Heimat ist so aktuell wie selten zuvor
Bild: Mense
Auf hohem Niveau diskutierten Dr. Rolf Westheider (links), der Vorsitzende des Kreisheimatvereins, und Referent Gisbert Strotdrees über den aktuellen Heimatbegriff.
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Strotdrees, Redakteur beim „Landwirtschaftlichen Wochenblatt“, beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit den kulturellen Traditionen in Westfalen. Der gebürtige Harsewinkeler hatte zwei aktuelle Zeitschriften als Beweis dafür mitgebracht, dass „Heimat“ derzeit wieder besonders aktuell sei. Dafür spricht auch der sensationelle Erfolg von „Landlust“, dem im Landwirtschaftsverlag erscheinenden und inzwischen mehrfach kopierten Magazin.

Strotdrees reiste in seinem knapp einstündigen Vortrag durch eineinhalb Jahrhunderte Begriffsgeschichte. Denn bis etwa 1850 war „Heimat“ nichts anderes als ein Rechtsbegriff. „Wer Haus und Hof besaß, durch Geburt, Heirat oder ausdrückliche Aufnahme, hatte Heimatrechte. Niemand anders. Die emotionale Aufladung des Begriffs folgte erst danach durch die Romantiker“, erläuterte Strotdrees. In der Zeit der Industrialisierung zogen Hunderttausende in die Städte, lebten und arbeiteten dort und blickten zurück auf die heile Welt des Dorfs.

Heimatvereine als Gegenbewegung zum Staat

Die Heimatvereine entstanden als Gegenbewegung zum Staat, zu Preußen. Heimat entwickelte sich zum politischen Kampfbegriff des Kaiserreichs und zum Kernbestand der ideologischen Kriegsführung nach innen und außen. Heimat und Demokratie schienen sich auszuschließen, bis Oskar Maria Graf und Kurt Tucholsky den Begriff auch für die Demokratie reklamierten. In den 50er- bis 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts galt als ganz „rechtsaußen“, wer den Begriff „Heimat“ in den Mund nahm. Heimattümelei war und ist Kernbestandteil der Unterhaltungsindustrie auf seichtem Niveau.

Aber der Begriff hat sich wieder verändert. Natur, Kultur, Geschichte und Arbeitswelt in der eigenen Region nennt der Dachverband der Heimatvereine heute als Kriterien. „Ich will nicht Heimat schützen, sondern Heimat schüren“, zitierte Strotdrees Karl Ganser, den Stadtplaner und Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung Emscher-Park. Neu ist dabei das aktive Element, das Angebot von Offenheit und Integration. „Heimat schaffen“ sei jetzt das Ziel.

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