„Four Seasons“ erwartet Tierflut


Rheda-Wiedenbrück (gl) - Um der Einsamkeit zu Coronazeiten entgegenzuwirken, haben sich viele Menschen ein Haustier angeschafft – auch in Rheda-Wiedenbrück. Als Konsequenz auf die nun wieder möglichen Sommerurlaube erwartet der Pferdeschutzhof „Four Seasons“ eine Flut an ausgesetzten Tieren.

Einfach ausgesetzt: Diese Katzenkinder wurden in einem Karton mitten in der Fußgängerzone in Rheda sich selbst überlassen. Die kleinen Stubentiger, die noch auf ihre Mutter angewiesen sind, werden bei „Four Seasons“ in Lintel mit der Flasche großgezogen.

Erst vor wenigen Tagen rettete das Team um Ina Schweikardt sieben ausgesetzte Katzen im Stadtteil Rheda. Die etwa vier Wochen alten Stubentiger wurden achtlos in einem Karton an die Berliner Straße gestellt und ihrem Schicksal überlassen. Wie Schweikardt erklärt, sei dies besonders grausam, weil die kleinen noch komplett auf ihre Mutter angewiesen seien. Sie werden daher von den Mitarbeitern des Pferdeschutzhofs mit dem Fläschchen aufgezogen.

Bis zu 10.000 Euro Strafe

Die Suche nach den Besitzern läuft noch. Für deren Verhalten hat Ina Schweikardt kein Verständnis. „Das Aussetzen von Tieren ist streng verboten und wird von uns immer zur Anzeige gebracht“, betont sie. Werde ein Täter ermittelt, drohe ihm eine Geldbuße von mehr als 10.000 Euro.

Die Gründerin des Schutzhofs vermutet, dass die Kätzchen lästig wurden, sobald die Besitzer in den Urlaub wollten. Anderen Haustieren ergehe es aktuell ähnlich. „Die Menschen haben jetzt nicht mehr so viel Zeit wie im Lockdown oder wollen ihre Ferien im Ausland verbringen“, fasst Schweikardt die Situation zusammen. Deshalb platze auch die Ferienpension, die „Four Seasons“ für Haustiere anbietet, bereits aus allen Nähten.

Unüberlegte Kaufentscheidung

Wie Ina Schweikardt berichtet, habe nicht nur „Four Seasons“ zuletzt vermehrt Hunde und Katzen aufgenommen. In den Tierheimen der Region sei es ähnlich. Eine weitere Verschärfung der Lage erwartet sie für den Herbst. „Auf uns rollt eine Flut an Tieren zu“, befürchtet Schweikardt. Die Tierschützerin vermutet, dass die zuhauf unüberlegt angeschafften Jungtiere dann in ihrer Erziehung zu aufwändig werden. Die Halter seien mit der Verantwortung dann schnell überfordert. Statt eine Hundeschule oder ähnliche Einrichtungen aufzusuchen, sei die bequemste Option für viele Besitzer das Aussetzen ihrer Tiere.

So erging es auch dem Terrier-Mischling Bruno. Unter dem Vorwand, den angeblich ausgesetzten Hund bloß gefunden zu haben, gab sein Besitzer ihn beim Pferdeschutzhof ab. Die öffentliche Suche nach dem rechtmäßigen Besitzer brachte jedoch schnell Licht ins Dunkel und deckte die Lüge auf. Bis Bruno eine Pflegestelle findet, die ihm Vertrauen und die nötige Erziehung vermittelt, bleibt er auf dem Pferdeschutzhof. „Four Seasons“ wünscht sich für ihn hundeerfahrene Menschen mit genug Zeit.

„Verantwortungslos und feige“

„Tiere einfach auszusetzen ist verantwortungslos und feige“, unterstreicht Ina Schweikardt. Immerhin hätten sich die Halter bewusst dazu entschieden, sich ein Tier anzuschaffen und müssten nun die Verantwortung tragen.

Darüber hinaus gäbe es oft viel einfachere Lösungen als die, das Tier sich selbst zu überlassen. Der Pferdeschutzhof stehe Besitzern, die mit ihrem Haustier überfordert sind, mit Rat und Tat zur Seite. Da die Tierschützer auch mit vielen Hundeschulen vernetzt seien, könnten sie schnell vermitteln und helfen. „Vor allem bei Katzen sind es oft nur Kleinigkeiten, die zu plötzlichen Verhaltensänderungen führen“, fügt Schweikardt hinzu. Eine neue Pflanze in der Wohnung könne beispielsweise sensible Katzen bereits so stark stören, dass sie unsauber werden. Ein solches Problem lasse sich in wenigen Minuten lösen.

Suche nach Besitzern im Netz

Zudem blieben Personen, die ihre Haustiere auf die Straße setzten, meist nicht lange unerkannt. „Four Seasons“ suche bereits seit geraumer Zeit auch in den sozialen Medien nach Hinweisen zu den ehemaligen Tierhalten. Oft kämen die Hinweise von Nachbarn oder sogar Briefträgern, welche die Tiere erkennen. Die meisten Leute seien außerdem inzwischen weit vernetzt. Wenn plötzlich irgendwo ein Haustier weg sei, falle das schnell auf. „Freunde und Bekannte erkundigen sich dann oft nach dem Verbleib des Tiers“, weiß Ina Schweikardt. Auch unabhängig davon gäbe es viele Spuren, welche die Tierschützer verfolgen. So seien größere Hunde inzwischen immer gechippt und registriert. Daher seien in den vergangenen Jahren auch weniger Tiere zur Urlaubssaison ausgesetzt worden.

Altbekanntes Phänomen

Wie die Gründerin des Pferdeschutzhofs am Heideweg erklärt, sei dies in früheren Jahrzehnten bundesweit ein deutlich größeres Problem gewesen. „Damals waren die Tierheime voll mit abgeschobenen Vierbeinern, mittlerweile hat sich das zum Glück reguliert“, berichtet Ina Schweikardt. Nun befürchtet sie jedoch – quasi als Corona-Spätfolge – eine Rückkehr des altbekannten Phänomens. „Die momentanen Anzeichen deuten leider klar in diese Richtung“, sagt die Tierschützerin aus Lintel.

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