Meister der Schrägheit begeistert
Genialer Musik-Clown und mehr: Helge Schneider begeisterte am Sonntagabend in Halle 1650 Fans als Meister der Schrägheit.

Brauchte er aber nicht, denn 1650 begeisterte Zuschauer ließen sich nur zu willig in Helges Welt entführen. Zum Glück hatte die „singende Herrentorte“ ein Navi im Auto. Schließlich erfuhr Schneider erst von Halle, als ihm sein Management davon erzählte. „Das habe ich vorher nicht gekannt, aber Ihr habt hier eine schöne Straße …“, frotzelte er munter drauflos.

Zeit, die Lindenstadt noch kennenzulernen, dürfte ihm genug bleiben. Er möchte nämlich älter werden als der „viel zu früh gestorbene“ Johannes Heesters. Könnte klappen, denn als Vegetarier isst er unheimlich gerne Fleisch.

Oh ja, zwischen seinen schönen Harmonien kann der 56-Jährige so herrlich böse sein. Kostprobe: „Unser Bundeskanzler, der immer in Frauenkleidern herumläuft.“ Und in Halle sitzt das beste Publikum mit lauter Sittenstrolchen, erkennbar an den karierten Pullundern. In der Politik tut sich der Jongleur des abgebrochenen Gedankengangs dagegen schwer. Obwohl er ja als Nachfolger für den Job des Bundespräsidenten vorgeschlagen worden sei. Aber da will er nicht so recht anbeißen.

Herrausragende Musikalität

Regieren kann er trotzdem. Auf der Bühne ist Schneider der Bestimmer. Der Leibeigene Bodo bekommt das hautnah zu spüren. Bodo bringt den Kamillentee, wann immer dem Teeisten danach verlangt.

Knorrige Press-Stimme, lockerer Gang und herausragende Musikalität. Von Jazz bis Country – Helge Schneider ist sich für nichts zu schade. Zwischen Blues und Chanson ist immer Platz für einen blöden Spruch. Logik spielt keine Rolle. Der Gesang außerhalb der rhythmischen Gesetze – sein Markenzeichen.

Impovisation ist alles

Zwischendurch krabbelt er auf allen vieren über die Bühne. Der Anarcho-Blödler ist in seinem Element. Singt von „Jonny Klaus“ und dem „Meisenmann“. Da kommt Sergej Gleithmann mit seiner Choreografie ins Spiel. Federleicht fliegt der Zausel mit wehendem Haar über die Bühne. Oder Tyree Glenn junior mit seinem genialen Saxophon-Part beim „Telefonmann“. Da spielt es keine Rolle, dass Helge seinen Text immer an der gleichen Stelle vergisst. Improvisation folgt halt auch nur einem festen Drehbuch.

Insgesamt sorgt der Musik-Clown Schneider für einen wohltuenden Kontrapunkt im überschwappenden Einerlei dauerlustiger Komiker und Schnellabsonderer auftoupierter Wortkaskaden. Ja, ja, so unaufgeregt kann gute Unterhaltung sein. Ralf Steinecke 

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