Wege durch das Land führen zum Gut Langert
Bild: Pieper
78 und kein bisschen leise: Schauspiel-Grandseigneur Matthias Habich las und wütete wie Michael Kohlhaas – flankiert von Klaus Hemmerle und Festivalleiterin Helene Grass.
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Stürmischer Applaus für die Schauspieler Matthias Habich, Helene Grass und Klaus Hemmerle, die Heinrich von Kleists Helden als Kämpfer gegen eine korrupte Obrigkeit in all seiner zeitlosen Ambivalenz am Wochenende wiederbelebt haben. Eine szenische Lesung voller Emotion – getragen von den expressiven Klängen der Jazz-Gitarristen Jo Ambros und Frank Kuruc. Eine Auftragsarbeit. Ein Experiment. Ein voller Erfolg. Es war einer dieser Abende, die das Literatur- und Musikfestival „Wege durch das Land“ zu etwas Besonderem machen, seinen Ruf als Perle im bundesweiten Kulturkanon unterstreichen.

Dass die Festivalmacher dafür erstmals auf dem ehemaligen, schon 1201 urkundlich erwähnten, im stattlichen Fachwerk erbauten Rittergut an der Lutter Station machten, hatte seinen guten Grund, wie Dramaturg Albrecht Simon von Bockum-Dolffs eingangs erläuterte: Seit jeher sei der Hof ein privates, autarkes Machtzentrum gewesen, hätten es die Bewohner verstanden, sich zwischen den Herrschenden der Region zu behaupten. Was er an dem über Generationen währenden Streit über die Hoheitsrechte über die umliegenden Gebiete festmachte: „Der Familie Langert wurde immer wieder vorgeworfen, dass sie außerhalb ihres Grunds und Bodens zur Jagd gehe, also wildere. Sie klagte sich daraufhin bis zu den höchsten Gerichten des Reiches und resignierte nicht. Dies ist also ein Ort, der prädestiniert ist für den Widerstand gegen das Unrecht.“

Womit das Tor für Michael Kohlhaas weit offen stand. Die Novelle vom aufrichtigen Rosshändler spielt im 16. Jahrhundert. Er wird von einem eitlen, geldgierigen Junker um zwei Pferde betrogen. Als der Edelmann auch noch Kohlhaas’ Knecht zusammenschlagen lässt, des Pferdehändlers Klage vor Gericht abgewiesen und seine Frau beim Versuch, am Hofe vorzusprechen, tödlich verletzt wird, „da Hinz und Kunz an den Fürstenhöfen verschwägert sind und zusammenhalten“, schwört Kohlhaas Vergeltung. Er beginnt einen blutigen Rachefeldzug, sieht sich als Statthalter des Erzengels Michael und setzt halb Sachsen in Brand beim Versuch, den Junker als Wurzel allen Übels zu töten. Am Ende erhält Kohlhaas zwar seine Pferde zurück – wird aber gerichtet. Scheitern als Lebensprinzip, typisch für Kleist, der sich selbst die Kugel gab.

Sprache wie Pistolenschüsse

Klaus Hemmerle, einst Bühnenakteur am Schauspielhaus Zürich, ist heute Schauspieldozent in Stuttgart und Regisseur. In seiner klugen Neufassung von Kleists Novelle befreit er den Kohlhaas vom Dunst moralinsaurer Deutschunterrichtspädagogik, ohne die literarische Vorlage zu verwässern. Im Gegenteil. Er offenbart des Autors „Politologie der Poesie“.

Denn der Kleist, der 1807 nach Aufgabe seiner Tätigkeit als Buchhalter im Königsberger Finanzdepartment auf dem Weg nach Berlin von den Franzosen als Spion gefangen genommen und unschuldig eingesperrt wurde, machte danach das Thema Widerstand zu seinem ureigensten. Und auch die damit einhergehende Gewalt. Er hoffte auf einen Volksaufstand. Die Welt war für ihn Krieg – was sich im „Kohlhaas“, der 1810 erschien, niederschlug.

Nicht von ungefähr klingen viele Sätze wie Pistolenschüsse, formieren sich die Beschreibungen der Abläufe des Geschehens und der inneren Befindlichkeiten der Protagonisten wie auf einem Schlachtfeld.

Beeindruckend, wie der 78-jährige Matthias Habich („Der Fangschuss“, „Das Urteil“, „Ein halbes Leben“) – locker in sommerlich weißem Hemd und mit Wuschelhaaren erschienen – in seinen perfekt akzentuierten sprachlichen Sturzbächen zum Kohlhaas mutierte: Eben noch überlegt und geduldig, ganz die „Goldwaage der Gerechtigkeit“, schlug er im nächsten Moment mordsmäßig wütend verbal um sich.

Festivalleiterin Helene Grass sprach und spielte die machtlose Ehefrau Elisabeth, gab den gebeutelten Untertanen eine Stimme, entlarvte mit aalglatter Stimme den angeblich so edlen Adel als degenerierte, tugendlose Gesellschaft.

Klaus Hemmerle war der Erzähler, der die politischen Seilschaften ebenso anprangerte wie die latente Bösartigkeit administrativer Funktionsträger gegenüber dem machtlosen Bürger. Beides Antriebsfedern der Gewalt-Spirale. Aber bei aller gebotenen Empathie für den Helden arbeitete er auch stringent dessen Verwandlung in einen „Gerechtigkeits-Terroristen“ heraus. Hemmerles Kleist-Fassung brachte die Brüchigkeit der Zivilisation – damals wie heute – auf den Punkt.

Musikalisches Kopfkino

All das musikalisch umzusetzen, zu untermalen und widerzuspiegeln, kommt einer Rosskur gleich. Franz Kuruc, Dozent für Jazz-Gitarre an der Musikakademie in Mannheim, Film- und Theaterkomponist sowie Sideman von Till Brönner oder Mikis Theodorakis, stellte sich der Herausforderung. Zusammen mit einem der facettenreichsten deutschen Jazz-Gitarristenm Jo Ambros (kongenialer Begleiter von Helen Schneider, Sound-Installateur für Theater, Hörspiele und Kunstperformances) schuf Kuruc ein ganzes Kohlhaas-Kaleidoskop.

Mit treibenden Rhythmen jagten sie eingangs über die sechs oder zwölf Saiten ihrer Gitarren, markierten damit den Aufgalopp des Rächers. Mit der Westerngitarre suggerierten sie das Bild eines unabhängigen, nur sich selbst verpflichteten, ewigen „Easy Riders“. Mit bluesigem Hall und jazziger Melancholie symbolisierten sie Kohlhaas’ Ohnmacht. Nur kurz schwebten freundliche Minne-Melodien als Requiem für die getötete Elisabeth durch die atmosphärisch ausgeleuchtete Scheune, ehe zunehmend dissonante Klänge als Wispern einer Menschenmenge am Hinrichtungsplatz unter die Haut gingen. Noch ein paar gezupfte Takte, kurz und drohend wie Trommelschläge, ehe die Töne endgültig zerrissen. Eine superbe Gesamtaufführung – viel zu schade, um sie „nur“ einmal bei diesem Festival zu erleben

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