„Der Baum springt nicht zur Seite“
Bild: Frielinghaus
Jeder junge Mensch, der bei einem Verkehrsunfall verunglückt, ist einer zu viel: Für das Projekt Schutzengel, das der Kreis Gütersloh in Kooperation mit der Verkehrswacht und der Kreispolizeibehörde vor zehn Jahren ins Leben gerufen hat, engagiert sich die 25-jährige Lena Ostermann.
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Sie würde sich jedoch immer dazu entscheiden, den Mund aufzumachen. Denn mit der Gewissheit, dass sie nicht eingeschritten ist und dadurch ein anderer zu Schaden kommt oder womöglich getötet wird, will sie nicht leben.

Lena Ostermann ist ein Schutzengel. Die Mitarbeiterin des Straßenverkehrsamts der Kreisverwaltung besucht regelmäßig Fahrschulen. Dort informiert sie Fahranfänger über das von Kreis, Verkehrswacht und Polizei initiierte Projekt „Schutzengel“. Sie hält die jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren dazu an, auf ihre Freunde aufzupassen – eben wie ein Schutzengel.

Vorbildfunktion der Schutzengel

Übermut und Leichtsinn haben im Straßenverkehr nichts zu suchen, sagt Ostermann. Erstens: „Der Baum springt im Ernstfall nicht zur Seite.“ Und zweitens: „Man ist in der Regel nicht allein auf der Straße unterwegs“, sagt die 25-Jährige. Außer für sein eigenes Leben sei man mit dem Umdrehen des Zündschlüssels auch verantwortlich für das Leben anderer Verkehrsteilnehmer.

Die Aufgabe der Schutzengel ist es, für Gleichaltrige als Vorbild zu fungieren. Das heißt: sie auf Fehlverhalten hinzuweisen und ihnen möglichst ohne erhobenen Zeigefinger und auf freundschaftlicher Basis andere, sicherere Möglichkeiten aufzuzeigen. Zur Verkehrssicherheit beizutragen heiße in dem Fall, keinen Alkohol oder Drogen zu konsumieren, wenn man vor hat, sich hinters Steuer zu setzen, das Handy während der Fahrt beiseitezulegen, sich anzuschnallen und nicht zu rasen.

Die 25-Jährige ist überzeugt, dass durch das beherzte Eingreifen der aktuell 22.795 Schutzengel im Kreis Gütersloh in den vergangenen Jahren so mancher Unfall mit Beteiligung eines jungen Fahrers verhindert werden konnte. Eine Online-Umfrage der Hochschule in Bochum habe ergeben, dass 70 Prozent der befragten 18- bis 24-Jährigen schon einmal eingeschritten sind.

67 Unfälle durch zu hohe Geschwindigkeit

Im Jahr 2017 sind im Kreis Gütersloh 374 Verkehrsunfälle mit Beteiligung junger Fahrer aufgezeichnet worden. Die meisten – 129 – wurden beim Abbiegen oder Wenden verursacht, 121 wegen des Missachtens der Vorfahrt, 67 Unfälle passierten wegen überhöhter Geschwindigkeit, 22 beim Überholen, 29 wegen Alkohol am Steuer und 6 wegen des Konsums von Drogen. 255 junge Menschen wurden bei den Unfällen leicht verletzt, 46 schwer und 2 wurden getötet.

Bereits seit zehn Jahren werden 16- bis 24-Jährige im Kreis Gütersloh mithilfe des „Schutzengel“-Projekts für Verkehrssicherheit sensibilisiert. Die Schutzengel bringen sich beispielsweise als engagierte (Bei-)Fahrer ein, indem sie Trunkenheit am Steuer, sinnlosem Rasen oder Fahren ohne Gurt entgegenwirken.

Die Maßnahmen des Projekts wirken sich positiv auf die Verunglücktenzahlen der Altersklasse der 18- bis 24-Jährigen aus, teilt die Kreisverwaltung mit. Von 2007 bis 2010 reduzierte sich die Zahl der verunglückten jungen Fahrer um 20 Prozent, von 2010 bis 2014 nochmals um 11 Prozent. Bis 2018 soll eine weitere Verringerung der Verunglücktenzahl um 10 Prozent gegenüber 2014 erreicht werden.

Aktionstag mit buntem Programm

Das Verkehrssicherheitsprojekt „Schutzengel“ lädt anlässlich seines zehnjährigen Bestehens zu einem Aktionstag mit vielfältigen Ständen zu Rettungsdiensten mit Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, den Maltestern und vielen anderen ein. Alle Interessenten können am Samstag, 1. September, zwischen 11 und 17 Uhr auf dem Gelände rund ums Kreishaus in Gütersloh, Herzebrocker Straße 140, vorbeischauen.

Folgende Programmpunkte wird es geben: Um 11 Uhr begrüßt Landrats Sven-Georg Adenauer die Schutzengel, ab 14 Uhr findet eine Vorführung der Rettung eingeklemmter Personen durch das Aufschneiden eines Fahrzeugs statt, ab 15 Uhr der Absturz eines Fahrzeugs aus einer Höhe von zehn Metern. Der Eintritt ist kostenlos.

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