Frauen wollen Liebe für Bau wecken



Westkirchen (spr) - Dämmwerte von Häuserfassaden berechnen, Energieausweise ausstellen oder Photovoltaikanlagen planen – Frauen, die das beruflich tun, sind selten. Damit sich das ändert, haben sich fünf Ingenieurinnen aus Deutschland zusammengeschlossen.

Bauphysikerin Sarah Kosmann (33) aus Westkirchen ist Mitinitiatorin von „Bau liebt Frau“. Die Initiative will junge Frauen für einen Job in der Baubranche gewinnen.  

Mit ihrer Initiative „Frau liebt Bau“ wollen sie die Frauenquote in der Baubranche erhöhen. Mit dabei ist Bauphysikerin Sarah Kosmann aus Westkirchen.

Sich Machosprüche anhören, bei Fehlern belächelt werden – „Klar, das kommt vor“, sagt Kos smann. „Das steck ich weg. Denn ich weiß, ich bin kompetent, gut ausgebildet, und ich liebe meinen Job.“ Diese Liebe zum Bau hat Kosmann mit ihren vier Mitstreiterinnen über Facebook zusammengebracht: Sie alle arbeiten in der Baubranche, haben kleine Kinder und sind selbstständig. „Was uns stört ist, dass immer noch so wenige Frauen in der Baubranche vertreten sind“, sagt Kossmann. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit liegt der Frauenanteil im Baugewerbe bei 13 Prozent (Stand 2016). „Und das obwohl das Berufsfeld so vielfältig und die Beschäftigungslage gut ist, sogar ideal, um sich selbstständig zu machen“, sagt die 33-Jährige, die 2018 ihre Firma für Bauphysik und energieeffizientes Bauen in Westkirchen gegründet hat.

Live-Diskussion im Internet am Weltfrauentag

Zum Weltfrauentag am 8. März wollen die fünf Frauen nun auf der Internetplattform Youtube bei einer Live-Diskussion über ihren Werdegang und das Spektrum an Bauberufen informieren. Im Anschluss können die Zuschauer – auch anonym – Fragen stellen. „Wir wollen präsent sein, zeigen, dass es uns junge Frauen mit Kindern in der Baubranche gibt“, sagt die dreifache Mutter. „Wir wollen Vorbild für bauinteressierte Frauen sein.“ Dieses fehle in den meisten Familien. Nicht jedoch bei Kosmann als Kind eines Bauunternehmers. Zudem wollen die Fünf die Chance von Selbstständigkeit deutlich machen. „Wir haben flexible Arbeitszeiten, können die Kinderbetreuung besser regeln und unser eigener Chef sein“, nennt Kosmann die Vorteile. „Viele sehen nur das Risiko, das besteht.“

Austausch unglaublich wertvoll

Erst im Herbst haben sich die Ingenieurinnen über Facebook kennengelernt, mittlerweile zählen fast 30 Frauen zum Netzwerk. „In unserer Branche gibt es kaum Berufsnetzwerke“, sagt Kosmann. Sie habe bereits enorm profitiert: Ohne den Informationsaustausch hätte sie eine teurere Versicherung bei ihrer Firmengründung abgeschlossen und zu geringes Honorar veranschlagt, sagt sie. „Dieser Austausch ist unglaublich wertvoll“, sagt Kosmann. Das nächste Projekt nach der Online-Diskussion haben die fünf Frauen auch schon angedacht: das Thema lautet Online-Weiterbildung für Baufachleute.

Drei Fragen an...

...Tanja Leis, Leiterin der Studie „Frauen in der Bauwirtschaft“ des RKW-Kompetenzzentrums in Eschborn, Innovationszentrum der Deutschen Wirtschaft.

„Die Glocke“: Warum sind Frauen in der Baubranche immer noch eine Minderheit?

Leis: Die Baubranche hat immer noch ein Imageproblem. Sie wird von vielen als Buddelbranche dargestellt mit unflexibleren Arbeitszeiten. Zudem ist die Konkurrenz groß: Die Industrie wirbt Frauen ab. Etliche Frauen verlieren auch den Anschluss, wenn sie eine Familie gründen. Es fehlen unter anderem Betreuungsangebote für Kinder. Aber oft werden die Weichen schon in der Kindheit gestellt, sodass sich nur wenige für den Bau interessieren.

„Die Glocke“: Woran liegt das?

Leis: Bauinteressierte Mädchen werden kaum gefördert, weder von der Schule, noch vom Elternhaus oder von der Berufsberatung. Oft werden auch Ängste geschürt etwa mit Blick auf den rauen Umgangston.

„Die Glocke“: Wie kann die Baubranche von Frauen profitieren?

Leis: Angesichts des Fachkräftemangels kommt man an den hochqualifizierten Frauen in der Branche nicht mehr vorbei. Frauen bringen ihre Kommunikationsfähigkeit mit, was gut für Kundengespräche, aber auch für den Umgangston im Team ist. Sie denken oft strukturierter und sind eher Teamplayer. Derzeit haben sie auch gute Chancen, selbst Chef zu sein, da vielen Baufirmen Nachfolger fehlen. Zudem wird die Branche digitaler, sodass mehr von zu Hause erledigt werden kann – gut für Frauen.

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