Happening mit Klangerzeuger Bob Rutman



Gütersloh (wh) - Sie ist kaum wiederzuerkennen, die alte Autowerkstatt Schmidt-Hentze an der Blessenstätte. Über drei Generationen hinweg sind dort Autos repariert worden. Am Freitag bildete sie mit Hebebühnen und sorgfältig sortierem Werkzeug die Kulisse für einen besonderen Gast - Bob Rutman.

Interdisziplinärer Künstler: Bob Rutman, auch mit 88 Jahren noch ein Rebell, gab am Tag der Druckkunst in der Werkstatt Holzpixel einen Eindruck seines musikalischen Könnens. Er hatte auch einige seiner Bilder mitgebracht.

Anlässlich des ersten „Tags der Druckkunst“, dem Jahrestag der Aufnahme künstlerischer Drucktechniken ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes durch die deutsche Unesco-Kommission, ist der Bildhauer, Klangerfinder, Maler, Musiker und Zeichner Bob Rutman aus Berlin angereist. Rutman wird Teil eines interdisziplinären Happenings unter dem Thema „Buchdruck bleibt sichtbar – Letterpress Interferences“, stellt auch Radierungen und Druckplatten aus. Seine berühmten „Chairpaintings“ hängen an den Wänden. Feine Linien sind darin sein Ausdrucksmittel, spielerisch in Stahl geritzt. Oder flächige Farben mit kräftigen Konturen, wie bei seinen „Tänzerinnen“.

Filmteam dokumentiert bizarre Lebensgeschichte

Auszubildende thematisieren einen Dialog aus dem Film „In weiter Ferne, so nah“ von Wim Wenders, in dem Rutman mitgewirkt hat. Ausgangspunkt ist dabei ein Dialog aus diesem Film: „Was ist wichtiger: Konturen oder Farbe?“ Sie erfahren dabei, wie intuitiv in den analogen Druckprozess eingegriffen werden kann. Am Ende nehmen sie eigene Werke, gedruckt auf den Handpressen der Werkstatt, mit nach Hause. Ein Filmteam dokumentiert Rutman und seinen künstlerischen Kosmos, will die bizarre Geschichte dieses interdisziplinären Künstlers erzählen, eines Menschen, den seine Freunde rebellisch, revolutionär und inspirierend nennen.

Vorbild für viele

„Der mit seinen 88 Lebensjahren immer noch einer der geschätzten Helden des Berliner Undergrounds und Vorbild für viele ist“, wie Dr. Silvana Kreyer in ihrer Begrüßungsrede betont. „Der Schlaganfälle erlebt und überlebt hat, der mit der Band ‚Einstürzende Neubauten‘ auf Konzerttournee war, der seine Kunst in den USA und Europa ausstellen konnte.“

Tag der Druckkunst

„Es passt zu Gütersloh, diesen Tag so vielfältig zu begehen,“ stellt Hans-Peter Rosental heraus. Der Vorsitzende des Kulturausschusses ist froh, dass Manfred Makowski mit Holzpixel einen experimentellen Ort für Buchdruck, Kunst und Kulturpflege etabliert hat. „Buchdruck war unser Jobmotor, und Bücher, Medien allgemein, prägen Gütersloh bis heute“, sagt Rosenthal. Holzpixel sei ein Lernort, der Kultur niedrigschwellig und nebenbei vermittele. Und es sei ein Gewinn, dass Bob Rutman den Weg nach Gütersloh gefunden habe.

Sphärische Klänge vom Bow-Chime

Rutmann hat ein Musikinstrument im Gepäck, dessen Erfindung ihn berühmt gemacht hat – das Bow-Chime, einen Bogenklangerzeuger. Die Vorstellung dieses Klangmonstrums erwächst in der abendlichen Performance zu einer musikalischen Installation. Begleitet vom Gitarristen Brandon Schoenwetter, streicht Rutmann mit dem Cellobogen über aus einem Stahlkessel herausragende Metallstangen, erzeugt gleichförmige, an den Gesang von Walen erinnernde, langgezogene Klangwellen. Schoenwetter, im Berliner Club „Berghain“ auch als „DJ Dirty“ bekannt, reagiert auf seiner Jazzmaster-Gitarre mit metallischer Atonalität. Die Performance wirkt zunächst sonor, verstörend, hüllt später wohlig ein, verströmt kuschelige, aber wache Gemütlichkeit. Mit seinen klaren Linien erfasst Rutman das Wesen der Dinge, schließt damit an den Kern seiner bildnerischen Arbeit an, die er in den 70er-Jahren in New York begann.

Der General

Er musste als siebenjähriges Kind aus Deutschland flüchten, um den Nazischergen zu entkommen. Über Polen, die Schweiz und England erreichte er 1950 die USA und begann dort seine Kunststudien, eröffnete schließlich eigene Galerien und „erfand“ 1968 mit dem Steel Cello sein erstes Instrument aus Stahl. Seit 1990 lebt und arbeitet er wieder in Berlin, seiner Geburtsstadt, in der die Menschen ihn „General“ nennen.

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