Saisoneröffnung im Theater Gütersloh
Bild: Declair
Hinter den Masken braver Bürger verbirgt sich das Böse: Szene aus Ödon von Horvarths „Geschichten aus dem Wiener Wald“, mit dem das Deutsche Theater Berlin die Spielzeit im Theater Gütersloh eröffnet.
Bild: Declair

Dafür plätschert in unerbittlicher Walzerseligkeit Strauß’ „schöne blaue Donau“ durch Ödon von Horvaths bitterbös-zeitlose „Geschichten aus dem Wiener Wald“ und lässt sie überleben – die Bestie Mensch.

 Michael Thalheimer, Star-Regisseur am Deutschen Theater Berlin, servierte zum Saisonauftakt im Theater Gütersloh mit seinem superb aufspielenden Ensemble ein ebenso beeindruckendes wie verstörendes Horror-Typen-Kabinett. Im leeren Bühnenraum ließ er eine Phalanx dumpf denkender Verlierer aufmarschieren.

Geboren aus den Schrecken des Ersten Weltkriegs, gebeutelt von der Weltwirtschaftskrise und schon infiziert vom aufkeimenden Nationalsozialismus kämpfen sie so gnaden- wie erfolglos um ihr nicht vorhandenes Glück. Hinter den Masken braver Bürger lügen und betrügen, meucheln und morden sie. Ein brutaler Reigen aus Lebensangst und -gier, drastisch bis zur Groteske von Thalheimer umgesetzt.

Der Zuschauer wird dabei zum Voyeur degradiert, der es sich im Theatersessel nicht bequem machen darf.  So muss das Publikum gleich anfangs unangenehm lange im Scheinwerferlicht ausharren, während sich die Protagonisten – wilden Tieren gleich – im Bühnendunkel formieren. Bereit zum Angriff.

Michael Gerber gibt den Zauberkönig, den gescheiterten Spielwarenhändler, als selbstgerechten Versager, dem seine Hoffnungen wegplatzen wie die Ballons, die er in Händen hält. Seine Tochter Marianne – grandios gespielt in ihrer Verletzlichkeit von Katrin Wichmann – ist die Einzige, die menschlich denkt und handelt. Daran zerbricht sie – im kunterbunten Konfettiregen. Peter Moltzen mimt glänzend ihren bigotten Verehrer Oscar. Nicht nur von Beruf ein Fleischhauer. Sein Gegenspieler ist der Hallodri Alfred. Andreas Döhler präsentiert ihn ätzend selbstverliebt, als schmierige „Rennplatzkapazität“. Moritz Grove ist der stramme, aufstrebende Deutschnationale. Simone von Zglinicki als Großmutter erschreckt bizarr tanzend als Kindeskillerin in der Kittelschürze, während Georgia Lautner als naive Ida mit dem lüsternen Fleischergesellen Ladislaus (Henning Vogt) flirtet. Ein Gänsehaut erzeugender Tanz auf dem Vulkan.

Und als wären solche Paarungen noch nicht genug an Entsetzlichem, liefert Almut Zilcher als Valerie noch eine unnötig überzogene, allzu schrille Darstellung der männerverschlingenden intriganten Kioskbesitzerin. Da und beim Wurst spuckenden Havlitschek hätte der für seine genialen Klassiker-Kürzungen und stringenten Inszenierungen gerühmte Thalheimer seinem guten Ruf folgen sollen. Horvarths mitleidlosem Abgesang auf die Menschlichkeit hätte das sicher keinen Abbruch getan.

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