„Belüftung ist ein Risikofaktor“
Steinecke
Mundschutz, Hände waschen, Abstand halten – das seien die wichtigsten Faktoren, um eine Virus-Ausbreitung zu verhindern, sagte Professor Martin Exner am Mittwoch im Kreishaus. Im Tönnies-Werk könnte aber auch die Belüftung eine entscheidende Rolle gespielt haben, so der Experte.
Steinecke

Der Hygiene-Experte von der Uni Bonn war am Samstag und Sonntag im Betrieb und untersuchte vor allem den Zerlegebereich – dem Ort, an dem die meisten der Infizierten gearbeitet hatten. Dabei habe er von Tönnies-Mitarbeitern alle Informationen bekommen, die er gebraucht habe, sagte er. In enger Abstimmung mit dem Robert-Koch-Institut und dem Landeszentrum Gesundheit untersuchte nicht nur Exner, sondern auch der Virologe Hendrik Streeck von der Uni Bonn den Ausbruch.

Luft zirkuliert im Raum

Es spielten sicherlich mehrere Faktoren eine Rolle, sagte Exner. Und die Belüftung habe sich nun als neuer Risikofaktor herausgestellt. Der Bereich, in dem das Fleisch zerlegt werde, müsse auf sechs bis zehn Grad Celsius heruntergekühlt werden. Statt die Luft auszutauschen, wurde sie wieder in den Raum gepustet. Der Erreger sitze im Mund-Nasen-Rachen-Raum, erklärte Exner, der auch zum siebenköpfigen Beraterteam von Bundeskanzlerin Angela Merkel gehört. Wenn er sich vom Rachen aus verbreite – zum Beispiel ausgehustet werde –, sinke der Erreger in einem Meter Entfernung normalerweise zu Boden.

Durch die zirkulierende Luft könne sich das Virus allerdings länger verteilen. Und die Filter, die üblicherweise in Belüftungsanlagen verbaut seien, kämen nicht gegen Viren an. Es gebe allerdings Hochleistungsfilter, die die Verbreitung des Erregers unterbinden könnten. Ob die Firma Tönnies diese nun anschafft, konnte der Experte nicht sagen. Man habe es auf jeden Fall diskutiert.

Eine weitere Möglichkeit sei es, mit UV-Licht zu arbeiten, sagte der Experte. Das töte das Virus ab. Und auch auf eine andere Vorkehrung machte der Hygiene-Experte noch einmal aufmerksam. „Der Mund-Nasen-Schutz hat sich als extrem effizient erwiesen“, sagte Exner. Er betonte auch, dass man mit den Abstandsregeln und dem Mundschutz zwei große Risiken minimieren könne.

Unterkünfte nicht untersucht

Die Unterkünfte der Tönnies-Mitarbeiter hat Exner nicht untersucht. „Ich wurde vom Kreis Gütersloh beauftragt, den Betrieb zu untersuchen“, machte er deutlich. Es sei entsprechend auch möglich, dass andere Faktoren dazu beigetragen hätten, dass sich das Virus verbreite. Die Belüftungsanlage sei nur einer davon.

Aber die Erkenntnisse seien von großer Bedeutung. Schließlich gebe es das Problem mit der zirkulierenden Luft in solchen Schlacht- und Lebensmittelbetrieben weltweit. „Das kann zu einem großen Problem werden.“

Wann und wie die Firma Tönnies den Betrieb wieder aufnehmen kann, dazu wollte der Experte keine Einschätzung abgeben. Eine Arbeitsgemeinschaft solle nun klären, wie sich das Risiko einer Verbreitung in Schlachtbetrieben reduzieren lasse.

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