Kunstrasen im Stadtpark Gütersloh
Bild: Pieper
Teatime unterm Blätterdach: Beim „Kunstrasen“ im Gütersloher Stadtpark wurde die grüne Wiese zum Esszimmer.
Bild: Pieper

 Ein Stück weiter wird unterm dichten Blätterdach, zwischen Kronleuchter und Perserteppich, Undefinierbares geplappert – über private Zwistigkeit und Globalisierungseffekte. Auf Ibrüggers Teich wirft derweil ein Pärchen Puppenteile über Bord, um Haie zu ködern.  Im Hintergrund lockt das quekende Schnarzen zweier Entenpfeifen und irgenwo läutet ein sonorer Gongschlag die nächste Runde überraschten Staunens ein.

Dada, diese zur Kunstform erhobene Ablehnung konventioneller, bürgerlicher Ästhetik, feierte zum Abschluss des Straßentheaterfestivals „Platzwechsel“ am Pfingstmontag surreale Ideenvielfalt in Güterslohs grüner Stube. Stadtsinfoniker Willem Schulz hatte zusammen mit Alina Tinnefeld vom Theaterlabor Bielefeld die ebenso vielschichtig wie vergnügliche Bespielung des Parks inszeniert.

Geboren 1950 in Hamburg, aufgewachsen in einer Musikerfamilie in Vlotho, sucht der Cellist, Komponist und Dirigent Willem Schulz nach neuen künstlerischen Wegen. Beeindruckt von Fluxus und Happening der 60er-Jahre, experimentiert er nach seinem Musikstudium in Detmold mit der Frage, was denn Musik sei. Spartenübergreifende Aktionskunst interessiert ihn ebenso wie die Einsetzbarkeit akustischen Materials in der Musik. In der Freien Improvisation erkennt er die kommunikative Bedeutung musikalischer Prozesse. Gesellschaftspolitische Ansprüche lassen Schulz in soziokulturell engagierte Projekte einsteigen: Er arbeitet als Lehrer an der Bielefelder Laborschule und gründet 1976 das Kulturzentrum Wilde Rose in Melle, in dem er bis heute lebt und arbeitet. Die Erkenntnis der Ganzheitlichkeit bei Wahrnehmungs- und Erlebnisprozesse prägt seine Projekte. Seit Mitte der 80er-Jahre inszeniert er Musik in städtischer Architektur oder natürlicher Landschaft, im Morgengrauen oder um Mitternacht, um ungewöhnliche soziale Ereignisse zu schaffen.

 Lob und Anerkennung gebührt den professionellen Darstellern und Musikern sowie all den Laien, die bei nasskaltem Nieselregen ausharrten, um ihren Part im doppeldeutigen Spektakel „Kunstrasen“ zu erfüllen. Was 2001 in weit größerem Umfang schon mal unter dem Titel „Listen – Hören“ am Schweizer Zürichsee als musikalische Land-Art zu erleben war, lieferte auch den Güterslohern unerwartete Perspektiven und anregenden Gesprächsstoff. Es galt und gilt: Ist das auf den ersten Blick so Alltägliche erst einmal aus seinem üblichen Kontext herausgerissen, wird es illustriert durch seltsam anmutende Klänge, dann beginnt das Spiel der eigenen Gedanken.

Versucht nicht jeder sich nach seinem eigenen Rhythmus zu bewegen wie es die Tänzer von Ballett Neumann oder Stüwe-Weissenberg taten – und reiht sich doch in die gefügig machende Choreographie des Alltags ein? Bleibt noch Zeit für ein wirkliches Hin-Hören – auch wenn das Gegenüber nicht in barocker Kostümierung oder so puppenhaft agierend wie die Freiherr-vom-Stein-Realschüler vor einem steht? Und wie ist das mit all den Managern, die ihre Bedeutung einzig an einem übervollen Terminkalender festmachen? Im Stadtpark tobten sie wild gestikulierend um eine Pappmaché-Möhre. Grotesker kann man den Tanz ums goldene Karriere-Kalb nicht offenbaren.

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