Missbrauchsfälle an Jungen nehmen zu

Die Bereitschaft, Verdachtsfälle zu melden, ist  deutlich gestiegen. Im Jahr 2001 gab es 128 Verdachtsfälle von Missbrauch an Mädchen und Jungen bei der Beratungseinrichtung Wendepunkt in Gütersloh. 2010 waren es 231 Fälle. Während sich die angezeigten Missbrauchsfälle bei Mädchen von 106 im Jahr 2001 auf 152 im Jahr 2011 erhöht haben, sind die gemeldeten Verdachtsfälle bei den Jungen um fast das vierfache gestiegen – von 22 auf 79.

Siegfried Gebert, Sozialarbeiter beim Wendepunkt, bewertet die Steigerung positiv. „Es handelt sich nicht um eine Steigerung der tatsächlichen Fälle, sondern zeigt, dass die Bereitschaft, Verdachtsfälle zu melden und Hilfe zu suchen, gestiegen ist.“

Heutzutage ist die Öffentlichkeit für das Thema Missbrauch sensibilisiert. Fast täglich berichten die Medien über tragische Fälle. Trotzdem ist sich Gebert sicher, dass nur etwa ein Zehntel der Missbrauchsfälle angezeigt werden und die Dunkelziffer bei fast 90 Prozent liegt. „Diese Hemmschwelle gilt es, zu überwinden. Besonders die gestiegene Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle bei Jungen ist ein gutes Zeichen.“

Auch Jungen sind in der Opferrolle

Dies ist auf zwei wesentliche Entwicklungen zurückzuführen: Zum einen hat sich das männliche Rollenverständnis gewandelt, zum anderen gibt es heute ein verändertes gesellschaftliches Bewusstsein – auch Jungen können Opfer sexualisierter Gewalt werden. Lange Zeit galt es als unmännlich, Schwäche zu offenbaren. Ein Junge durfte keine Ohnmacht, Scham oder Angst zeigen. Verletzbar zu sein passte nicht in das Rollenverständnis. „Auch die Annahme, dass Jungen sich gegen sexuellen Missbrauch wehren können, ist schlichtweg falsch“, erklärt Gebert. „Es gibt ein Machtgefälle zwischen Opfer und Täter. Ein kleiner Junge kann sich nicht wehren. Für ihn ist ein sexueller Übergriff eine Überraschungssituation, wie die Katze für die Maus.“

Die Täter stammen meistens aus der Familie

In den meisten Fällen kommen die Täter aus dem familiären Umfeld, sie sind Vertrauenspersonen mit denen die Kinder fast täglich Umgang haben. „Oft haben die Opfer Angst vor den Reaktionen, das familiäre Gefüge könnte zusammenbrechen. Oder noch schlimmer, es wird ihnen nicht geglaubt“, erzählt Ulrike Wehmeier-Pilarski, Mitarbeiterin beim Wendepunkt.

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