„Gehen ist unterschätztes Transportmittel“



Gütersloh (rebo) - Klimafreundliche Mobilität ist ein Thema, mit dem sich die Stadt Gütersloh seit Jahren beschäftigt. Dabei steht das Radfahren häufig im Mittelpunkt. Im Rahmen der Verkehrsplanung wird immer wieder über den Ausbau der Radverkehrs-achsen durch die Stadt diskutiert. Im Rahmen des Forums Mobilität steht am Montag einmal das Zu-Fuß-Gehen im Mittelpunkt.

Daniel Sauter, Experte auf diesem Gebiet, erklärt in der „Glocke“ vorab, warum die Bedürfnisse von Fußgängern stärker berücksichtigt werden sollten.

„Die Glocke“: Herr Sauter, wie kommt man auf die Idee, über die Bedeutung von Fußgängern zu forschen? Es geht doch kaum noch jemand zu Fuß.Daniel Sauter: Das stimmt nicht. Das Laufen oder Gehen ist ein unterschätztes Verkehrsmittel. Es gibt noch viele Menschen, die entweder ihren ganzen Weg oder einen Teil davon zu Fuß gehen.

„Die Glocke“: Was heißt denn, „einen Teil des Wegs“?

Sauter: Wenn jemand zum Beispiel zur Bushaltestelle oder zum Bahnhof geht oder auch zu seinem Auto. In Großbritannien wird das Zu-Fuß-Gehen „Glue of the Transportsystem“ genannt – also Kitt, der das Transportsystem zusammenhält. Dieser Teil ist für das gesamte System sehr wichtig. Ohne die Verbindung des Gehens funktioniert das System nicht.

„Die Glocke“: Was bedeutet das für die Stadtplaner?

Sauter: Man muss eine Stadt auch für Fußgänger planen. Meistens wird ja aus der Sicht der Autofahrer geplant.

„Die Glocke“: Was ist wichtig, damit die Menschen gern zu Fuß gehen?

Sauter: Wege zu einem Ziel, das zu Fuß erreicht werden soll, müssen direkt sein. Menschen sind umwegempfindlich. Das Aufstellen von Lichtsignalanlagen muss gut geplant werden. Wenn eine Ampel Rotlicht zeigt, am Bahnhof auf der anderen Straßenseite aber gerade schon der Zug einfährt, wird die Ampel oft einfach missachtet. Aber die Wege müssen auch sicher sein. So sollte bei Planungen zum Beispiel berücksichtigt werden, dass ältere Menschen mehr Zeit benötigen, um bei einer Grünphase einer Ampel über die Straße zu laufen.

„Die Glocke“: Haben Stadtplaner diese Punkte im Kopf, wenn es um die Mobilität der Zukunft geht?

Sauter: In den vergangenen 20 Jahren ist die Sensibilität für die Bedürfnisse von Fußgängern gestiegen. Aber es bleibt noch viel zu tun. In vielen Innenstädten finden Fußgänger bereits eine gute Infrastruktur. Außerhalb der Zentren wird allerdings immer noch meistens autoorientiert geplant.

Flaneur in der eigenen Stadt

„Die Glocke“: Welche Vorteile hat das Laufen?

Sauter: Es hat zum Beispiel gesundheitlich ein hohes Potenzial. Wer zu Fuß geht, trifft zudem andere Menschen. Wenn ich im Auto sitze, treffe ich niemanden. Als Fußgänger kann man viel beobachten. Es ist einfach schön, zu Fuß zu gehen.

Daniel Sauter ist Soziologe und Mobilitätsforscher. Bereits während des Studiums hat er nach dem Grund gesucht, warum so viele Kinder auf den Straßen angefahren werden. Er untersuchte die Strukturen des Verkehrs.

Das Thema Fußgänger hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Es sei unerschöpflich, sagt der 57-Jährige, der in Zürich lebt.

Am Montag, 5. November, 18 Uhr, spricht Sauter über „Gehen, Flanieren, Verweilen – zur Bedeutung des Fußverkehrs in der Stadt“ im Vortragssaal der Stadtwerke Gütersloh

Sauter: Ich bin meistens zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Aber da steckt keine Ideologie dahinter. Ich will niemanden vom Zu-Fuß-Gehen überzeugen. Für mich ist es einfach praktisch, und das Laufen bereitet mir Freude.

„Die Glocke“: Sind Sie so etwas wie ein Flaneur aus der Literatur, der sich einfach treiben lässt, umherschlendert und dabei beobachtet?

Sauter: Nicht im klassischen Sinn. Aber ein bisschen davon steckt in uns allen wenn wir in einer fremden Stadt unterwegs sind. Dann sehen wir ganz genau hin, schauen uns die schönen Seiten der Stadt an und beobachten auch die Menschen. Das kann man übrigens auch in der Gemeinde, in der man lebt. Deshalb sind Quartierrundgänge in der Regel so gut besucht. Die Menschen wollen eine neue Sicht auf ihre Stadt bekommen und Ecken entdecken, die sie bisher noch nicht kannten.

Gehen lässt Kindern Freiraum

„Die Glocke“: Was wollen Sie mit Ihren Vorträgen erreichen?

Sauter: Meine Idee ist es, die Vielfalt des Zu-Fuß-Gehens in den Blick zu rücken. Das Zu-Fuß-Gehen ist zu selbstverständlich geworden. Die Beine sind uns eben angewachsen. Nur über die ersten Schritte eines Kindes freut man sich. Und wenn man mit einem kleinen Kind unterwegs ist, dann hat das Laufen eine andere Qualität. Dann zählt noch jeder Regenwurm.

„Die Glocke“: Wie könnte es gelingen, mehr Menschen die Freude am Gehen zu vermitteln?

 Sauter: Genügend breite Gehwege, auf denen man gern läuft, wären wünschenswert. Vielleicht noch mit Bäumen bepflanzt. Oder Grünwege, auf denen man einen Spaziergang machen kann. Wichtig ist es auch, Eltern zu sensibilisieren, wie bedeutend das Zu-Fuß-Gehen für ihre Kinder ist. Wer sein Kind immer mit dem Auto zur Schule bringt, nimmt ihm einen Freiraum. Auf dem Schulweg üben die Kinder nicht nur das Verhalten im Verkehr. Sie lernen dabei auch soziales Verhalten. Und es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder, wenn sie zu Fuß zur Schule gehen, wacher und aufmerksamer sind als andere, die mit dem Wagen gebracht wurden.

„Die Glocke“: Welche Reaktionen erhalten Sie auf ihre Anregungen?

Sauter: Das allgemeine Publikum ist oft verblüfft, was alles mit dem Fußverkehr zusammenhängt, auch ökonomisch. Der Alltag der Menschen spielt sich hauptsächlich im Nahbereich ab. Das ist vielen gar nicht bewusst

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