Steigbügelhalterinnen für Hitlers Aufstieg
Bild: Poetter
Ambitionierte Historikerin aus Halle: Katja Kosubek hat mit ihrer Dissertation „Genauso konsequent sozialistisch wie national“ ein spannendes Stück Geschichte aufgearbeitet.
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Es sind autobiografisch-offene Schreiben von Frauen, die sich früh und mit großer Begeisterung zu Hitler und dessen Partei bekannten. Der vermeintliche Aufsatzwettbewerb war von dem US-Soziologen und polnischen Emi-granten Theodore Abel initiiert worden, um Daten und Fakten über die Beweggründe der Deutschen, Hitler zu folgen, zu sammeln.

Tipp:

 Am Dienstag, 12. September, stellt Katja Kosubek, unterstützt von drei Frauen, die aus den Quellen lesen, ihre Dissertation ab 20 Uhr in der Stadtbücherei Halle, im Bürgerzentrum Remise, vor. Das Buch (608 Seiten, 42 Euro) erschien im Wallstein-Verlag,

Abel bekam 683 Schreiben begeisterter Nationalsozialsten, darunter 36 von Frauen. Die allerdings wertete der Soziologe nicht aus, weil er die weibliche Sichtweise auf Hitler und dessen Ideen nur für ein Echo der männlichen Wahrnehmung hielt. So gerieten die zum Teil enthusiastischen, von großen Hoffnungen auf einen „nationalen Sozialismus“ getragenen Bekenntnisse in Vergessenheit – eingelagert in der so genannten Abel-Collection im Archiv der amerikanischen Stanford University.

Unter dem Titel „Genauso konsequent sozialistisch wie national – Alte Kämpferinnen der NSDAP vor 1933“ hat die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg diese Biogramme jetzt erstmals als neue Quellenedition herausgegeben – sachkundig und aufschlussreich kommentiert von Katja Kosubek, die das Thema gleich für ihre Dissertation nutzte.  Ein Buch, das schon für Aufmerksamkeit gesorgt hat: Ein Bericht in der „Zeit“, eine Rezension in der „Welt“ mit dem Fazit, dass hier ein mehr als spannendes und neues Kapitel der Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus aufgeschlagen werde.

Schon als Studentin seien ihr einzelne Zitate der „alten Kämpferinnen“ in dem Buch „Mütter im Vaterland“ (Claudia Koonz) begegnet, verrät Kosubek im Gespräch mit der „Glocke“. Sie blieb am Ball, um mehr über diese Frauen zu erfahren: Wie haben sie gelebt? Welche Erfahrungen haben sie geprägt? Welche Wünsche, Hoffnungen und auch Erwartungen an die NSDAP hatten sie?

„Es lohnt sich wieder Weib, nicht Weibchen zu sein“

 „Es reicht nicht zu sagen ,So etwas darf nie wieder passieren‘“, betont die Historikerin. Vielmehr müsse man -  auch und gerade heute angesichts der Anziehungskraft rechter Bewegungen – fragen: Woraus speiste sich die Begeisterung für die NS-Ideologie?“ „Offenbar hat die NS-Bewegung etwas Attraktives gehabt, das die Durchschnittsfrauen zwischen 17 und 70 Jahren, unter ihnen Mütter, Krankenschwestern und Schreibkräfte, motivierte, sich im Schatten dieser Männerpartei massiv zu engagieren“, attestiert Kosubek.

Das beginnt beim Verhöhnen der skeptischen Bürger und macht auch nicht Halt vor den NSDAP-Versammlungen, „in denen es selten ohne Kampf abging“, wie eine Marianne zugibt. Aber: „Ein paar Hautabschürfungen, ein paar Glassplitter im Gesicht, das wurde nicht gerechnet“, heißt es in einem anderen, von Abenteuerlust geprägten Brief. Geht es im ersten Teil des Buchs um die gesellschaftliche Herkunft der Frauen, deren Motivation und Aktivitäten, dem Wunsch nach mehr Gerechtigkeit und einem aufregenderen Alltag, so steht im zweiten Teil die Auswertung der Quellen im Fokus.

 Kosubek stellt fest, dass viele Verfasserinnen von der Idee einer „Volksgemeinschaft“ fasziniert waren. Zudem wollten sie sich – wie die Männer – für ihr Vaterland einsetzen. „Unser Führer wird mir helfen, ein kleines Glied an einer großen Kette sein zu dürfen“, schreibt Erna. Und Marianne weiß: „Es lohnt wieder, Weib zu sein in diesem Sinn der mütterlichen Kraft an Leib und Seele, nicht Weibchen mit dem aufdringlich animalischen Stempel der Erotik in Haltung und Geistesrichtung.“

Egal, ob graue Maus, die endlich Anerkennung erfährt, oder selbsterkorene Kämpfernatur: Gewicht bekam die Mund-zu-Mund-Propaganda der Frauen. „Als Multiplikatorinnen haben sie den Boden für Hitlers Aufstieg bereitet“, ist sich Kosubek sicher.

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