„Derzeit“ im Kreiskunstverein Gütersloh
Bild: Pieper
Beziehen Position in der „Derzeit“-Ausstellung des Kreiskunstvereins im Gütersloher Veerhoffhaus: (v.l.) Anna Bella Eschengerd, Günter Specht, Irmela Osthaus und Frank Schmidts.
Bild: Pieper

Fünf unterschiedliche Sichtweisen auf die Kunst – und das Leben. Die Vernissage ist um 16 Uhr.

Vernissage: Sonntag, 10. Juni, 16 Uhr im Gütersloher Veerhoffhaus, Domizil des Kreiskunstvereins, Am Alten Kirchplatz.

Sonderveranstaltung: Sonntag, 1. Juli, 16 Uhr performative Lesung mit Anna Bella Eschengerd und ihrem Trio „Fellfisch“, Veerhoffhaus.

Künstlergespräch:  Sonntag. 8. Juli, 16 Uhr zur Finissage im Verhoffhaus.

Öffnungszeiten: bis Sonntag, 8. Juli, donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr sowie samstags und sonntags von 12 bis 19 Uhr. 

Überschrieben ist die Schau schlicht mit „Derzeit“. Schließlich will der Kunstverein in seinem alljährlich wiederkehrenden Ausstellungsformat die Bandbreite aktuellen Kunstschaffens im Kreis Gütersloh beleuchten. Diesmal spannt sich der Bogen von der Malerei über die Zeichnung bis zur sogenannten zeitbasierten Kunst, in die moderne Medien bis hin zum Experimentalfilm einfließen.

Einen roten Themenfaden gibt es nicht, wohl aber ein Treffen irrlichternder Geschichten und verfremdeter Realitäten.

 Da sind zunächst die Porträts auf Papier von Frank Schmidts. Deformierte, verzerrte Gesichter, die aus einem geheimnisvollen, matten Schwarz auf- oder auch abzutauchen scheinen. Es sind keine realen Abbilder. Der in Gütersloh ansässige Schmidts, der Grafik und Design in Düsseldorf studierte, zehn Jahre als Antiquitätenhändler in Hamburg lebte und nun in Halle in der Alten Lederfabrik sein Atelier hat, will die Konterfeis als Portale zu Tiefergehendem verstanden wissen. Nicht das auf den ersten Blick Sichtbare, sondern das, was die Bilder den Betrachter spüren lassen, sei entscheidend.

Mit der Malerei von Irmela Osthaus hat man es eichter. Als „begeisterte Schrottplatzbesucherin“ ist sie als Künstlerin seit langem dem „Reiz des sichtbaren Zerfalls“ erlegen. Wie sich Stahl oder Holz bar jeglicher Nutzung verwandeln, wie sich deren Oberflächen verändern, das überträgt Osthaus mit sinnlichem Farb- und Lichtspiel auf die Leinwand. Von Haus aus Architektin hat sie einen sicheren Blick für Linien und Proportionen. Ihre ausschnitthaften An- und Aufsichten auf Vorhandenes suggerieren eine ganz eigene Wirklichkeit – was für sie der Inbegriff von Kunst ist. „Ich male nicht, um zu werten oder um Sozialkritik zu üben“, betont Osthaus.

Die Realität als multimediales, musik- und geräuschunterlegtes Puzzles präsentiert der in Borgholzhausen und Berlin wohnende Filmemacher Volker Idelberger alias Void, der früher für den Bayrischen Rundfunk Dokumentationen drehte. Im Kunstverein zeigt er „Pictures in Time“: 2000 zum Film zusammengeschnittene Bilder. Ein teils tristes, teils ästhetisches, teils ironisches, teils absurdes Kompendium an Banalem, Liegengebliebenem, Vergessenem oder Zerbröselndem, das sich trotzig – auf dem Land wie in der Stadt – eine abstrakte Schönheit bewahrt. Jedes Bild ist einzeln zu haben.

Dem Pendelmechanismus der Seele folgen

„Ich mag Papier, das alt ist, das schon etwas erlebt hat“, verrät die in Schloß Holte-Stukenbrock wohnende Anna Bella Eschengerd. Man kennt sie in der Region durch ihre performativen Lesungen („Fellfisch“). Die Leiterin der Schreibwerkstatt in dem zu den Bodelschwinghschen Anstalten gehörenden Künstlerhaus Lydda, empfiehlt sich in der Ausstellung erstmals - und nachdrücklich - als Zeichnerin. Den „Bleistift als Seismograph“ nutzend lässt sie sich von den Eigenarten des Papiers führen. Knicke beantwortet sie mit Schraffuren. Aus Linien lässt sie Formen und Figuren wachsen, die nach Partnern und einer stimmigen Umgebung verlangen. Eschengerd zeichnet bis sich ein üppiger, imaginativer Kosmos ergibt. „Sehr empfindliche Resonanzlinien“ nennt sie ihre Arbeiten. Denn Kunst bedeutet für sie, sich „auf den Pendelmechanismus der Seele einzulassen.“

Dagegen stapelt Günter Specht, Grandseigneur unter de Gütersloher Grafikern, selbst ernannter Doktor der Ironie, wortgewandter Dichter und verschmitzter Denker, Verfasser des Internet-Tagebuchs „Spechtart“ geradezu tief, wenn er sich „nur“ als Erzähler ausgibt. Er zeigt druckgrafische Arbeiten, Bilder, in denen er mit Bleistift oder Feder den Menschen und der Welt einen Spiegel vorhält. Mal giftig-kritisch, mal poetisch, wie sich das für einen Till Eulenspiegel ostwestfälischer Provenienz gehört. Und so hat man seinen Spaß an den – mit Schrauben befestigten – „gefestigten Persönlichkeiten“. Man ist erschrocken übers „Kinderspiel“, bei dem die lieben Kleinen mit Mordwerkzeugen durchs Zimmer rasen, schmunzelt über die seltene „Pfeifengiraffe“ samt noch seltenerem „Pfeifengiraffenstimmer“  und staunt über den „Stapellauf des letzten Buchstaben“: Z - wie auberhaft.

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