Gefangen zwischen Traum und Realität
Bild: Kreyer
Heikko Deutschmann las auf Schloss Rheda im Rahmen des Literatur-und Musikfestivals „Wege durch das Land“ Gerhard Kellers „Der grüne Heinrich“.
Bild: Kreyer

 Wer nach einer geführten Stippvisite im Landschaftszimmer des Schlosses zu Konzert und Lesung in die Orangerie zurückkehrte, hatte das idyllische Panorama und die Genreszenen aus der Schweiz noch gut vor Augen. Eine ideale geistige Kulisse für die Wanderung Heinrich Lees zu seinem Oheim, die Gottfried Keller in seinem autobiografisch gefärbten Roman „Der Grüne Heinrich“ beschreibt. Ein Zusammenspiel, wie es sich die Festivalleiterin Dr. Brigitte Labs-Ehlert für ihr fein abgestimmtes Programm gewünscht hat.

Dazu gehörte auch, Heikko Deutschmann die Rolle des jungen Heinrich anzuvertrauen, mit der er geradezu verschmolz. Ausdrucksvoll, untermalt von feiner Gestik und Mimik, ließ er den wohl bedeutendsten Bildungsroman des 19. Jahrhunderts und den Desillusionierungsprozess eines jungen Menschen lebendig werden. In nur wenigen Passagen offenbart das Buch in detaillierten Beschreibungen das Fühlen und Denken eines Suchenden, der zwischen Fantasie und Wirklichkeit nicht zu unterscheiden vermag. Im „Grünen Heinrich“ scheitert der Künstler an der Realität. Endete Deutschmann auch mit: „Es ging mir ein Stern auf: Ja, ich möchte ein Maler werden“ – die Berufung zum Künstler erweist sich letztlich als Selbsttäuschung.

Gleich schimmernden Funken schlossen sich vier Lieder des Schweizer Komponisten Othmar Schoeck nach Keller-Gedichten an. In Deutschland war es Dietrich Fischer-Dieskau, der als erster bedeutender Solist, die Qualität und stilistische Eigenart der Lieder Schoecks erkannte. In Rheda interpretierte sie dessen Schüler, der junge Bariton Benjamin Appl, auf mitreißende Art. Asketisch und transparent hat der Komponist Kellers Gedichte unterlegt. Eine Herausforderung, die viel Raum zum Hineinhören lässt. Auf geniale, weil subtile Weise, dabei immer fantastisch textverständlich, trug Appls warmer Bariton dazu bei. Für weiteres Schwelgen sorgte die klangsinnige Klavierbegleitung des renommierten und viel gefragten Pianisten Eric Schneider.

 Beeindruckend ist die Liste der Orte, an denen Appl einschließlich der New Yorker Carnegie Hall schon aufgetreten ist. Unter dem Thema „Schöne Welt, wo bist du“ hob er in Rheda vor allem Ernst Kreneks verschmitztes „Motiv“ und „Unser Wein“ hervor.

 Beeindruckend, wie flexibel sich Appl durch die Jahrhunderte sang, Schumanns romantisches Liedgut seelenvoll und voller Emotion zum Leuchten brachte. So leicht sein Bariton auch anmutete, erfreute er mit frischem und natürlichem Timbre. Selten erlebte man eine so vorzügliche Übereinstimmung und Ausgewogenheit, wie die zwischen Appl und Schneider, die mit Schuberts „Wanderer“ einen krönenden und schwungvollen Abschluss zelebrierten.

Worte wie sanfte Hammerschläge

Zwischen den weit geöffneten Fenstern der Orangerie bescherte der schwedische Schriftsteller, Regisseur und Dramaturg Magnus Florin einen weiteren Höhepunkt. In seinem ersten Roman „Trädgarden“ (Der Garten, 1995), der 2013 in deutscher Übersetzung erschien, spürt er dem schwedischen Naturforscher Carl von Linné nach. „Keine dokumentarische Novelle“, sei es vielmehr eine Fiktion zwischen der literarischen Person und Linné, erklärte Florin. In kurzen Texten zeichnet er den Fanatiker des Vermessens und Katalogisierens der botanischen Welt nach. Er zeigt den kleinen, lebhaften Linnaeus als Forscher, der an der Erkenntnis verzweifelt, dass die Schöpfung keineswegs stabil ist.

 Mit wachen Augen beobachtete Florin das Publikum, während der Schauspieler und versierte Vorleser Bernt Hahn die eindringlichen Zeilen über den lebhaften Linnaeus und dessen bedächtigen Gärtner Arctaedius las. Wie sanfte Hammerschläge klangen die blumigen Worte – nicht nur die Beschreibungen von Wiesenkerbel und Salzhasenohr, über die sich so mancher heimliche Botaniker sich gefreut haben mag.

Florin, der nicht nur viele Werke von Linné gelesen hat, sondern auch von seiner Großmutter, einer Botanikerin, in die Welt der Pflanzen eingeführt worden war, philosophiert genussvoll zwischen den gelesenen Zeilen über den „Garten als Wildnis“. Auf nur 80 Seiten hat er ein nuancenreiches, fantasievolles Bild eines Forschers entworfen, das zwischen ordentlichem Wissenschaftler und missverstandenen Genies lag. Selbst die Tragik, dass Linné nach zwei Schlaganfällen, nur noch die Laute „Tu Ti“ hervorbrachte, verschwieg er nicht.

Viel Beifall gab es am Ende von einem überaus aufmerksamen Publikum - bevor es eilends die schwül-heiße Orangerie verließ.                                                                                       Dr. Silvana Kreyer

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