Gütersloh: Familie droht Abschiebung
Bild: Scheffler
Optimismus trotz Abschiebungsbescheid: Familie Kurtesi mit (vorn v. l.) David, Vater Elvis mit Denis, Mutter Asiba mit Denisa, Damir, Nejat mit Leon sowie die besorgten ehrenamtlichen Betreuerinnen (hinten v. l.) Anja Witte-Hetterscheidt und Michaela Nensdiek-Krause hoffen noch auf eine Wende zum Positiven.
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Denn Denis und seine vielköpfige Familie aus Serbien, untergebracht in Gütersloh-Friedrichsdorf, müssen ab dem 24. Februar mit der Abschiebung rechnen. So hat es das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entschieden, und so muss es die Stadt Gütersloh umsetzen. „Ab dem 24. Februar haben Sie jederzeit mit der Abschiebung zu rechnen“, heißt es im Schreiben an den Rechtsanwalt der Roma-Familie.

Bereits 2013 wurde die Familie abgeschoben

Den ganzen Druck einer solchen Entscheidung haben Vater Elvis Kurtesi (37), seine Frau Asiba (35) und ihre sechs Kinder im Alter von 2 bis 13 Jahren schon einmal durchgemacht. Bereits im Jahr 2013 war die Familie nach einem Jahr Aufenthalt aus Gütersloh abgeschoben worden – zurück in ihr Herkunftsland Serbien. Dort hätten sie in Sopot, einem Vorstadtbezirk der Hauptstadt Belgrad, in einer Holzhütte mit einem Stromkabel vom Nachbarn und elendigen sanitären Einrichtungen gewohnt.

Der Grund, wieder zurück nach Deutschland ins ihnen bekannte Gütersloh zu kommen, sei 2015 aber ein anderer gewesen. Weil er sich geweigert habe, sich bei der Bürgermeisterwahl für einen bestimmten Kandidaten kaufen zu lassen, habe es Morddrohungen gegen ihn und sogar seine Kinder gegeben, erzählt Elvis Kurtesi. Mit dem dramatischen Höhepunkt, dass ein Brandanschlag auf die Wohnstätte erfolgt sei.

Seit der zweiten Einreise wurde die Abschiebung zunächst ausgesetzt, und die Familie befand sich im Status „geduldet“. Nach der Unterbringung an der Düppelstraße, anschließend in einem Haus der Parsevalsiedlung am Flughafen wurde die Familie im Januar 2020 in eine Drei-Zimmer-Wohnung in Friedrichsdorf umquartiert.

„Ich habe viele Freunde“

Seitdem tun die Eltern mithilfe der ehrenamtlichen Betreuerinnen Michaela Hensdiek-Krause und deren Schwester Anja Witte-Hetterscheidt viel dafür, dass ihre Kinder Nejat (13), David (11), Damir (9), Denis (8), Denisa (3) und Leon (2) lernen und integriert sind. „Ich habe viele Freunde“, sagt Nejat, der wie sein Bruder Damir Fußball beim TuS Friedrichsdorf spielt. Mutter Asiba geht es aufgrund der angespannten Situation und wegen der Sorgen um die Kinder weniger gut. Seit einem Jahr ist sie wegen Depressionen in ärztlicher Behandlung.

„Warum gibt uns hier keiner eine wirkliche Chance?“, fragt Asiba Kurtesi, nachdem der Abschiebungsbescheid der Stadt Gütersloh eingetroffen ist. Dabei war Hoffnung aufgekeimt, dass alles noch gut werden und ein Leben in Gütersloh möglich sein könnte. „Wir hatten seit zwei Jahren nichts gehört“, sagt Elvis Kurtesi. „Und jetzt das.“

Die Hoffnung gründete sich auf einen Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis nach 25 a. Der besagt, dass Minderjährige unter 17 Jahren, die mindestens vier Jahre ununterbrochen in Deutschland geduldet waren und dort vier Jahre lang erfolgreich eine Schule besucht haben, das Recht erlangen, die Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Dieser Antrag sei für Nejat gestellt worden, sagt Betreuerin Michaela Hensdiek-Krause. „Und wenn er die Erlaubnis hat, gilt das auch für die Eltern und Geschwister.“

Denis konnte mit drei Jahren nur Laute von sich geben

Tatsächlich liegt ein Schreiben der Stadt vom 26. Juni 2018 vor, in dem diese Aufenthaltserlaubnis nach Paragraf 25 a in Aussicht gestellt wird. Weiter heißt es: „Dafür ist erforderlich, dass Ihre Kinder einen gültigen Nationalpass besitzen.“ Damals sei man dreimal nach Düsseldorf gefahren, um im Konsulat neue Pässe anfertigen zu lassen, so Elvis Kurtesi. Und die seien im Fachbereich der Stadt Gütersloh abgegeben worden.

Zuletzt kämpften noch zwei Anwälte gegen die Abschiebung der achtköpfigen serbischen Familie. Während ein Rechtsanwalt aus Gütersloh den Werdegang des zwölfjährigen Nejat zu nutzen versucht, konzentriert sich der auf Roma-Familien spezialisierte Kollege aus Hannover auf die Situation des achtjährigen Denis. Als er nach Deutschland gekommen sei, habe er im Alter von drei Jahren nur Laute von sich geben können, sagen die Eltern. Dank der guten Förderung in der Michaelisschule könne Denis nun schon „ja“, „Papa“ und „Mama“ sagen. Auch habe er gelernt, auf die Toilette zu gehen und nicht mehr in Windelhöschen zu machen. Ein Facharzt aus Gütersloh habe inzwischen ein Attest über ein hirnorganisches Psychosyndrom ausgestellt, das vom Anwalt beim Bundesamt eingereicht worden sei. „Nur hier und nicht in Serbien kann Denis die Betreuung bekommen, die er benötigt“, wird bekräftigt.

Michaela Hensdiek-Krause und Anja Witte-Hetterscheidt sind sich sicher, dass die Familie in Serbien keine Chance hat. Und sie befürchten, dass die Uhr unbarmherzig tickt – auch wenn noch Anträge laufen. Die bange Frage: „Guckt da noch jemand rein, oder ist die Familie Kurtesi schon auf dem Kalender?“

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