Joachim Zelter, ein sattelfester Autor



Gütersloh (dop) - Man hört sie förmlich auf ihren schmalen Reifen über die Straße rasen. Wie sie eng die Kurven nehmen und dann den Berg hochschnaufen. Wie sie in die Pedalen treten. Wie sie mal voranpreschen und sich dann wieder ins Feld zurückfallen lassen, aber nie das Ziel aus den Augen verlierend.

Eloquenter Talk in der Skylobby des Gütersloher Theaters: Thorsten Wagner (links) im Gespräch mit Erfolgsautor Joachim Zelter.

Radfahrer im Rennfieber. Beseelt vom unbedingten Siegerwillen, gestresst vom möglichen Versagen. Wohl und Wehe zwischen Klickpedal und Kurbel. Der Radsport als Metapher fürs Leben. Keiner hat ihm literarisch je so schön in die Speichen gegriffen, so wortgewandt gekonnt an seinen Stellschrauben gedreht und ihn so eloquent in all seiner Dramatik erfasst wie der schon mehrfach ausgezeichnete Tübinger Schriftsteller Joachim Zelter mit seinem Roman „Im Feld“. Geistreich-hintersinnig wie Oscar Wilde, luftig-leicht wie Jean Paul, und die menschlichen Schwächen sezierend wie Thomas Bernhard, offenbart Zelter in diesem Buch alles über Egomanie und Gruppendynamik, Mitläufertum und Herrschaftsdenken.

Am Mittwoch stellte der 57-Jährige den Roman und sich selbst – im sportiven Dress und mit Käppi – auf Einladung der Gütersloher Theaterfreunde in der Skylobby vor. Launig plauderte er aus dem privaten Nähkästchen, schaltete dann einen Gang höher mit Auszügen aus seinem Buch „Briefe aus Amerika“, das Vergnügliches über seine Erfahrungen als Dozent für englische und deutsche Literatur an der Yale-Universität preisgibt.

Und auch beim Talk mit dem Fördervereinsvorsitzenden Thorsten Wagner erwies sich Zelter, der ein leidenschaftlicher Radfahrer ist, als sattelfester Profi, der sich lässig über seine Obsessionen der sprachlichen, sportlichen und auch theatralischen Art ausließ. Denn von ihm stammt auch die Vorlage zum Stück „Der Prediger“, der jüngsten Gütersloher Eigenproduktion, ideenreich inszeniert von Theaterleiter Christian Schäfer und trotz Zusatzvorstellungen restlos ausverkauft.

Mit Schäfer verbindet Zelter noch aus alten Tübinger Tagen eine lange Zusammenarbeit und Freundschaft. „Christian hat dem Stück mit seiner Fantasie Flügel verliehen“, lobte der Autor den Regisseur, aber auch die exzellenten Darsteller. Wie einen Shakespeare- Helden habe er den Prediger als exzessive Person angelegt. Denn: „Eine Figur hat erst Charakter, wenn dieser eine gewisse Neigung erkennen lässt.“ Und ja, in diesem mit sich ringenden Prediger sei auch ein bisschen Zelter drin. „Aber ich bin nicht religiös. Was wir gemeinsam haben, ist das Wort.“ Da ist Joachim Zelter in seinem Element. Der nächste Roman „Imperia“ ist schon in Mache.

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