Gysi: „Ich bin ein schlechter Neinsager“
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 Dr. Gregor Gysi referiert am Mittwoch, 2. März, ab 18 Uhr in der Gütersloher Martin-Luther-Kirche über das Thema “Gerechtigkeit und Frieden in der Einen Welt“. Der Eintritt ist frei.
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 „Die Glocke“ sprach vorab mit dem 68-Jährigen, der landauf, landab viel unterwegs ist.

„Die Glocke“: Herr Dr. Gysi, wann waren Sie zuletzt in einer Kirche?

Gysi: Ich habe gestern versucht, mir eine Kirche in Meiningen anzuschauen. Aber sie war geschlossen. Ich mag Kirchen – aus architektonischen wie aus kunstgeschichtlichen Aspekten.

„Die Glocke“:  In der DDR war Ihr Vater Kulturminister und Staatssekretär für Kirchenfragen. Inwieweit hat das Ihr Leben beeinflusst?

Gysi: Meine Eltern haben mich immer zur Toleranz Andersdenkenden gegenüber erzogen. Sie waren nicht gläubig und ich bin es auch nicht. Aber ich habe Respekt vor jeder Religion und den Menschen, die daran glauben.

„Die Glocke“:  In Gütersloh werden Sie über das Thema „Gerechtigkeit und Frieden in der Einen Welt“ sprechen. Kann es das überhaupt geben?

Gysi: Nein, das ist eher eine Illusion, eine schöne Utopie. Es gelingt nicht, einen wirklichen Interessensausgleich zwischen Arm und Reich, Macht und Ohnmacht zu schaffen. Die Ursachen dafür sind unterschiedliche Interessen und die Meinung einer Seite, die eigenen Interessen erfolgreich militärisch durchsetzen zu können. Das war schon früher so und das ist nach Beendigung des Kalten Krieges nicht anders.

„Die Glocke“:  Das bedeutet?

Gysi: Damals waren die Machtverhältnisse klarer. Die Russen sind in die Tschechoslowakei und in Afghanistan einmarschiert, um dort ihre Interessen zu verteidigen, die Amerikaner haben Krieg in Vietnam geführt. Heute gibt es zig freischwebende Kräfte, die ihr eigenes politisches und wirtschaftliches Süppchen kochen. In Zeiten des Kalten Krieges wäre ein Bin Laden von der notwendigen Struktur des Überlebens an einen der beiden großen Geheimdienste, also an die USA oder die Russen, gebunden gewesen. Heute gibt es etliche Typen wie ihn, die eigene Ziele verfolgen. Das macht die weltpolitische Lage nicht nur unübersichtlich, sondern sehr gefährlich. Auch in Syrien.

„Die Glocke“:  Sehen Sie eine Lösung?

Gysi:  Wir müssen zurück zum Primat einer funktionierenden Weltpolitik. USA, Russland und China müssen sich einigen, um weitere fatale Brüche des Völkerrechts zu verhindern. Aber dafür müssten viele Politiker über ihren Schatten springen.

„Die Glocke“:  Und solch ein Primat hilft auch gegen Armut?

Gysi:  Hoffentlich, Denn eines ist klar: Was wir maßlos unterschätzt haben, ist die Digitalisierung des Lebens. Viele arme Länder, die keinen blassen Schimmer von Europa hatten, wissen jetzt, wie wir leben.

„Die Glocke“:  25 Jahre waren Sie die Spitze der Linken. Wie fühlen Sie sich nach Abgabe des Fraktionsvorsitzes? 

Gysi (lacht): Sehr gut. Aber ich bin ein sehr schlechter Neinsager. Deswegen habe ich jetzt mehr Einladungen und Termine als vorher. Mein nächstes komplett freies Wochenende ist erst im Juli.

 „Die Glocke“: Bei keinem anderen Bundestagsabgeordneten spiegelt sich deutsch-deutsche Geschichte mit allen Brüchen und Vorwürfen derart wider wie in Ihrer Person. Was waren für Sie die schwierigsten Momente?

Gysi:  Dass mir anfangs im Bundestag so viel Hass entgegengeschlagen ist, das war schon schwer. Aber ich habe nicht zurückgehasst. Und das Schönste war, als mir Schäuble damals noch als Innenminister gesagt hat, dass er sehr genau wisse, dass es Modrow und mir zu verdanken sei, dass beim Untergang der DDR kein Schuss gefallen ist. Zitieren durfte ich ihn damit aber erst Jahre später.

„Die Glocke“:  Mit Ihrem Buch „Ausstieg links“ ziehen Sie die Bilanz Ihres politischen Lebens. Wie lautet Ihre persönliche?

Gysi: Hätte ich gewusst, was als Parteivorsitzender alles auf mich zukommt, hätte ich ,Nein‘ dazugesagt. Andererseits hat mich die Aufgabe ungeheuer bereichert und mich als Person vorangebracht. Und sie hat mir Begegnungen mit besonderen Menschen wie Nelson Mandela geschenkt, die ich sonst nie gehabt hätte.

 „Die Glocke“: Sie haben drei Herzinfarkte und eine Hirnoperation überstanden. Wie denkt man da über den „Rest des Lebens“?

Gysi:  Ich habe das Rauchen aufgegeben und versuche im Bewusstsein um die Endlichkeit des Lebens den Alltag zu genießen und ihn nicht mit jedem Sch....termin zu verstopfen.

 „Die Glocke“:  Was ärgert Sie?  

Gysi:  Der Rechtsruck in Europa und in der Bundesrepublik. Und dass die demokratischen Kräfte – Politik, Kirchen, Gewerkschaften, Kultur, Wissenschaft, Medien und auch die Wirtschaft – trotz bestimmter Aufrufe noch nicht genügend in der Lage sind, sich zu bündeln und zumindest ein Minimalprogramm dagegen aufzubauen.

„Die Glocke“: Was amüsiert Sie?

 Gysi:  Das habe ich noch keinem verraten: Aber ich habe mich in eigener Sache verzählt (lacht). Seit 2003 gebe ich Meetings im Deutschen Theater Berlin und lade dazu Prominente ein. Im Januar war Campino von den „Toten Hosen“ mein Gast. Im Februar, bei der 100. Matinee, war ich selbst der Gast und ließ mich interviewen. Und erst jetzt kam heraus, dass wir uns vertan haben. Das Jubiläumsmeeting war das mit Campino.

„Die Glocke“: Was bedauern Sie?

Gysi: Dass ich zu wenig Zeit für Freunde und Familie hatte. Da zahlt man irgendwann einen hohen Preis dafür, dass man in der ersten Reihe stand.

 „Die Glocke“: Was macht Gregor Gysi, wenn er nicht an Reden feilt?

 Gysi:  Ich gehe in die Oper und ins Konzert. Ich höre klassische CDs oder auch mal Lana del Rey, je nach Stimmung. Und ich gehe gern wandern, vorausgesetzt ich habe die richtige Ausrüstung und dicke Socken an.

Was Dr. Gregor Gysi am Leben in der DDR gefiel und warum er 1988 nicht im Traum daran dachte, im Westen zu leben sowie Hintergründe zu seiner Person Sie in der Gütersloher „Glocke“ vom 1. März.

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