Extravagant und schwer vermittelbar



Rheda-Wiedenbrück (kvs) - Er gilt seit jeher als exzentrisch, herablassend und überheblich: Der Designer Luigi Colani, der in Rheda-Wiedenbrück die Grundlagen für seinen weltweiten Erfolg legte, feiert am heutigen Donnerstag seinen 90. Geburtstag – und zwar im sehr kleinen Kreis.

Fasziniert von der Schaffensvielfalt Luigi Colanis sind VHS-Chef Dr. Rüdiger Krüger (l., mit dem Colani-Lehrbuch „Ylem“ in seinen Händen) und Sammler Hans Schalück. Letzterer sitzt in seinem Colani GT von 1961, der nur 352-mal gebaut wurde.

Denn Party sei etwas für „Nichtse“. Eingeladen hatte er dennoch zu einer solchen, wenngleich sie unlängst wieder abgesagt wurde.

Einer derjenigen, der eine persönliche Einladung zum kürzlich abgesagten Geburtstagsfest von Professor Luigi Colani erhalten hat, ist Hans Schalück. Der Wiedenbrücker lernte den Designer kennen, als der als Lutz Geborene Rheda-Wiedenbrücks Kneipenszene unsicher und die Frauenwelt verrückt machte. „Er war ein Lebemann und hat sich schon schlecht benommen“, erinnert sich Schalück an ausschweifende Abende in Gaststätten, hübsche Mädels, jede Menge Lokalrunden – wenn der Künstler mal wieder flüssig war – und markige Sprüche, die den Prahlhans kennzeichnen. „Samstags gab’s Ravioli, sonntags wurden die Leute reihenweise in den Ratskeller eingeladen“, berichtet der Wiedenbrücker Fotograf Karl-Ewald Kirschner.

Ein Frauentyp

Nach Westfalen kommt Lutz Colani wie die Jungfrau zum Kinde. Als er sich 1964 von Berlin aus aufmacht, um seinen Bruder im Ruhrgebiet zu besuchen, verreckt ihm in Höhe Wiedenbrück sein rostiger VW Käfer. Im Alleingang schiebt er den Wagen bis zur Tankstelle gegenüber des Wasserturms. Die Reparatur dauere mehrere Tage, sagt man ihm dort, er könne sich ja im benachbarten Motel einquartieren. Könnte er, würde er auch gern, wenn er denn liquide wäre. Also bezieht er Quartier im Druffel-Hof an der Siechenstraße. Die Frauen des Hauses – zwei hübsche Bauerstöchter und die Gattin des Landwirts – liegen dem jungen Designer direkt zu Füßen. Plötzlich hat es Luigi (das klingt weicher) Colani gar nicht mehr so eilig, seinen Bruder zu treffen. Der Künstler, der zuvor Malerei und Bildhauerei in Berlin, später Aerodynamik an der Sorbonne in Paris studierte, bleibt vorerst. Einige Wochen später zieht er nach Rheda, wohnt über dem Café Mönchmeier und ist unter anderem für die Möbelindustrie tätig.

Extravagant und schwer vermittelbar

„Der hat den Stift genommen, und jeder Strich saß“, weiß Hans Schalück, der von Beginn an begeistert von Colani und seinen Produkten ist. Nicht ohne Grund füllen hunderte Exponate aus verschiedenen Schaffensperioden des Designers den Keller des Wiedenbrückers. Darunter ist auch ein sehr seltener GT auf der Basis eines VW Käfer, ein Colani durch und durch: extravagant und schwer vermittelbar – eben nichts für die Masse.

Irgendetwas müsse Luigi Colani ja an der Rheda-Wiedenbrück gefallen haben, sonst hätte er wohl kaum so viele Jahre dort verbracht und seine Weltkarriere aus der Doppelstadt heraus gestartet, glaubt der Leiter der Volkshochschule Reckenberg Ems, Dr. Rüdiger Krüger. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Redakteure des Spiegels hätten 1970 nicht genau danach gefragt, den Einheimischen wäre wenig Schmeichelhaftes von Colani erspart geblieben. Warum residiert der damals meistinterviewte Designer ausgerechnet in der ostwestfälischen Provinz, fragen die Journalisten ihn. Und Lutz alias Luigi antwortet, er habe sich dort niedergelassen, weil eine Großstadt mit ihren Verführungen die Zeit zum Karrieremachen stehle. Im „absolut reizfreien“ Rheda könne das nicht passieren. Und so arbeiten er und sein Team bei Alkohol und Hasch fast 14 Stunden pro Tag.

Provokateur der besonderen Art

Colani benimmt sich eigenen Angaben zufolge schon damals so unmöglich, weil er hoffe, durch Unmutsbildung Bewegung unter den schlaffen und erfolgsverwöhnten deutschen Produzenten zu schaffen. Dazu zählen AEG und Grohe, aber auch Interlübke, Poggenpohl und Cor. Manch ein Unternehmer, so erzählt heute der Wiedenbrücker Sammler Hans Schalück, hasse den Designer immer noch wie die Pest. Sie haben ihm sein unmögliches Benehmen nie verziehen. Die Bekanntheit des Provokateurs, der heute 90 Jahre alt und etwas leiser geworden ist, haben sie dennoch genutzt.

Für Cor entwickelt Luigi Colani die Sitzgruppe Orbis, für die Lübke-KG eine weiße Tischgarnitur mit Stühlen aus Kunststoff, für Kinderlübke den „Zocker“; einen Pulthocker für Steppkes, für Krane Brillen. Als der Künstler Anfang der 1970er-Jahre auf dem Wiedenbrücker Markt stürzt und sich das Steißbein bricht, wird im über Wochen Bettruhe verordnet. Colani nutzt die Zeit, sein Lehrbuch Ylem zu verfassen, das Bertelsmann verlegt.

Häufig knapp bei Kasse

„Geldknappheit und Großzügigkeit waren bei Colani an der Tagesordnung“, sagt Wilm Sasse, einer seiner ehemaligen Mitstreiter. „Wir Rheda-Wiedenbrücker Bürger sollten stolz darauf sein, dass seine Kreativität durch heimische Unternehmen von Autos auf Industrieprodukte ausgeweitet wurde.“ Das unterstreichen Hans Schalück und VHS-Chef Dr. Rüdiger Krüger unisono. Es sei bedauerlich, dass Luigi Colani an seiner alten Wirkungsstätte so wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. Die Stadt mache nichts daraus, monieren sie.

Vieles von dem, was Luigi Colani entwirft und skizziert, bleibt in der Schreibtischschublade, ist zwar schön, aber auch enorm unpraktisch. Andere Dinge werden millionenfach verkauft, wie beispielsweise seine Computermaus oder von ihm designte Kameras. Ecken, Kanten und klobige Formen sind dem Wahl-Karlsruher verhasst, er mag es rund, ist ein Meister der Kurven. Inspiration dafür liefert ihm häufig die Natur. Strukturen, die er unter dem Mikroskop betrachtet, finden sich in seinen Studien wieder.

Schöpfer des dynamischen, biologischen Designs

„Er ist der Schöpfer des dynamischen, biologischen Designs“, sagt VHS-Leiter Dr. Rüdiger Krüger, „ein Weltkünstler, der hier jahrelang gelebt und gearbeitet hat.“ In Rheda-Wiedenbrück sei Luigi Colani zum Industriedesigner gereift, ist der ehemalige Unternehmer Hans Schalück überzeugt. Es werde der Leistung „dieses Typen“ nicht gerecht, wenn man ihn mit Ignoranz strafe. Und diese Kritik bezieht er nicht nur auf Unternehmer- und Designverbände.

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