Kreative Möbel aus Euro-Paletten



Sassenberg (ae) - Wenn Wolfgang Döhring von idealen Maßen spricht, nennt er spontan die Konstellation: „800 mal 1200 mal 14,4“. Diese Millimeter-Kombination beschreibt aber keine Taillen- und Hüftweite, sondern die Größe einer Euro-Palette.

Viel Handarbeit investiert Wolfgang Döring in seine Produkte, die häufig Unikate sind.

Döhring recycelt die hölzernen Lastenträgern. Der 59-Jährige fertigt Möbel und Accessoires aus diesem Material. Die Werkstatt in Sassenberg ist an den Wänden vollgestopft mit Rohmaterial und fertigen Exponaten. In der Mitte thront das Werkzeug. ´

Druckentlastung

Meist handelt es sich um Unikate, die Döhring entwirft. „Manche Sachen gehen eben nur einmal“, stellt er fest. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn mehrere unterschiedliche Materialien miteinander kombiniert werden. Wie bei dem Halter für Toilettenpapier Typ „Druckentlastung“, bei dem außer Holz auch Sanitär- und Altmetallteile verwendet wurden. Für einen Nachbau müsste sich der Künstler eine ähnliche Luftdruck-Anzeige besorgen.

Da sind wir bei Wolfgang Döhrings Anfängen. Der Sassenberger hat unter anderem eine Ausbildung in einer kommunalen Verwaltung absolviert und ist seit 1984 mit der Abfallentsorgung beschäftigt. Als die Stadt Warendorf den Wertstoffhof gründete, war Döhring – beruflich bedingt – Mann der ersten Stunde. „Da habe ich täglich gesehen, was unter Wegwerfgesellschaft zu verstehen ist“, sagt er und bezeichnet diese Erkenntnis als Initialzündung für eine Kreativität. Mit Holz habe er in seiner Freizeit auch vorher gern gearbeitet, berichtet er. Fix habe er unterschiedliche Materialien erstanden und experimentiert.

Küchenhaube

Einer dieser handwerklichen Gehversuche schmückt noch heute die Küche der Döhrings: Halterung und Einfassung des Edelstahl-Dunstabzugs ist ein Teil einer Euro-Palette. Bilderrahmen und Weinflaschen-Regale, die der Verwaltungsmann in seiner Freizeit fertigt und sowohl auf Märkten als auch im Internet veräußert, waren einst Teile eines Transportsystems, das mit Gabelstaplern bewegt wurde.

Umweltbewusst handeln

Pfleglich achtet er darauf, dass die Paletten als Rohstoff über den entsprechenden Prägestempel verfügen. „Die dürfen nur mit Wasserdampf behandelt sein. Andere kommen mir nicht ins Haus“, konstatiert er. Das wissen auch diejenigen, die Döhring mit Paletten versorgen. Recycling und Umweltbewusstsein liegen eng beieinander. Die Euro-Palette, die laut Normierung von 78 Spezialnägeln gehalten wird, zerlegt Döhring und sortiert die Einzelteile, schleift sie (mit der Hand) ab. Unterm Strich eine intensive Vorarbeit, die die Preisgestaltung der Artikel allemal rechtfertigt. Regelmäßig ist er unterwegs und bohrt Quellen an, die ihn mit Metall- und Kupferteilen versorgen. Der Nachschub an Druckmessgeräten und Rohren, Knöpfen und Beschlägen wird schwieriger. Aber Döhring habe Verbindungen, versichert er.

Bier für ihn, Piccolo für sie

Stets ist der 59-Jährige auf Motivsuche. Dabei lässt er sich von seinem Gefühl leiten. „Ich passe in kein Konzept“, lautet seine Selbsteinschätzung. Hier ein Stück Holz, dort ein Reagenzglas, schon ist eine Blumenhalterung gedanklich aufs Gleis gesetzt. In Döhrings Internetshop wird diese später als „Reagenzia“ firmieren. Generell ist seine Kreativität nicht mit dem letzten Schliff beendet. Das Ausknobeln der Artikelbezeichnungen macht dem künstlerischen Handwerker Spaß. „Klüngelbrett“ und „Garderobe Besteck“ sowie der Visitenkartenständer „Standvermögen“ sprechen für sich. In „ÖBB“ wurden offensichtlich eine Palette aus der Alpenregion verwertet. Wer neugierig ein anderes Accessoire untersucht, wird unter einem Deckel eine Dose Bier finden oder einen Piccolo – alles eine Geschlechterfrage. In „Halt die Klappe“ ist die tägliche Post verstaut, in der „Casa Piep“ fühlt sich die Vogelwelt heimisch.

Intuitiv und kreativ

Wolfgang Döhring entwirft und fertigt auch Einrichtungsgegenstände auf Wunsch und will sich mit dieser Beschäftigung langfristig eine Perspektive für den Ruhestand schaffen. Hocker, Regalwagen und Sideboards haben seine kleine Werkstatt verlassen. Wichtig sei ihm, dass er sich nicht an Vorgaben klammern müsse, gesteht er. Er möchte seine Kreativität mit einem Nutzwert kombinieren. Wie bei der Kartoffel- und Obstkiste, die Wolfgang Döhring so dimensioniert hat, das sie als schmückendes Beiwerk den Weg in die Küche finden könnte. Eine Frage der Idealmaße.

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