Heimische Vereine erklären das ABC der Schützen



Die Schützenfestsaison läuft aktuell auf Hochtouren. Doch was hat das alles auf sich, fragen sich Außenstehende. „Die Glocke“ erklärt es. 

schützenfest sassenberg 2019

Everswinkel/Sassenberg (gl) - Von A wie Antreten bis W wie Weckruf: Schützen haben ihre ganz eigenen Begrifflichkeiten. Nach zwei Jahren coronabedingter Pause starten die Schützenfeste wieder. Was es mit den Fachbegriffen rund ums Traditionsfest auf sich hat, erklären Vertreter des Sassenberger und des Everswinkler Schützenvereins im Gespräch mit Greta Haberstroh.

Grün, Weiß oder Schwarz: die Uniform

Die Sassenberger Bürgerschützen tragen grüne oder schwarze Jacke, grünen Hut und weiße Hose wie Hemd. Grün und Weiß zieren auch das Bild der Mitglieder des Bürgerschützen- und Heimatvereins St. Hubertus Everswinkel. „Grün zeigt Naturverbundenheit, und Weiß geht auf die preußische Paradeuniform zurück“, sagt Deitert. Die Uniformen seien mit der Gründung der Damengarden auf Frauen übertragen und angepasst worden, etwa Halstücher als Pendant zu grünen Krawatten. Die Frauen sind laut Deitert meistens mit weißen Hosen bekleidet. Röcke mit grünen Streifen trägt hingegen die Damengarde Everswinkel. „Dazu ein schwarzes Oberteil und ein grünes Halstuch“, beschreibt Markus Becker, Vorstandsmitglied der Everswinkler Schützen.

Wer gegen die Kleiderordnung verstoße , müsse mit einer kleinen Geldstrafe rechnen: „Blaue oder weiße Socken in schwarzen Schuhen sind gar nicht gern gesehen“, betont Deitert und lacht.

Vogelschießen: Wettbewerb um die Königswürde

Das Vogelschießen bilde den Höhepunkt, sagt Frank Deitert: „Es ist eine besondere Atmosphäre. Der ganze Schützenplatz fiebert mit, etwa wie beim Elfmeterschießen. Wenn der neue Schützenkönig feststeht, bricht ein Riesen-Jubel auf dem Platz aus.“ Das Vogelschießen ist der Wettbewerb um die Königswürde. Bekanntlich dauert es eine Weile, bis der erlösende Schuss das hölzernen Federvieh herabholt. „2019 holte Dirk Folker mit dem 793. Schuss den Rest des Vogels von der Stange“, erinnert sich Markus Becker, der mit seinem Verein in diesem Jahr das 100. Bestehen feiert. Der Schlachtruf lautet „Horrido“. Frank Deitert ist Vorstandsmitglied des Sassenberger Bürgerschützenvereins.

„Der neue Schützenkönig wird in Sassenberg montags gekürt. Dann wird auf den Hauptvogel geschossen“, sagt Deitert. Das Schießen unterliege strengen Regeln und werde von einem Schießmeister bewacht. Geschossen wird mit Kleinkalibergewehren ohne Rückschläge. Abdrücken darf laut den Vereinssatzungen (Statuten) nur, wer Mitglied ist und seine Beiträge bezahlt hat. Je nach Verein muss die Person mitunter mindestens 25 Jahre alt sein und ihren Wohnsitz im Ort haben.

Doch es wird nicht nur auf den Vogel, der in aufwendiger Handarbeit angefertigt wird, geschossen. „Es werden auch Insignien verliehen. Krone, Zepter, Apfel und Fättken“, sagt Becker. Geschossen wird auch in den Formationen wie der Ehrengarde, und der Kinderkönig wird auserkoren. Eine Besonderheit im Kreis Warendorf: Der Hampelmannkönig wird in einem gesonderten Schießwettbewerb der Ehrengarde gekürt. Es gibt jeweils einen Orden.

Weckruf und Antreten

Antreten ist ein Ritual vor dem Festzug, bei dem sich die Schützen und Musikzüge in Reih und Glied aufstellen. „Dann startet der Umzug durch das Dorf. Die gesamte Stärke des Vereins zieht zum Festplatz, bestenfalls in Gleichschritt“, schildert Deitert. Ein Brauch in Sassenberg und Everswinkel ist der Weckruf, bei dem die Formationen den noch amtierenden König und seinen Hofstaat früh morgens vor dem Antreten abholen, begleitet durch den Spielmannszug.

Zu Ehren des Königspaars gibt es im Vitus-Dorf das Salutschießen – ein Schuss aus der vereinseigenen Kanone. „Diese eröffnet auch das Vogelschießen und ertönt, wenn der neue König feststeht“, erklärt Markus Becker.

Schützenkönig

Wer den Vogel abschießt, ist der neue Regent des Schützenvereins. „Der alte König wird quasi vom Thron gestoßen und aus dem Volk geht der neue Regent hervor“, ordnet Frank Deitert die Geschichte des Vogelschießens ein. Der neue Schützenkönig ernennt seine Königin und sucht sich eine Throngesellschaft.

„Wie viele Paare auf dem Thron sind, ist von Verein zu Verein individuell“, sagt Deitert. Während es in Sassenberg bis zu zwölf Paare sind, sind es in Everswinkel sechs. Zu der Hauptaufgabe eines Schützenkönigs gehört es, den Verein nach außen würdevoll zu vertreten: „Er ist der Repräsentant und besucht mit seiner Königin benachbarte Vereine und Jubiläen“, so der Sassenberger.

Musik und Gesang

Ob bei der Party am Abend, dem Königsball oder dem Festumzug – das Schützenfest wird vom Musikzügen begleitet. Zur Parade wird der Petersburger Marsch gespielt. Jeder Verein hat ein eigenes Lied wie „Schützen, das sind lust’ge Brüder“ in Sassenberg oder „Ich schieß’ den Hirsch im wilden Forst“ in Everswinkel.

Historie, Tradition und Brauchtum

Die Hochburg der Schützenvereine sei in Nordrhein-Westfalen, vor allem im Münsterland und in Ostwestfalen, sagt Frank Deitert. Die großen Volksfeste gebe es aber auch in Niedersachsen. „Brauchtum und Tradition werden groß geschrieben.“ Ihren Ursprung haben die Vereine von früheren Manövern, die das Ziel hatten, die Landsleute sowie das Hab und Gut militärisch zu beschützen. „Einmal im Jahr gab es ein Manöver, bei dem geschossen wurde. Danach wurde getrunken, der Landesherr hat ein Bierfass spendiert“, skizziert Deitert die Historie der Dorffeste. Seit dem 16. Jahrhundert habe die militärische Bedeutung mehr und mehr abgenommen, da die Landesherren stärker auf ihre Söldnerheere gesetzt hätten.Antreten auf dem Magnusplatz in Everswinkel: Alle Formationen des Bürgerschützen- und Heimatvereins St. Hubertus müssen in Reih und Glied stehen. Im Anschluss geht es als Parade zum Schützenplatz.

Im 19. und 20. Jahrhundert lebten laut Vereinsbuch des Bürgerschützen- und Heimatvereins St. Hubertus Everswinkel viele Schützenvereine wieder auf oder gründeten sich neu. Seither rückten freiwillige, dörfliche Zusammenkünfte mit Gemeinschaft, Feierlichkeiten und Trinken in den Fokus – ursprünglich nur für Männer. Doch Tradition und Brauchtum wie das Gedenken an verstorbene und gefallene Mitglieder bei der Kranzniederlegung habe ebenfalls hohen Stellenwert. Der Sassenberger Verein, der inzwischen 2087 Mitglieder zählt, gründete sich 1839. Der Everswinkler mit 1056 Mitgliedern folgte später, 1922.

Festumzug

In Sassenberg kommen zur großen Parade am Montagmorgen 8 Musikzüge, 15 Reiter, mehr als 1000 Teilnehmer und 10 Kutschen zusammen. Ziel ist der Schützenplatz, auf dem am Abend der neue König gekrönt wird. Beim Königsball im Festzelt wird gefeiert. In Everswinkel findet der Festumzug (Polonaise) Samstag, Sonntag, Montag statt und startet am zentralen Magnusplatz.

Schützensilber

Das Schützen- oder Königssilber sei eine Ehrenkette und ein lebenslanges Zeichen für die Königswürde, erklärt Frank Deitert. Jeder König stiftet ein Königssilber, das in den Besitz des Vereins über geht. „Dieser sucht sich eine Plakette aus und lässt diese gravieren.“ Der „Silberschatz” diente ursprünglich als Kapitalanlage für Notzeiten. Die Kette trägt der König bei offiziellen Anlässen.

Fotmationen

Ein Schützenverein besteht aus Formationen (Gruppierungen), die je einen eigenen Vorstand haben. Der Vorstand des Gesamtvereins bildet die oberste Führungsebene, organisiert und koordiniert das Fest. In Everswinkel gibt es den Offizierskorps (unterstützt den Vorstand bei der Durchführung des Fests), das Erste Korps und Kanoniere (Salutschießen), Ehren- sowie Damengarde, Könige, Schwattjacken (treffen sich in der Gesamtheit nur zum Fest), Kinderbelustigung und Sportschützen.

Seit 2014 gibt es in Sassenberg eine Damenkompanie. „Zwischen 2012 und 1016 haben sich viele Damengarden gegründet“, sagt Frank Deiters. In Everswinkel ist diese bereits 1989 als „Weibliche Ehrengarde“ entstanden.

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