Interaktive Hilfe auf der Tischplatte
Bild: Walkusch
Haben das Assistenzsystem zusammen entwickelt: (hinten v. l.) Anja Grosse-Coosmann und Ulrich Rötgers vom Wertkreis, Sascha Jenderny vom Fraunhofer-Institut sowie Rudolf Stüker (Wertkreis). Am Freitag zeigten Thomas Simon (vorn, links) und Jan Schmidt, wie einfach die Bedienung ist.
Bild: Walkusch

Zwei sogenannte Forschungsdemonstratoren wurden mittlerweile fertiggestellt. Einer davon soll dauerhaft im Förderzentrum zur individuellen Lebensgestaltung und Berufsbildung (Filb) in Gütersloh stehen bleiben, damit junge Menschen mit Behinderung daran geschult werden können. Der zweite Prototyp soll durch die Werkstätten gehen – er kann mobil an verschiedenen Orten eingesetzt werden.

Bisherige Systeme sind zu unflexibel

Zu Beginn der Kooperation stand folgender Grundgedanke: Welche Möglichkeiten gibt es, dass Menschen mit Behinderung von der Digitalisierung und Technisierung ihrer Arbeitsplätze profitieren können, ohne durchs Raster zu fallen? „Die Arbeitswelt wird sich weiter verändern“, sagt Ulrich Rötgers, Leiter der Beruflichen Bildung beim Wertkreis. Und auch wenn Arbeitsabläufe zunehmend automatisiert würden, so müsse man doch darauf achten, dass Menschen mit Behinderung teilhaben könnten.

Assistenzsysteme gibt es am Markt laut Rötgers reichlich. Aber es habe noch kein Modell gegeben, das den Anforderungen des Wertkreises und der Menschen, die dort arbeiten, gerecht werde. Durch Zufall stießen Mitarbeiter des Wertkreises dann auf die Innovationen des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung. Ein Besuch in der Smartfactory Lemgo und ein Gegenbesuch von Forschern des Instituts in Gütersloh folgten. Im Frühjahr 2017 setzte man sich erstmals zu Gesprächen zusammen.

„Für die Forschung ist es wichtig, die Menschen, die das Gerät später nutzen, so früh wie möglich ins Boot zu holen“, sagt Sascha Jenderny, der das Projekt beim Fraunhofer-Institut leitet. Soll heißen: Zunächst mussten die Wissenschaftler erstmal herausfinden, wo die Probleme und Herausforderungen liegen. Damit so ein Assistenzsystem universal einsetzbar ist, muss es von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen intuitiv genutzt werden können. Auch üben nicht alle die gleiche Arbeit aus – je nach dem in welcher Firma sie eingesetzt sind.

Einarbeitungsphase wird erleichtert

„Die Einarbeitungsphase ist sehr aufwendig“, sagt Rudolf Stüker, Projekt-Entwickler beim Wertkreis. Menschen mit Behinderung stünden unter Druck, neue Arbeitsabläufe schnell und korrekt zu erlernen. Anschließend sei die Montage repetitiv. Das Erlernen neuer Prozesse dauere lange und sei für den Arbeitgeber entsprechend unwirtschaftlich. Das soll das Assistenzsystem ändern.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Forschungsdemonstrator kaum von anderen Arbeitsplätzen. An der Seite ist ein Monitor angebracht, der sich per Touchscreen bedienen lässt. Dort wird zunächst die Anleitung für das Produkt ausgewählt, das zusammengebaut werden soll – am Freitag bei der Vorstellung der Geräte sind das ein Flaschenöffner und eine kleine Metall-Dampfwalze.

Das Herzstück des Geräts fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. Neben den Lampen sind kleine Kameras angebracht, die auch schon bei Spielekonsolen zum Einsatz kommen. Sie können nicht nur Bilder und Videos auf die Arbeitsfläche projizieren, sondern erkennen auch Hände. Soll heißen: Während mit einem Film oder Foto ein Arbeitsschritt angezeigt wird, erkennen die Sensoren, ob der Beschäftigte in das richtige Fach gegriffen hat. Jeder Arbeitsschritt wird bestätigt. Wird ins falsche Fach gegriffen, blinkt eine Warnung auf. „Dadurch kommt es zu so gut wie keinen Fehlern“, sagt Ulrich Rötgers sichtlich begeistert.

Mitarbeiter konfigurieren selbst

Durch das System könne man die Arbeit für Menschen mit Behinderung vereinfachen und die Einarbeitungsphase deutlich beschleunigen. Soll ein anderes Produkt gefertigt werden, ist das kein Problem, betont Sascha Jenderny. Wo früher ein Programmierer habe gerufen werden müssen, könnten nun Mitarbeiter des Wertkreises selbst tätig werden. In einer ersten Schulung wurden acht Personen darin unterrichtet, das Gerät bei Bedarf selbst zu konfigurieren.

Bei den beiden Prototypen soll es nicht bleiben. Das sechsköpfige Team um Jenderny wird weiter forschen. Wie viel der Wertkreis in die Entwicklung investiert hat, will keiner der Verantwortlichen sagen. Aber sie sind sich sicher, dass das Geld gut angelegt ist, so Rötgers.

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