an – mit Kreuz, Helm und einer noch nicht beschriebenen Tafel.

Dieses Baumbild schickt er – „in der Hoffnung auf baldigen Frieden“ an Heinrich Krane. Versehen ist das Päckchen mit der ahnungsvollen Bitte, der Freund möge doch den Namen Johann Bernhard Plöger dort auf der unbeschrifteten Tafel eintragen, falls „auch ihm das Verhängnis beschieden sein“ sollte. Ende Juli kommt die Nachricht, dass Plöger am 23. des Monats im Feldlazarett an Typhus gestorben sei.

Damit war eine hoffnungsvolle Künstlerkarriere früh beendet. Plöger, der am 8. Februar 1887 in Wiedenbrück geboren wurde, hatte nach der Schule eine Lehre bei dem zur Wiedenbrücker Schule zählenden Kirchen-, Landschafts- und Bildnismaler Johannes Grewe absolviert.

In den 1934 vom damaligen Wiedenbrücker Stadtarchivar Dr. Franz Flaskamp herausgegebenen „Gesammelten Lebensbildern“ werden Johann Bernhard Plöger „besondere Fähigkeiten im Umgang mit Palette und Farben“, ein „natürlicher Frohsinn und ein geselliges Wesen“ attestiert.

Das mag es dem jungen Wiedenbrücker leicht gemacht haben, auf seinen anschließenden Wanderjahren überall gut anzukommen. Im schweizerischen Einsiedeln wurde er Mitarbeiter des Kunstmalers Johannes Liebich, betätigte sich rege im dortigen Gesellenverein und verkehrte mit den kunstverständigen Mönchen des berühmten Benediktinerstifts.

Künstlerisch gearbeitet hat Plöger für das Kloster aber offensichtlich nicht. Eine Anfrage der „Glocke“ nach möglicherweise noch vorhandenen Werken wurde vom dortigen Archivar negativ beschieden.

Ob Johann Bernhard Plöger gern in der Schweiz geblieben wäre, ist nicht mehr nachvollziehbar. Bei Kriegsbeginn kam er nach Wiedenbrück zurück und wurde über Saarlouis an die Westfront geschickt, wo er 1916 starb. Plöger wurde zunächst auf dem Kriegerfriedhof zu Marsy bestattet, später auf den Soldatenfriedhof von Apremont umgebettet.

Sein Bruder Gerhard besuchte während einer Kampfpause das noch frische, erste Grab und übermittelte der Familie ein Lichtbild, das dem Wiedenbrücker Kunstmaler Wilhelm Siebe später als Vorlage für ein Gemälde dienten sollte. Die Eindringlichkeit des Szenariums auf der kleinen Baumscheibe erreicht es nicht.

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