Gemeinsam bis zum letzten Atemzug
Giesela Hörster mit ihrem demenzkranken Mann Wolfgang: Um das gemeinsame Leben in den eigenen vier Wänden fortsetzen zu können, haben sich die Eheleute Hilfe ins Haus geholt.

Als der Verlust der Denkfähigkeit und zunehmende Verwirrtheit bei Wolfgang Hörster offensichtlich wurden, waren Scham und der Versuch, die Erkrankung zu verheimlichen, die ersten Reaktionen in der Familie. Das hat sich grundlegend gewandelt.

Schon lange geht Giesela Hörster unbefangen mit der Demenz ihres Mannes um. Aus zwei Gründen, wie sie sagt: „An der Krankheit ist eh nichts zu machen. Und die Leute merken es sowieso. Ich hatte das Gefühl: Jeder tuschelt hinter meinem Rücken.“

Als sie sich das klar gemacht hatte, ging sie „in die Offensive“, wie sie es nennt. Nichts wurde mehr verheimlicht, vielmehr offen über die Alzheimer-Erkrankung gesprochen. Auch von Wolfgang Hörster selbst, so lange er das noch konnte.

Später, als der Zuwendungsbedarf wuchs, nahm Giesela Hörster ihren Mann einfach mit zu ihren Treffen, Besprechungen und Veranstaltungen. Das ist heute angesichts des Krankheitsverlaufs nicht mehr möglich.

Giesela Hörster hat sich inzwischen Hilfe ins Haus geholt, um das zu verwirklichen, was sie sich felsenfest vorgenommen hat: „Mein Mann bleibt bis zum letzten Atemzug bei mir. Vorausgesetzt, ich bleibe gesund.“ Gleichzeitig weiß sie auch: „Ich kann nicht nur zu Hause sitzen.“

Für ihren Tatendrang ist die Senderin seit Jahrzehnten in der Stadt bekannt, sei es als Kommunalpolitikerin, Wirtin, Köchin, Stadtführerin oder Aktive in einer Selbsthilfegruppe. Künftig sitzt sie im ersten Schloß Holte-Stukenbrocker Seniorenbeirat, in den sie kürzlich mit dem besten Stimmenergebnis aller Kandidaten gewählt wurde.

Die 71-Jährige hat sich so organisiert, dass sie beides unter einen Hut bekommt, die eigene Aktivität und die Sorge für ihren Mann. Morgens und abends kommt der Pflegedienst. Eine 400-Euro-Kraft hilft im Haushalt. Bei der Caritas kann Giesela Hörster einen Betreuer buchen, der ihrem Mann Gesellschaft leistet. Und einige Zusammenkünfte – etwa die Versammlungen der Stadtführer – hat sie aus einer Gaststätte in die eigenen vier Wände umgeleitet, damit sie bei ihrem Mann sein kann.

Seit Alzheimer bei ihrem Mann ausgebrochen ist, hat Giesela Hörster jede Menge Erfahrungen gesammelt: im Umgang mit der Krankheit und dem Erkrankten, mit der Art und Weise, wie die Öffentlichkeit reagiert, mit Ärzten, Krankenkassen, Pflegediensten, Tagespflege- und Betreuungseinrichtungen. Dennoch war sie froh, als Kerstin Raeder vom Kreisfamilienzentrum im vergangenen Jahr erstmals das Seminar „Hilfe beim Helfen“ für pflegende Angehörige von Demenzkranken anbot.

Giesela Hörster nahm teil und sorgte mit dafür, dass nach Abschluss des Kurses aus der Schulungs- eine Selbsthilfegruppe wurde, die einmal im Monat zusammenkommt. „Es geht um Erfahrungsaustausch, um gemeinsames Lachen und Weinen“, beschreibt Giesela Hörster das Ziel.

Die pflegenden Angehörigen, daheim oft Einzelkämpfer, sollen merken, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten nicht allein dastehen. Oft tue es einfach gut, wenn man sich etwas „von der Seele reden“ könne, weiß Giesela Hörster. „Das ist ein befreiendes Gefühl.“ Die Gruppe hat rund ein Dutzend Mitglieder. Ausflüge zur Information über Pflegeeinrichtungen und Vorträge gehören zum Programm.

Auch außerhalb der Selbsthilfegruppe gibt Giesela Hörster gern ihren reichen Erfahrungsschatz gern weiter. Denn sie weiß: Wenn eine Familie mit einem Pflegefall konfrontiert wird, ergeben sich von jetzt auf gleich zahllose Fragen.

„Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten. Nur freiwillig wird einem keiner etwas erzählen“, berichtet Giesela Hörster von ihren Kontakten mit Krankenkassen und anderen Akteuren, die ihre Finger im Spiel haben. Manchmal scheiterten die Menschen schon an den Formularen. Auch sie habe im Verlauf der Jahre erst lernen müssen, welche Ansprüche man bei welchen Stellen geltend machen könne und welche Finanzierungstöpfe es gebe, sagt Giesela Hörster.

Als gute Entwicklung in den fast 15 Jahren, die sie nun mit der Krankheit ihres Mannes lebt, verbucht sie, dass die Gesellschaft heute offener, auch lockerer mit Demenzkranken umgehe. Wie wichtig das ist, unterstreicht die Prognose: Nach Angaben des Senioren-Ministeriums in Berlin wird sich die Zahl der Demenzkranken in Deutschland von derzeit 1,2 Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 verdoppeln.

Im Kreisfamilienzentrum an der Rathausstraße beginnt Mitte September zum zweiten Mal eine Schulung für pflegende Angehörige von Demenzkranken. Die Leitung hat erneut Kerstin Raeder. Anmeldungen sind im Familienzentrum unter Telefon 05207/9291450 oder bei der Volkshochschule unter Telefon 05207/91740 möglich.

Behandelt werden unter anderem rechtliche und finanzielle Fragen, der Umgang mit dem Erkrankten sowie Pflegeversicherung und Entlastungsangebote. Falls sich auch die Teilnehmer dieses Kurses nach Abschluss der Schulung weiter treffen wollen, ist Giesela Hörster bereit, die Leitung der Gruppe zu übernehmen.

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