Fachwerkhaus von 1417 wird restauriert
Obwohl das Haus an der Langen Straße 27 während der bauhistorischen Untersuchungen für so manche Überraschung gut war, haben Regina und Bernhard Kaiser aus Oelde ihre Kaufentscheidung keinen Moment lang bereut.

Bislang waren die Forscher davon ausgegangen, dass das Fachwerkhaus Anfang des 17. Jahrhunderts errichtet worden ist. Doch die Inschriften an Giebel und Torbogen, die die Jahreszahlen 1602 und 1616 zeigen, sind irreführend, wie der Warendorfer Bauforscher Laurenz Sandmann am Freitag erläuterte. Er hatte das Gebäude vor der anstehenden Restaurierung im Auftrag der Stadtverwaltung untersucht und dabei Sensationelles zutage gefördert: Teile des Fachwerkhauses sind beinahe 200 Jahre älter als bislang angenommen.

Im hinteren Abschnitt des Gebäudes entdeckte Sandmann Hinweise auf ein mittelalterliches Hausgerüst. Laboranalysen ergaben, dass diese Balken und Pfeiler aus dem Jahr 1417 stammen.

In den folgenden Jahrhunderten wurden zahlreiche Veränderungen an dem Gebäude vorgenommen. Besonders einschneidend müssen nach Meinung von Peter Barthold, Bauforscher bei der Denkmalpflegeabteilung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), die Jahre 1602 bis 1616 gewesen sein. Damals sei das Haus verkleinert und um das heutige Dielentor ergänzt worden. „Das würde den ungewöhnlichen Grundriss von 23 Metern Länge bei einer Breite von lediglich sechs Metern erklären.“

Dass das Wiedenbrücker Fachwerkhaus das zweitälteste Westfalens ist, wertet LWL-Referatsleiter Dr. Michael Huyer als „sensationellen Befund“. Nur bei einem Haus in Höxter gebe es noch ältere Spuren. Bemerkenswert sei auch, dass der mittelalterliche Hausabschnitt aus so genannten Bohlenstuben bestand. Das sind beheizbare kleine Räume, die bislang nur in der Alpenregion und in Süddeutschland nachgewiesen werden konnten. „Nach der Entdeckung in Wiedenbrück muss die Baugrenze für Bohlenstuben deutlich nach Norden verschoben werden“, sagte Dr. Huyer.

Welchem Zweck das Wiedenbrücker Bohlenstuben-Haus einstmals gedient haben könnte, ist für die Forscher vom LWL zurzeit noch rätselhaft. „Möglicherweise könnte es eine Art Herberge für Pilger gewesen sein“, vermutet Barthold. „Darauf würden die vielen kleinen Zimmer sowie die vergleichsweise große Küche und Diele hindeuten.“ Weitere Untersuchungen von Archäologen und Restaurateuren des Landschaftsverbands sollen Klarheit bringen. Bis zum kommenden Jahr will ein privater Investor das Haus umfassend instandsetzen lassen.

Eigentümer aus Oelde restaurieren das Fachwerkhaus

Bernhard und Regina Kaiser aus Oelde sind die neuen Eigentümer des Fachwerkhauses Lange Straße 27. Sie haben die Immobilie vor einigen Monaten erworben und wollen sie umfassend restaurieren. Für die Durchführung des Bauvorhabens haben sie die Wiedenbrücker Architektin Michaela Köller beauftragt. Auch die Denkmalbehörde der Stadt Rheda-Wiedenbrück ist mit im Boot. Im vorderen Bereich des Gebäudes soll ein 105 Quadratmeter großes Ladenlokal entstehen. Daran schließt sich eine 60 Quadratmeter große Wohnung an. Das Obergeschoss bleibt ebenfalls Wohnzwecken vorbehalten. Eine Studiowohnung mit Balkon und Blick auf den Flora-Westfalica-Park und einer Nutzfläche von 70 Quadratmetern ist hier geplant. Selbst einziehen wollen die Kaisers in ihr Wiedenbrücker Fachwerkhaus fürs Erste allerdings nicht. „Wir fühlen uns in Oelde sehr wohl“, sagt Bernhard Kaiser, der selbst in einem 300 Jahre alten Haus groß geworden ist.

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